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Verbessert eine Schuluniform das Schulklima

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Schuluniform  

Dresscode für ein besseres Schulklima

09.05.2011, 15:50 Uhr | mmh, t-online.de, ddp

Einheitliche Schulkleidung ist in Deutschland immer wieder diskutiert. Pilotprojekte an Schulen bringen meist positive Ergebnisse für das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation mit der Schule, Schüler fühlen sich befreit vom Mode-Zwang und können sogar besser lernen, doch durchsetzen konnte sich die Idee des einheitlichen Dresscodes für die Schule bisher nicht. Kann Schulkleidung das Sozialklima im Klassenzimmer wirklich verbessern?

Immer perfekt gekleidet

„Morgens muss ich mir keine Gedanken machen, was ich anziehe, da kann ich mindestens fünf Minuten länger schlafen“, sagt Barbara, eine 14-jährige Gastschülerin aus der Nähe von London. Sie mag ihre Schuluniform, die eher lässig als steif wirkt. „Diese Gleichmacherei wäre nichts für mich sagt ihre gleichaltrige deutsche Gastgeberin Lilly. Längst sind auch in England, dem Mutterland der Schuluniform die steifen Röcke und Blusen abgeschafft und vielerorts ausgetauscht gegen lässige Sweatshirts mit Schul-Logo, Pullover oder Hemden und bequeme Hosen oder Röcke in den Schulfarben. Das macht das Shopping leicht. Barbaras Mutter kauft zum Schuljahresanfang und zum Halbjahr die gesamte Kollektion für ihre drei Kinder: drei mal fünf weiße Hemden, beziehungsweise Blusen - ein Exemplar für jeden Tag,  preiswert, pflegeleicht und bügelfrei, drei graue Röcke, einmal kurz, einmal lang, je drei schwarze Jungs-Hosen, einmal die Winter-, einmal die Frühjahrsvariante. Die Kaufhäuser der Stadt sind darauf eingerichtet und führen die Kleidung der Schulen aus der Region. Lillys Mutter dagegen zieht mit ihrer Tochter durch die Modeläden der Stadt und diskutiert mal wieder darüber, ob Kleidung vor allem modisch oder auch bequem sein soll, ob es unbedingt die Schuhe einer bestimmten Marke sein müssen oder die für den halben Preis nicht eigentlich genauso aussehen.

Schuluniform schützt auch Lehrer

„Ich würde mir Schuluniformen wünschen“, stöhnt ein junger Lehrer einer deutschen Mädchen-Realschule. „Frontal-Unterricht im Sommer – wo soll man denn da als Mann hinsehen, ohne in die Gefahr sittenwidrigen Handelns zu geraten?“ Wie ihm geht es vielen Lehrern: Nabelfreie und tief ausgeschnittene Tops, kurze Röcke wären sicherlich nicht Teil einer Schuluniform. „Die jungen Mädchen wissen ihre Reize noch nicht wirklich richtig zu dosieren, das macht es schwer“, gibt der junge Lehrer zu bedenken. 

Uniform für besseres Sozialklima

Das Bustier einer Schülerin statt T-Shirt oder Bluse an einem extrem heißen Tag, war für eine Schule in Gießen der Auslöser, das Projekt „Schulkleidung“ zu starten. Die Ergebnisse der begleitenden Studie von Unterrichtsforschern waren durchweg positiv: In Klassen mit einheitlicher Schulkleidung herrscht ein besseres Sozialklima, höhere Aufmerksamkeit im Unterricht, mehr Interesse an den Inhalten, ein höheres Empfinden von Sicherheit und ein niedrigerer Stellenwert von Kleidung generell als in den Vergleichsklassen ohne Dress Code. Besonders in den höheren Klassen zeigte sich der Effekt. Dies ist auch eine Beobachtung aus armen Ländern: Uniformen gleichen die sozialen Unterschiede aus, keiner muss sich für ärmliche Kleidung schämen.

Stärkung des Wir-Gefühls

Könnten Schuluniformen soziale Ungleichheiten ausgleichen und Ausgrenzung vermeiden? Das erhofften sich die Schulleiter des Pilotprojekts. Die Kinder, die teure Kleidung tragen, müssten keine Angst vor "Abzocke" haben, ärmere Kinder müssten keine soziale Ausgrenzung fürchten, weil sie keine Markenkleidung tragen. Ähnlich wie in Sportvereinen würde das Outfit das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Ein vorteilhafter Nebenaspekt wäre beispielsweise, dass sich Schüler auf Ausflügen und Klassenfahrten leichter im Auge behalten können.

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Berufskleidung" für Schüler

Karin Brose, Lehrerin an der Pilotschule, sieht Schulkleidung als Berufskleidung für die Schüler. Ist diese ansprechend, wertet es auch die Arbeit und Motivation der Schüler auf. Sie stellte eine spezielle, zeitgemäße, ansprechende Kollektion zusammen. Sie glaubt, Schulkleidung hätte folgende positive Aspekte: Stärkung des Wir-Gefühls, das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit wird gestärkt, es entsteht ein Gefühl von Stolz auf die Klasse, Verantwortungsbewusstsein, Keine "Modenschau" im Pausenhof, kritisches Konsumbewusstsein, kein Markenzwang und daraus entstehende Ausgrenzung und Mobbing, kein "Abziehen" teurer Kleidung, Charakter zählt statt Aussehen. In dem geschilderten Projekt beteiligten sich auch immer mehr Lehrer und erschienen in Schulkleidung.

Psychosomatische Effekte

Eine psychologische Begleitforschung stellte noch weitere Effekte fest. Professor Oliver Dickhäuser von der Giessener Justus-Liebig-Universität: "Durch das Fehlen von Mobbing und Ausgrenzung sind die Fehlzeiten durch psychosomatische Krankheiten in Schulkleidungsklassen äußerst gering."

Argumente dagegen

Gerade in der Pubertät ist es wichtig, sich selbst auszuprobieren und seinen Stil zu finden, da werden Grenzen nicht nur ausgereizt, sondern manchmal auch übertreten. Schulkleidung kann vor bösen Ausrutschern schützen, fordert aber auch dazu auf, an anderen Stellen zu übertreiben, sei es Frisur, Schminke oder Schuhe. Andererseits ist dies auch wichtig, um seine Individualität zu definieren. Kritiker nennen eine einheitliche Schulkleidung einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Kinder. Es wird als Gruppenzwang empfunden statt als Befreiung vom Konkurrenzdruck.

Schwierige Neueinführung

Es ist schwer, solch grundlegende Neuerungen an Schulen einzuführen, Elternschaft und Schüler müssen mitziehen. Ausschlaggebend kann sein, dass die Kollektion die richtige Balance trifft zwischen zeitlos-klassischem Stil, der mehrere Jahre aktuell bleibt und bequemer, angesagter Kleidung. Aktuelle Tragegewohnheiten sollten berücksichtigt werden. Eltern oder Lehrer, die solche Projekte initiieren wollen, sollten folgende Punkte beachten: gute Qualität für tägliches Tragen, aktuelle altersgerechte Schnitte, moderne Styles, niedrige Preise, einfache Logistik. Schulkleidung sollte deutlich das Budget der Eltern entlasten und preiswerter als Markenkleidung sein. Auf jeden Fall müssen Schüler in die Auswahl mit einbezogen werden, damit diese Kleidung akzeptiert und nicht als langweilig und spießig empfunden wird. Nicht der Geschmack der Erwachsenen darf zählen.

Konkurrenzkampf unter Schulen

Es könnte unter Schulen ein Konkurrenzkampf entstehen. Cashmere-Pulli für die Elite-Schulen, Polyester-Hemden an den Brennpunkt-Schulen. Statt soziale Unterschiede auszugleichen, wie erwünscht, könnten diese sogar noch betont werden. Andererseits könnte auch eine positive kreative Konkurrenz entstehen: Welche Kleidung ist cool und schick?

Was ist dann Freizeitkleidung

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Manche Kinder tragen in der Freizeit alte, günstigere Kleidung, wenn sie sich nicht in der "Öffentlichkeit" beobachtet fühlen. Andere wollen dann erst recht In-Klamotten tragen und sich stylen.

Uniform verhindert Markenterror nicht

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte dagegen die Pläne der Ministerin. "Wir verfolgen die Diskussion um Schuluniformen immer skeptisch", sagte GEW-Sprecherin Martina Schmerr. "Vor allem, wenn Politiker das von oben anstoßen wollen." Schulen, Eltern und die Schüler selbst sollten wenn überhaupt freiwillig über die Einführung einer einheitlichen Kleidung entscheiden, sagte Schmerr. Die Gewerkschaft vertritt den Standpunkt, dass Uniformen nicht die sozialen Probleme an Schule lösten. "Der Markenterror der Jugendlichen verschiebt sich dadurch nur auf Handys und Uhren", erklärte Schmerr. Es handle sich hierbei um eine Stellvertreterdebatte, da die eigentliche Schwierigkeit darin liege, dass "unser Schulsystem Verlierer produziert".

Schüler lehnen gleiche Kleidung ab

Innerhalb der Schülerschaft in ganz Deutschland werde das Thema sehr kontrovers diskutiert, erklärte der Redaktionsleiter der Schülerzeitung "Spießer", Jörg Flachowsky. "Aus unserer Sicht gibt es eine deutliche Präferenz bei den Schülern dagegen, Schuluniformen werden also grundsätzlich abgelehnt." Viele würden demnach den Standpunkt vertreten, dass eine einheitliche Kleidung nicht die Probleme an Schulen lösen könne. "Man muss nach Meinung der Schüler nicht dafür sorgen, dass alle gleich werden, sondern lieber daran arbeiten, dass man Andersartigkeit akzeptiert", sagte Flachowsky. Schüler wollten überwiegend eigenständig entscheiden, welche Kleidung sie trügen.

Fazit aus den Projekten

Der Giessener Psychologie-Professor Oliver Dickhäuser begleitete das Hamburger Projekt. Er beobachtete: "Kinder mit Schulkleidung erleben den Schulalltag in vielerlei Hinsicht positiver." Aber er schränkt auch ein: "Es ist naiv zu glauben, dass lediglich ein einheitlich farbiger Pulli diese Probleme in deutschen Klassenzimmern löst." Die Studienrätin Karin Brose beobachtete an ihrer Schule in Hamburg: "Schulkleidung ist ein guter Weg zu besserem Miteinander und einem guten Klassenklima - und das ist notwendig zum gemeinsamen Lernen. Schüler sind frei vom Druck der Marken und modischen Zwängen und lernen, sich adäquat zu kleiden. Sie entwickeln ihr ganz individuelles Selbstwertgefühl." Sie sieht darin auch eine Schlüsselkompetenz für das spätere Berufsleben.

Literatur-Tipp: Karin Brose, Schulkleidung ist nicht Schuluniform von Karin Brose, EUR 9,80, 44 Seiten - 25 Abbildungen, 2005, ISBN: 3-00-016953-9


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