28.12.2012, 14:26 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de
"Ich will das aber!" Kinder sollten nach und nach mehr Mitspracherecht bekommen. (Quelle: t-online.de)
"Solange du deine Füße unter meinem Tisch stellst, sage ich, wo es lang geht!“ Solche autoritären Erziehungspostulate gehören glücklicherweise heute nur noch selten ins pädagogische Repertoire von Eltern. Moderne Väter und Mütter begreifen sich nicht mehr als allmächtige "Bestimmer" über ihre Kinder. Vielmehr nehmen sie ihren Nachwuchs als kleine Persönlichkeiten wahr, die schon früh einen eigenen Willen, eigene Bedürfnisse und eigene Ansichten entwickeln. Doch inwieweit sollten Eltern dieser Persönlichkeitsentfaltung nachkommen?
Moralische und politische Reife sowie die Fähigkeit über sein Leben alleinverantwortlich zu bestimmen, ist jungen Menschen in Deutschland erst mit 18 Jahren gesetzlich zugesichert. Dennoch werden Jugendliche mit Erreichen der Volljährigkeit nicht von heute auf morgen zu mündigen Bürgern. Der Weg dorthin beginnt bereits in früher Kindheit. Denn schon Babys zeichnen sich durch starken Willen und Durchsetzungsvermögen aus - entscheiden über ihre Handlungsweisen. So krabbeln sie beispielsweise zielgerichtet auf ein bestimmtes Spielzeug zu und machen damit unmissverständlich klar, was sie wollen. Oder sie fremdeln und brüllen lautstark, wenn ihnen ein weniger vertrautes Gesicht zu nahe kommt. Auch damit dokumentieren die Kleinsten ihren unverrückbaren Willen und zeigen deutlich, welche Menschen sie bevorzugen und welche nicht. Dies alles geschieht jedoch ohne bewusste gedankliche Reflexion und kann somit noch nicht als echte durchdachte Entscheidungsfindung gewertet werden.
Egal was Mama und Papa auch fragen - die Antwort der Kleinen ist immer die gleiche. zum Video
Mitbestimmung ist nicht gleich Mitbestimmung. Wann Kinder sich bewusst und reflektiert entscheiden können, hängt von ihrem Alter und ihrer intellektuellen oder "kognitiven" Entwicklung ab. So kann es passieren, dass Kinder, die zu früh zu viel mitbestimmen dürfen, schnell überfordert werden. Grundsätzlich gilt die Faustregel: Je älter das Kind ist, desto weitreichendere und komplexere Entscheidungen kann es treffen.
Mitbestimmung muss also altersgerecht sein und muss geübt werden. Das geht am besten mit der Hilfestellung und Führung der Eltern, die bestimmte Entscheidungen durch eine Vorauswahl lenken und vereinfachen können. Denn lässt man vor allem jüngeren noch nicht schulpflichtigen Kindern zu viele Wahlmöglichkeiten, fühlen sich die Kleinen schnell überfordert bei der Abwägung ihrer Pro- und Kontra-Argumente. Besser ist es das "Mitbestimmen" in kleinen Schritten zu lernen, indem man zunächst nur zwei Alternativen anbietet, die jedoch einander nicht ausschließen dürfen. Diplomatisch könnten Eltern beispielsweise das Thema Buchauswahl beim Vorlesen so angehen: "Möchtest du zuerst die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz und dann das Pixie-Buch oder umgekehrt?" Durch diese Fragestellung wissen die Kinder, dass sie nichts verlieren können und genießen die "Freiheit" ihrer Auswahlmöglichkeiten. Mit dieser Vorgehensweise wächst ein Kind nach und nach in eine Entscheidungskompetenz hinein und die Eltern können die Entscheidungsfreiheiten immer mehr ausweiten.
Einfach Fotos hochladen und staunen, wie ein Baby mit dem Partner - oder mit dem Lieblings-Star - aussehen könnte. Baby-Generator
Welche Art Mitbestimmung kann man Kindern in welchem Alter "zumuten"? Hier einige Richtwerte:
Kindliche Entscheidungen werden nicht immer von Eltern gutgeheißen, auch wenn sie beratend beiseite gestanden haben. Vor allem bei noch nicht schulpflichtigen Kindern ist es schwierig bestimmte Entschlüsse in Frage zu stellen. Das endet allzu häufig in einem trotzigen Wutanfall und frustriert, da die Kinder das Gefühl bekommen, dass ihr Mitspracherecht nachträglich zunichte gemacht wird. Konfliktpotential gibt es in diesem Alter vor allem beim Thema Schlafen, Essen oder Kleidung. Ein typischer Fall: Ein Vierjähriger hat sich alleine angezogen und möchte im Winter gerne seine Sommerjacke in den Kindergarten mitnehmen. Doch die Mutter will dies unbedingt verhindern.
Der bekannte dänische Pädagoge Jesper Juul rät in seinem Buch "Das kompetente Kind" in solchen Fällen auf jeden Fall diplomatisch vorzugehen, die kindliche Entscheidung zu respektieren und Alternativen anzubieten wie zum Bespiel: "Aha, das hast du also angezogen, ich glaube, das ist ein bisschen wenig. Du kannst so bleiben, aber du solltest vielleicht noch deinen Anorak mitnehmen, wenn du frierst." Für Jesper Juul sind solche Kompromisslösungen wichtig, damit Kinder lernen selbstständig zu werden. Eltern sollten, so der Pädagoge, dies nicht als Beschneidung ihrer Autorität verstehen: "Kinder wollen selber bestimmen und man denkt, es hätte mit Macht zu tun. Aber darum geht es den Kindern nicht. In Wirklichkeit meinen sie: 'Ich möchte gerne selber dafür verantwortlich sein.' Die Konfliktlösung funktioniert also nur über Begleitung und nicht über Machtkampf."
Eine klassische Instanz, um Mitsprache in der Familie zu kultivieren ist ein regelmäßig tagender Familienrat. Er ist vor allem für Kinder im schulpflichtigen Alter die ideale Spielwiese um Mitbestimmung zu lernen und zu trainieren. Gegenseitige Achtung und Respekt vor dem Anderen sind Grundvorrausetzungen, um anstehende Themen zu besprechen. Dabei sind alle Familienmitglieder gleichwertig. Jeder darf das ansprechen, was ihn bewegt, und alle anderen hören erst einmal nur zu. Eine Tagesordnung kann dem Treffen eine Struktur geben und den roten Faden bilden. Am Schluss sollten alle Interessen irgendwie unter einen Hut kommen und gemeinsame Lösungen gefunden werden, die allen behagen. Vor allem für die Kinder sind solche Zusammenkünfte wichtig: Sie lernen nicht nur wichtige Kommunikationsregeln, sondern bekommen auch das Gefühl mit ihrer persönlichen Meinung und Entscheidung ernst genommen und als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert zu werden.
Nicht alle Themen, sind jedoch für einen Familienrat geeignet. Diskutiert werden sollten beispielsweise nie partnerschaftliche Probleme. Sinnvoll dagegen ist, über alles zu reden, was das Leben im familiären Alltag ausmacht von "A" wie Aufräumen über "M" wie Müll raustragen bis "Z" wie Zubettgehen.
Gleichgültig, bei was Kinder Mitspracherecht haben, entscheidend ist, dass sie überhaupt partizipieren können. Denn mit selbstständiger Entscheidungsfindung lernen Kinder Verantwortung zu übernehmen und begreifen, dass dies immer eine Konsequenz nach sich zieht, zu der man stehen muss. Damit würden sie in gewisser Weise "gleichwürdig" mit den Erziehungsberechtigten, so Jesper Juul. Dieses partnerschaftliche Miteinander und die Möglichkeit zur Mitbestimmung bewirkten, dass demokratisches Denken und Handeln bei den Kindern gefördert und die familiäre Harmonie gesteigert werde: "Persönliche Verantwortung schafft eine gesunde Basis für unser Sozialverhalten. In Familien, in denen die Eltern dies zu erkennen bereit sind, findet man sehr viele weniger Konflikte, mehr Nähe und stärkere Kinder."
Quelle: Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de
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