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Mit Kleinkind zurück in den Job  

So unterschiedlich läuft es bei Müttern im Osten und im Westen

18.08.2016, 17:36 Uhr | Dörthe Hein und Paul Winterer, dpa

Mit Kleinkind zurück in den Job. Madlen Staufenbiel aus Sachsen-Anhalt gewöhnt ihre einjährige Tochter Lotta in Kita ein. Die Mutter will bald wieder arbeiten gehen. (Quelle: dpa)

Madlen Staufenbiel aus Sachsen-Anhalt gewöhnt ihre einjährige Tochter Lotta in Kita ein. Die Mutter will bald wieder arbeiten gehen. (Quelle: dpa)

Eine Mutter, die nach einem Jahr Elternzeit wieder in den Job einsteigt - in Teilen Deutschlands ist das Normalität, in anderen die große Ausnahme. Oft liegt das nicht nur am Kita-Angebot, sondern auch an der Ideologie. Das zeigt das Beispiel einer Mutter aus Sachsen-Anhalt und einer aus Bayern.

In keinem anderen deutschen Landkreis werden mehr Kinder unter drei Jahren in Kitas oder bei einer Tagesmutter betreut als im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt. Die Betreuungsquote beträgt 63,1 Prozent. Schlusslicht ist der Landkreis Berchtesgadener Land in Bayern. Dort werden nur 13 Prozent der Kleinkinder außerhalb der Familie betreut. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Grafik am Ende des Artikels).

Sachsen-Anhalt: "Lotta klebt nicht mehr am Rockzipfel"

Kita-Alltag in Flechtingen in Sachsen-Anhalt: Lotta ist bald ein Jahr alt und wird gerade in die Kita eingewöhnt. Um das blonde Mädchen tapsen neugierig weitere Kleinkinder herum, gleich wollen sie nach draußen gehen. Etwas abseits sieht Lottas Mutter zu. "Sie ist schon sehr selbstständig, sie klebt nicht so am Rockzipfel", sagt Madlen Staufenbiel. Die 38-Jährige, die noch zwei Söhne im Alter von acht und fünf Jahren hat, freut sich schon wieder auf die Arbeit als Optikerin.

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Welten liegen zwischen Börde und Berchtesgaden

700 Kilometer von Flechtingen entfernt sieht die Welt ganz anders aus: Mathias Kunz leitet das Jugendamt am Landratsamt in Bad Reichenhall. Mit 13,0 Prozent weist der Landkreis Berchtesgadener Land die bundesweit niedrigste Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren auf. "Wir bilden schon seit längerer Zeit das Schlusslicht", sagt er. "Dennoch wächst auch in unserem Landkreis der Bedarf an Krippenplätzen."

Seit dem 1. August 2013 haben Kinder unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. In Sachsen-Anhalt haben sie sogar von Geburt an einen Anspruch auf einen Ganztagsplatz mit bis zu zehn Stunden täglich.

Zwischen den Landkreisen Börde und Berchtesgadener Land liegen Welten. Die Geschichte hat für unterschiedliche Voraussetzungen gesorgt. In der DDR war es üblich, dass Kinder schon deutlich vor dem ersten Geburtstag in die Krippe gebracht wurden. Der sozialistische Staat war stolz auf die Vollbeschäftigung und auch darauf angewiesen. In der Bundesrepublik galt der Mann als Ernährer der Familie, die Frau kümmerte sich in der Regel um Haushalt und Familie. 

"Rabenmutter? Ganz klar nein!" 

Fühlt sich die Mutter aus Sachsen-Anhalt wie eine Rabenmutter? "Ganz klar nein!" Die Vielfalt an Entwicklungsmöglichkeiten und Förderung könnte sie ihren Kindern allein nie bieten, sagt Staufenbiel. Sie selbst sei als Baby schon mit acht Wochen in die Krippe gebracht worden. "Meine Mutter sagt aber, das sei zu früh gewesen." Mit einem Jahr gehe das aber vollkommen in Ordnung.

"Ich kann mir das nicht vorstellen, drei Jahre zu Hause zu bleiben. Man will ja auch was anderes sehen und hören", sagt die 38-Jährige. Auch das Finanzielle sei ein wichtiger Aspekt. Außerdem gehöre das zu einer gleichberechtigten Partnerschaft. In Kürze will die dreifache Mutter wieder 25 Stunden pro Woche als Optikerin arbeiten.

Gegensätzliche Familienideale

Mathias Weiß ist Bürgermeister von Flechtingen und hält die Kinderbetreuung für besonders wichtig. Der 36-Jährige richtet den Blick auf die Zahlen: "Die Kitabetreuung macht den Bärenanteil unseres Haushalts aus." Von rund zehn Millionen Euro flössen rund sechs Millionen in die Kinderbetreuung. Die Verbandsgemeinde mit 13.500 Einwohnern hat 16 Kitas und Horte sowie eine Tagesmutter. "Wir sind eine typische Pendlerregion", sagt Weiß. Viele Eltern der rund 640 Kita-Kinder nutzten täglich die A2, um nach Wolfsburg, Braunschweig oder nach Magdeburg zu pendeln - alles erreichbar in einer halben Stunde. Weiß ist stolz darauf, Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu helfen.

In Bad Reichenhall führt Abteilungschef Kunz die niedrige Betreuungsquote auf das traditionelle Familienideal zurück, das im äußersten Südosten Bayerns noch immer gepflegt wird: Die Mutter bleibt zuhause und versorgt die Kinder, der Vater arbeitet. "Unsere Mütter wollen ihre Kinder so lange wie möglich selber betreuen", sagt Kunz. Im Übrigen wohnen in dem Alpen-Landkreis mit seinen gut 100.000 Einwohnern noch vielfach drei Generationen unter einem Dach oder zumindest nah beieinander. 

Ob Ost oder West: Großeltern bleiben eine wichtige Stütze

Das Engagement der Großeltern ist bei allen Unterschieden ein verbindendes Element. Viele Eltern in Ost und West, Nord und Süd, sind auf ihre Mithilfe angewiesen. Die Leiterin des Flechtinger "Kinderstübchens", Steffi Hornack, merkt das deutlich. Sehr oft holten Oma oder Opa die Kinder ab. Die Kita ist von 6 bis 17 Uhr geöffnet. 95 Prozent der Kita-Eltern seien berufstätig, sagt Hornack. Die Eltern haben in Flechtingen die Wahl, ob sie ihre Kinder fünf, sechs, acht oder zehn Stunden am Tag betreuen lassen wollen. Bis zu 200 Euro im Monat kostet das laut Bürgermeister Weiß derzeit pro Kind.

Auch im Berchtesgadener Land gibt es Unterschiede bei der Kleinkinderbetreuung. Im stark touristisch geprägten südlichen Landkreis ist der Bedarf geringer. Jene Mütter, die als Bedienungen oder im Hotel arbeiten, bekämen Job und Kindererziehung oftmals mit Hilfe der Eltern oder Schwiegereltern ganz gut unter einen Hut, sagt Kunz. Im nördlichen Landkreis mit einigen größeren Betrieben sei dies schon schwieriger. 

Der Jugendamtsleiter lässt keinen Zweifel daran, dass auch im Berchtesgadener Land alle Gemeinden den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren zu erfüllen haben. Andererseits müsse allein aus Kostengründen dafür gesorgt werden, dass keine Überkapazitäten entstehen. "Unsere Versorgung ist bedarfsgerecht." Ihm jedenfalls sei nicht bekannt, dass Eltern einen Betreuungsplatz eingeklagt hätten.

Bayern: "Nie und nimmer hätte ich meine Kinder weggegeben"

Der Abteilungsleiter muss nicht lange suchen, bis er die typische Erziehungssituation im Landkreis findet. Auch im Landratsamt arbeiten etliche Frauen, die erst nach der Betreuung ihrer Kleinkinder wieder zu arbeiten begonnen haben. "Für mich war von vorneherein klar, dass ich für meine Kinder da bin, so lange sie klein sind", sagt eine 38 Jahre alte Kollegin von Kunz, die ihren Namen lieber nicht öffentlich nennen will.

Bei allen drei Kindern, die inzwischen zehn, acht und vier Jahre alt sind, hat sie es so gemacht. Weder die beiden Jungen noch das Mädchen kamen unter vier Jahren in den Kindergarten. "Kinder lernen in dieser Lebensphase so viel, diese Zeit kann man nicht mehr nachholen", erklärt die mit einem Schreiner verheiratete Mutter. Die Familie lebt im Haus der Schwiegereltern. Eltern- und Landeserziehungsgeld hat sie beansprucht. "Nie und nimmer hätte ich meine Kinder in dieser Zeit weggegeben."

In Flechtingen in Sachsen-Anhalt sitzt die kleine Lotta mit drei ihrer neuen Kita-Freunde in einem Schiebewagen. In der Hand hält sie einen Zwieback. Die Augen blicken interessiert in die Umgebung. Ihre Mama ist schon längst wieder unterwegs.

 (Quelle: dpa) (Quelle: dpa)

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