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Kita-Rechtsanspruch: Kita-Ausbau unter Hochdruck hat erhebliche Nachteile für die Kinder

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Kita-Ausbau unter Hochdruck hat erhebliche Nachteile für die Kinder

31.05.2013, 09:33 Uhr | Andrea Barthélémy, dpa

Kita-Rechtsanspruch: Kita-Ausbau unter Hochdruck hat erhebliche Nachteile für die Kinder. Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz: die Qualität der Betreuung kommt zu kurz.  (Quelle: dpa)

Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz: die Qualität der Betreuung kommt zu kurz. (Quelle: dpa)

Von August an hat jedes Kind in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Der Druck, genug Plätze bereitzustellen, ist groß. Für die Kinder ist das nicht von Vorteil, sagen Pädagogen. "Die großen Kraftanstrengungen, diesen Anspruch erfüllen zu können, führen vielerorts dazu, dass die Qualität zu kurz kommt", sagte der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. Kurzum: Immer mehr Kinder werden in oft ungeeigneten Räumen von zu wenig Erziehern betreut.

Alltag in einer Berliner Kita: Durch den großen Mehrzweckraum wuseln ein Dutzend Kinder und wühlen in der Verkleidungskiste. In den drei Gruppenräumen werden je 17 Drei- bis Fünfjährige betreut. "Früher waren es nur 15", sagt die Leiterin, die anonym bleiben will, in Erinnerung an bessere Zeiten. Die Kita wurde in den 60er Jahren als Teilzeiteinrichtung gebaut. Die Räume wuchsen mit den gestiegenen Anforderungen nicht mit.

Realität heute: Eine Erzieherin pro Gruppe, dazu knapp zwei Planstellen für die zwölf Krippenkinder im Alter zwischen ein und zwei Jahren. So steht es mit der Ausstattung für das Betreuungs- und Bildungskonzept, das auch Sprachförderung, Musik und Sport vorsieht.

Realisierbar ist das nur durch immenses Engagement der Mitarbeiter und Honorarkräfte. "Unser Personalschlüssel orientiert sich an den Gutscheinen der Kinder - mehr ist da nicht drin." Die Leiterin klingt frustriert. Als eine Krippenerzieherin ging, hat sie ein halbes Jahr nach einer Nachfolgerin gesucht.

Wegen Fachkräftemangel leidet die Qualität der Betreuung

Mit diesem Problem steht die Berliner Kita-Chefin nicht alleine da. Fachkräftemangel ist eines der größten Probleme, mit denen die Einrichtungen zu kämpfen haben. Verstärkt wird der Druck durch den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, den jede Familie von August an auch für Kinder unter drei Jahren geltend machen kann. Zwar mehren sich derzeit die stolzen Meldungen von Kommunen, die mit der erforderlichen Zahl aufwarten können, doch beim genaueren Hinschauen ist nicht alles rosa. Zur Zeit fehlten bundesweit noch weit über 100.000 Kita-Plätze, schätzte Stadler. Verschiedenen Berechnungen zufolge werden zudem 15.000 bis 30.000 Erzieher zusätzlich gebraucht

"Hart an der Grenze zu kindeswohlgefährdenden Bedingungen"

Die AWO, Trägerin von über 2300 Kitas im Bundesgebiet, hatte in den Einrichtungen nachgefragt. "Wir arbeiten hier ständig hart an der Grenze zu kindeswohlgefährdenden Bedingungen", beschrieb eine Kita-Leiterin die enge Personalsituation.

Überbelegung, Überlastung der Erzieher und Fachkräftemangel sind demnach in mehr als der Hälfte der Kitas ein Problem. Viele sehen sich unter dem Druck, mehr Plätze anzubieten, ohne die Infrastruktur aufstocken zu können - nach dem unfreiwilligen Motto: Einer passt noch rein. "Häufig schlagen Kommunen ungeeignete Räume zur Nutzung vor, etwa Mehrzweckhallen oder Container", berichtete Stadler.

Bewegungs- und Sprachförderung kommt zu kurz

Für den Entwicklungspsychologen Professor Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut NRW in Köln ist frühkindliche Betreuung zu solchen Konditionen nur bedingt empfehlenswert: "Damit wir junge Kinder optimal betreuen und fördern können brauchen wir mehr Qualität, als wir sie zur Zeit haben", sagt er. "Nie wieder lernt ein Mensch so viel, so schnell und so leicht wie in den ersten Lebensjahren."

Das gilt selbst beim Windelwechseln. "Ein Erzieher, der sich hier Zeit für das Kind lassen kann, es ohne Windeln strampeln lässt und Wortspiele mit ihm macht, tut sehr Wichtiges für die Bewegungs- und Sprachförderung." Um das zu gewährleisten, bräuchten neun Kleinkinder aber drei Erzieher, betont Strätz. "Diesen Schlüssel erreicht derzeit kein einziges Bundesland." Auch für Ganztagsgruppen älterer Kindergartenkinder hält er drei volle Fachkräfte für unerlässlich.

In Ost-Kitas ist doch nicht alles besser

Professor Susanne Viernickel, Prorektorin der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, teilt die Bedenken. Trotz des viel gelobten breiten Kita-Angebots in Ostdeutschland sei der Betreuungsschlüssel für jüngere Kinder gerade dort häufig besonders schlecht. Das belegt auch der Bertelsmann-Ländermonitor vom Juli 2012: Während im Saarland das Verhältnis von Erziehern zu Krippenkindern bei etwa 1:3 liegt, ist die Relation in Brandenburg, Sachsen oder Sachsen-Anhalt bei etwa 1:6. "Das Gute ist: Wir haben in Deutschland Standards, wenn auch in jedem Bundesland eigene. Das Schlechte: Aus wissenschaftlicher Sicht reichen sie nicht aus."

AWO-Chef: Bund soll Kita-Kosten übernehmen

Einen Ausweg aus der Personalmisere sieht Viernickel, deren Uni als eine der ersten eine Hochschulausbildung für Erzieherinnen anbot, in der ausgewogenen Mischung der Mitarbeiter: "Hilfskräfte können Fachkräfte nicht ersetzen, aber sie können sie prima unterstützen." Doch auch sie müssen bezahlt werden - und viele Kommunen sind klamm. "Der Bund muss einen Großteil der Kita-Betriebskosten übernehmen", fordert AWO-Chef Stadler deshalb.

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