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Qualität deutscher Kitas ist besorgniserregend

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Verwahrt statt betreut  

Qualität deutscher Kitas ist besorgniserregend

04.07.2014, 11:53 Uhr | Lisa Erdmann, Spiegel Online

Qualität deutscher Kitas ist besorgniserregend. Nicht selten ist eine Betreuerin in einer Krippe für mehr als sieben Kinder verantwortlich. Zu viel, sagen Experten. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Kitas sollen besser werden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine Studie über die Situation in Hamburg zeigt exemplarisch die Mängel beim Krippenausbau: Es fehlen massenhaft Erzieher, viele Kitas behelfen sich mit Praktikanten. Die Qualität der Betreuung für die Kleinsten ist mittelmäßig.

Sie stehen auf Wartelisten, sie lassen Castings über sich ergehen, manche biedern sich an: Um den begehrten Krippenplatz in einer von den Kitas mit dem besten Ruf zu ergattern, verrenken sich Eltern häufig ganz schön - immer noch. Trotz Krippenausbau und Rechtsanspruch auf einen Platz ab dem ersten Geburtstag. Irgendeine Einrichtung lässt sich zwar inzwischen immer finden. Aber Eltern wollen in der Regel das Beste für ihre Kinder. Nach der Quantität rückt die Qualität in den Mittelpunkt. Und daran hapert es in Deutschland.

Miserabler Personalschlüssel in Krippen

Die Hamburger Wohlfahrtsverbände, selber Betreiber von mehr als 500 Kitas, haben eine Studie zur Situation in ihrem Bundesland vorgelegt. Die Verfasser von der Alice Salomon Hochschule in Berlin untersuchten besonders den Personalschlüssel - und zwar den tatsächlichen im Alltag, nicht den theoretischen laut Stellenplan. Ihr Ergebnis: Die Lage ist noch viel schlimmer als gedacht.

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Rein statistisch betrachtet betreut in Hamburg eine Erzieherin in einer Krippe 5,7 Babys und Kleinkinder unter drei Jahren. Das ist fast doppelt so viel, wie Erziehungswissenschaftler empfehlen. In der Praxis aber sind es noch viel mehr. "Der Personalschlüssel für Kinder im Krippenbereich ist deutlich zu niedrig", mahnt die Bildungsforscherin Susanne Viernickel. Sie kommt in ihrer Studie auf Ausfallzeiten durch Urlaub, Krankheit und Fortbildung in Höhe von 18 Prozent. Das bedeutet im Schnitt noch ein Kind mehr pro Erzieherin.

Die Wohlfahrtsverbände gehen sogar noch weiter: Nach ihren Berechnungen ist eine Fachkraft im Alltag für 7,6 Kleinkinder verantwortlich - in altersübergreifenden offenen Gruppen sogar für acht. Viel mehr als Wickeln ist da kaum drin. Den Hochrechnungen der Wohlfahrtsverbände zufolge fehlen allein in Hamburg 4000 Erzieher.

Kinder werden verwahrt, aber nicht betreut

Laut der Studie behelfen sich die Krippen und Kitas mit nicht qualifiziertem Personal: Praktikanten, FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr), Bufdis (Bundesfreiwlligendienst). Die Folgen tragen die Kinder. Den Autoren zufolge werden die wissenschaftlich empfohlenen Mindeststandards für unter Dreijährige "nur selten und in der Kernbetreuungszeit so gut wie überhaupt nicht erreicht".

Konkret heißt das: Den Kleinen fehlt es an Anregung und Lernmöglichkeiten. Verwahren statt betreuen. Nachmittags ist die Situation demnach in vielen Kitas noch schlimmer als vormittags.

Politiker schauen bisher tatenlos zu

Selbst die Große Koalition hatte sich die Verbesserung der Qualität in Kitas schon auf die Fahnen geschrieben: Ein Qualitätsgesetz war Teil der Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD im vergangenen Herbst, einheitliche Standards für ganz Deutschland angedacht. Doch mehr als Absichtserklärungen blieben am Ende nicht übrig, das Regelwerk ist aufgeschoben. Denn ein Bundesgesetz würde Berlin teuer kommen. Die für die Bildung zuständigen Länder fordern als Gegenleistung für strengere Vorschriften, dass der Bund deren Finanzierung übernimmt.

Dabei räumen die Länder Mängel bei der Qualität der frühkindlichen Betreuung durchaus ein. Beim Treffen der Familienminister Ende Mai machten sie den enormen Ausbaudruck dafür verantwortlich - und der geht weiter. Für den immer noch steigenden Bedarf an Krippenplätzen forderten die 16 Minister bei der Gelegenheit zwei Milliarden Euro vom Bund.

Gewaltige Unterschiede in den Bundesländern beim Kitaschlüssel

Unter den Ländern hatte Hamburg schon vor der aktuellen Studie keinen guten Stand bei der frühkindlichen Bildung. Im alljährlich veröffentlichten Länderreport der Bertelsmann-Stiftung belegte die Hansestadt den letzten Platz unter den westdeutschen Ländern, was den Personalschlüssel anbelangt. Doch da hieß es noch unter Berufung auf die Zahlen, die jedes Jahr dem Statistischen Bundesamt gemeldet werden, in Hamburg betreue eine Erzieherin 5,2 Krippenkinder - jetzt sind es also statistisch 5,7 und in Wahrheit fast acht.

Im bundesweiten Durchschnitt betreut eine Fachkraft 4,5 Krippenkinder. Dabei ist die Spreizung weit: Zwischen 6,5 zu eins in Sachsen-Anhalt und 3,1 zu eins in Bremen - rein statistisch, versteht sich.

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