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Kinder im Stress: Terminstress schon bei den Kleinsten

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Überforderung  

Keine Zeit zum Spielen: Wie viele Eltern ihre Kinder verheizen

21.09.2012, 15:30 Uhr | Simone Blaß, ots, t-online.de, dpa

Kinder im Stress: Terminstress schon bei den Kleinsten. Viele Kinder leiden unter zu großem Terminstress, dem sie ausgesetzt werden. (Quelle: imago)

Viele Kinder leiden unter zu großem Terminstress, dem sie ausgesetzt werden. (Quelle: imago)

Am Montag Ballett, am Dienstag Kreatives Gestalten, am Mittwoch "English for Kids", am Donnerstag muss nach der Logopädie-Stunde noch dringend geübt werden, denn am Freitag ist Gitarrenunterricht - so oder so ähnlich sieht der Terminkalender vieler Kinder aus. Doch damit bekommt der Begriff Freizeit eine ganz neue Bedeutung und hat mit freier Zeit gar nichts mehr zu tun. Dabei brauchen Kinder Freiräume. Um sich mit anderen zu verabreden, um sich zurückzuziehen, um zu spielen, aber auch um sich mal so richtig zu langweilen. Denn aus Langeweile entstehen oft die besten Ideen.

Kinder beschweren sich über zu wenig Zeit

Ihr voller Terminkalender lässt Kindern oft nicht genug Zeit zum Spielen. Das geht auch aus einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts iconkids & youth hervor. Mehr als jedes dritte Kind im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren (39 Prozent) beschwert sich darüber, dass wegen anderer Aufgaben und Termine das Spielen zu kurz komme.

Dabei zeigt sich: Je älter die Kinder werden, desto größer wird dabei der Terminstress. Während bei den Sechs- und Siebenjährigen 25 Prozent über zu wenig Zeit klagen, sind es bei den Acht- bis Neunjährigen bereits 33 Prozent. In der Altersgruppe von zehn bis zwölf Jahren bemängelt sogar jeder Zweite (51 Prozent), dass ihm durch Hausaufgaben, Sportverein oder Musikunterricht zu wenig Zeit zum Spielen bleibe.

Dabei klagen Erwachsene selbst über zu viel Stress

Besonders erstaunlich ist diese Entwicklung vor dem Hintergrund, dass viele Erwachsene sich selbst beruflich und privat gestresst fühlen. Knapp 60 Prozent wünschen sich ausdrücklich weniger Terminstress im Alltag, bei den 30- bis 39-Jährigen sind es sogar fast 80 Prozent - so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag des Unternehmens JAKO-O. Auf ihre Kinder scheinen viele Eltern den eigenen Wunsch nach weniger Zeitdruck und Terminen aber nicht zu übertragen.

Die Messlatten werden hoch gesetzt

Wie aber kommt es heutzutage zu diesem Terminstress bei Kindern? Die gesellschaftlichen Erwartungen an Eltern und eine "gute, sinnvolle Erziehung" sind in den letzten Jahren beziehungsweise Jahrzehnten deutlich gestiegen. Das gilt aber nicht nur für die Erwartungen von Außen, sondern auch für die von Eltern selbstgesetzten Maßstäbe und Ziele. Kaum ein frisches Elternpaar, das nicht über PEKiP, Babymassage und den Babyschwimmkurs nachdenkt, das sich keine Gedanken darüber macht, wie und wodurch das eigene Kind optimal in seiner Entwicklung gefördert werden kann. Doch dadurch kommt es schnell zu einer sogenannten "Institutionalisierung der Kindheit". Das bedeutet, die Kinder verbringen mehr Zeit in Institutionen als zuhause, mehr Zeit mit Gruppenleitern und Pädagogen als mit den eigenen Eltern.

Spielen ist mehr als Lernen

Experten sehen diese Entwicklung äußerst kritisch. "Lasst unsere Kinder spielen", sagt zum Beispiel der Hamburger Erziehungswissenschaftler Professor André Frank Zimpel. Er fordert von den Eltern mehr Mut zur Gelassenheit: "Das ernsthafte und konzentrierte Spielen steuert grundlegend die Entwicklung eines Kindes", so Zimpel. Denn Spielen sei noch viel mehr als Lernen. Entgegen der gängigen Vorstellung liege das Potenzial der Kinder beim Spielen, Toben und Träumen nicht brach. Zimpel: "Vielmehr suchen Kinder freiwillig und spielerisch nach immer neuen Lernerfahrungen und bilden dabei wichtige Fähigkeiten wie Abstraktionsvermögen, Fantasie, Selbstbewusstsein, Frustrationskompetenz und Kooperationsfähigkeit aus."

Auch Langeweile ist wichtig

Gegen eine weitgehend verplante Kindheit spricht sich auch der Familien- und Kommunikationsberater Dr. Jan-Uwe Rogge aus: "Kinder brauchen Zeit, die sie selbst gestalten können. Dazu gehört auch, dass sie lernen, mit Langeweile umzugehen." Langeweile sei ein Signal des Körpers, das den Menschen anspornt, immer wieder etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren. "Sie regt die Fantasie an und fördert den Impuls, kreativ zu werden. Eltern, die jede Langeweilephase unterbrechen oder gar zu unterbinden versuchen, nehmen Kindern diese Erfahrung", erklärt Rogge.

Manches war früher tatsächlich besser

Doch so einfach scheint es heutzutage nicht immer zu sein: Früher konnte man zum Spielen einfach vor die Haustür. Das gesamte Wohngebiet wurde Stück für Stück erkundet und es fand sich immer jemand, der Zeit hatte, mit einem zu spielen. Doch unter anderem durch die zunehmende Verkehrsgefährdung hat sich diese Situation in den letzten Jahrzehnten für viele drastisch verändert. Hinzu kommt eine nicht zu leugnende Kinderfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Viele Erwachsene wollen den Geräuschpegel, den spielende Kinder nun mal verursachen, nicht hinnehmen und pochen auf ihr Ruhebedürfnis. Gerade an den Wochenenden, wenn der Tag mal nicht verplant ist, ist ein Spielen vor der Haustür kaum möglich, ohne dass es innerhalb der ersten Stunde schon zu Beschwerden kommt.

Der Schutz des Kindes geht vor

Das Entdecken, Forschen und Erlernen von Körperbeherrschung durch natürliche Gegebenheiten wird dadurch extrem erschwert - und das gilt nicht nur für die Stadt. Auch auf dem Land wird das unbeaufsichtigte Herumtoben von den Eltern meist unterbunden. Hier spielt weniger die Gefahr durch den Verkehr eine Rolle als mehr die Angst vor Unfällen, zum Beispiel an Bächen und Flüssen, sowie die Furcht vor sexueller Belästigung. Unbeaufsichtigtes Spielen ist aus Sicherheitsgründen also kaum mehr möglich und viele Eltern fühlen sich durch die äußeren Umstände gezwungen, die Aktivitäten ihrer Kinder zu planen, damit diese überhaupt noch dazu kommen, sich mit anderen zusammen zu bewegen. Das bedeutet: Der Tagesablauf ist minutiös vorgeplant, spontanes Verabreden mit Gleichaltrigen ist kaum möglich. Und hat der eine Zeit, so ist der andere verplant. Manche Treffen müssen über Wochen vorher vereinbart werden.

Zu viel Förderung kann zu Leistungsdruck führen

Eltern meinen es gut, wenn sie ihre Kinder alles ausprobieren lassen wollen. Die Kleinen sollen auf diesem Weg optimal gefördert und stark gemacht werden für die (berufliche) Zukunft. Manchmal sollen sie auch das erfüllen, was in der eigenen Kindheit auf der Strecke geblieben ist. Doch das kann nach hinten losgehen. Denn der Terminstress, dem viele Kinder ausgesetzt sind, führt nicht nur vermehrt zu körperlichen Beschwerden wie Mattigkeit, Schlafstörungen und Kopfschmerzen, er führt oft auch dazu, dass das Kind die Lust am Angebot komplett verliert.

Ausgebrannte Kinder

Lange Zeit wurde die Diagnose Burnout nur für bestimmte Berufsfelder und schon gar nicht für jüngere Menschen zugelassen. Dass ebenfalls Schulkinder vom Burn-out-Syndrom betroffen sein könnten, wurde bisher nur wenig in Betracht gezogen. Doch auch bei Kindern kann es zu Überforderungssymptomen kommen, die zumindest einem kindlichen Burnout ähneln - und zwar vor allem dann, wenn sich zu den schulischen Anforderungen und einer großen Menge anderer regelmäßiger Aktivitäten auch noch sehr hohe Erwartungen der Eltern an die Leistungsfähigkeit der Kinder gesellen. Die Stresssymptome äußern sich dann in den beschriebenen körperlichen Beschwerden und in Form von Hektik, Zerfahrenheit, Erschöpfung oder sozialem Rückzug, erklärt Dr. Leonhard Thun-Hohenstein, Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg. Typisch für eine Burnout-Persönlichkeit sind übermäßiges Engagement und ein Hang zum Perfektionismus. Der Grundstein für diese Haltung wird in vielen Fällen bereits in der Kindheit gelegt. Eltern sollten auch deshalb darauf achten, dass der Druck für ihre Kinder nicht zu groß wird.

Zeiträuber erkennen

Die kindliche Energie scheint manchmal unerschöpflich. Sie wollen alles wissen, alles ausprobieren und der Tag bräuchte mindestens doppelt so viele Stunden. Doch die elterliche Aufgabe ist es, herauszufinden, was das Kind wirklich interessiert. Was ihm Spaß macht und was eventuell zu seinem Hobby werden könnte. Nicht jeder Junge interessiert sich für Fußball und nicht jedes Mädchen für Ballett. Auch dann nicht, wenn die Eltern das gerne hätten. Zwangsveranstaltungen dieser Art können schnell zu Zeiträubern werden, die genau das verhindern, was eigentlich erreicht werden soll: das Entspannen vom Alltag.

Freizeit gemeinsam genießen

Besser ist es, ein oder zwei Dinge herauszusuchen, an denen das Kind besonders viel Spaß hat und den Rest der Woche nach freiem Willen zu gestalten. So entsteht die Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Denn die Zeit, die man als "Mamataxi" verbringt, um die Kinder von einem Termin zum nächsten zu chauffieren, kann man deutlich besser und sinnvoller mit ihnen zusammen verbringen und die Kinder dazu animieren, sich zum Beispiel mehr mit dem Thema Bewegung zu beschäftigen. Ein gemeinsames Fangenspielen, eine Schlittenpartie oder ein Schwimmbadbesuch sorgen für den entsprechenden Ausgleich zu Schule, Hausaufgaben, Computer und Fernseher. Und nicht nur das: Gemeinsame Unternehmungen machen Spaß, fördern das soziale Verhalten und die Bindung zueinander. Und wenn mal alle keine Lust haben, dann muss es auch erlaubt sein, ein bisschen zuhause zu relaxen.

Ruheräume schaffen

Freizeit sollte wieder das werden, was sie eigentlich bedeutet: freie Zeit! Ohne Druck, ohne Erwartungen, ohne Stress - denn Kinder erleben in ihrem Kindergarten- und Schulalltag sehr viele unterschiedliche Situationen, die es im Lauf des restlichen Tages zu verarbeiten gilt. Dafür ist Ruhe notwendig. Abschalten ohne Leistungsdruck, ohne Erfolgszwang und die Möglichkeit, sich auch mal ein bisschen Zeit zu lassen, bevor man etwas erzählt. Ein gemeinsamer Spaziergang, auf dem man zum Beispiel Bastelmaterialien sucht, hat schon so manches Problem gelöst. Die Kinder merken, dass die Eltern jetzt Zeit haben, sich diese nur für sie nehmen und völlig ohne Ablenkung von Außen für sie da sind. Das fördert manches gute Gespräch.

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