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Klassenkampf am Sandkasten

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Frühförderung  

Klassenkampf am Sandkasten

22.06.2009, 17:09 Uhr | mmh, t-online.de

Im Kindergarten statt Spielen und Basteln lieber Bildungsmaßnahmen anbieten? Im Kindergarten statt Spielen und Basteln lieber Bildungsmaßnahmen anbieten? (Bild: Archiv)Die Frühförderung in Deutschland steht auf dem Prüfstand. Im Erzieherinnenstreik geht es nicht nur um bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen, sondern auch um eine bessere pädagogische Qualität. Ist die in den üblichen Einrichtungen zu leisten oder bereiten nur teure private Institute auf den Erfolg im Leben vor? Bildung statt spielen, basteln, balgen? Skeptiker sagen, so entsteht eine Zweiklassengesellschaft schon im Kleinkindalter, die sich ein Leben lang fortsetzt.

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Förderung statt Betreuung

Bis Ende der 80er-Jahre stand die Betreuung der Kinder in den Kindergärten im Vordergrund. Das Klischee aus den 60erJahren der "Basteltanten", die nette Sachen mit den Kindern machten, im Garten spielten, fröhliche Lieder sangen und ab und zu turnten ist immer noch in vielen Köpfen verankert. Darunter leiden die hoch qualifizierten Pädagoginnen und machen das auch zum Thema der Streiks. Seit den 1990ern geht es um Förderung und frühkindliche Bildung schon in der sehr frühen Kleinkind-Phase. Erzieherinnen haben heute viele Aufgaben: Sprachentwicklung fördern, Psychomotorik schulen, Elterngespräche führen, Entwicklungsverzögerungen im Auge behalten - und dann noch spielen, basteln, singen. Sie sind Psychologen, Therapeuten, Pädagogen. Nach einer drei- bis fünfjährigen Ausbildung liegt ihr Einkommen immer noch weit entfernt von dem einer Grundschullehrerin mit vergleichbarer Ausbildung und sogar rund 500 Euro unter dem eines ungelernten Müllmanns im zweiten Berufsjahr. Folge: Immer weniger entscheiden sich für die Ausbildung, Männer, die so sehr als Vorbilder in der Pädagogik gesucht sind, überhaupt nicht mehr. Selbst wenn weitere Kitas gebaut würden, fehlte es an ausgebildeten Erzieherinnen, um die Stellen zu besetzen.

Pisa und die Folgen

Das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler in der Pisa-Studie 2001 war Auslöser: Eltern fordern mehr und früher einsetzende Förderung. Sie wollen nicht warten, bis den 15-jährigen Kindern Defizite in der Bildung bescheinigt werden. Das macht Druck auf alle Beteiligten, auf Eltern, Erzieher und Kinder. Der Bildungsexperte Christian Füller, klagt an, dass Politiker zwar in Sonntagsreden über bessere Bildung die wichtige Aufgabe der Erzieher betonten, sie dann aber wie Putzfrauen bezahlten.

Situation der Erzieherinnen

Es geht um verschiedene Aspekte: Zum einen kämpfen die Erzieherinnen um eine bessere gesellschaftliche Anerkennung, eine Aufwertung ihrer Arbeit und die damit verbundene bessere Bezahlung. Angestrebt ist eine Gleichstellung mit Grundschullehrerinnen. Zum anderen einen besseren gesundheitlichen Schutz. Allein der Lärmpegel in Kindergärten entspricht zu Spitzenzeiten dem eines Düsenjets in mehreren hundert Metern Entfernung - und das ist mehrmals am Tag. Viele Erzieherinnen haben durch unbequemes Sitzen auf Kinderstühlen Rückenprobleme, doch für ergonomische Stühle, die zwischen 250 und 300 Euro kosten, ist kein Geld vorhanden. Und sie kämpfen um bessere Ausbildung und Weiterbildung.

Private Neugründungen

Rund 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen besuchen heute einen Kindergarten. Die meisten davon sind in der Hand von kommunalen oder kirchlichen Trägern. Doch immer mehr privatwirtschaftliche Neugründungen von Kindertagesstätten entstehen, initiiert von Eltern, die mit dem bisherigen Angebot oder mit der Zusammensetzung der Kindergruppen nicht zufrieden sind. "Little Giants" ist eine solche private Initiative. Jelena Wahler, Mutter von zwei Kindern hatte sie gegründet und ist Geschäftsführerin:" Das war Notwehr, denn meine Kinder hätten in einer staatlichen Kita nie die Förderung bekommen, die sie verdient haben", so begründet sie ihre Aktion. In der ARD-Sendung "hart aber fair" erzählt sie von ihren Erfahrungen aus den USA, den vielfältigen Angeboten und Fördermöglichkeiten, die dort schon den Kleinen geboten werden und von der Langeweile, die sie in deutschen Kitas beobachte. Zweisprachigkeit ist bei "Little Giants" Programm, der Tag ist stark strukturiert, Lerncenter werden angeboten, Klavier-Üben, Englisch-Unterricht, Zoo-Besuch, Schreibübungen stehen im Aktivitätenplan - alles freiwillig und ohne Druck. "Little Giants" ist in mehreren deutschen Städten vertreten, wird sogar an manchen Orten gefördert, so dass die Kosten einer "normalen" Kita entsprechen, ein Ganztagesplatz kostet dort rund 200 Euro. Ohne öffentliche Förderung kostet ein privater Platz rund 1000 Euro.

Zweiklassen-Gesellschaft schon im Kindergarten?

Die Journalistin Bärbel Schäfer nannte in "hart aber fair" solche Extras einen "ersten Schritt in eine Zweiklassengesellschaft". Erzieherinnen der "normalen" Kitas sind zwar ebenfalls qualifiziert, solche Aktivitäten anzubieten, schließlich haben sie dieselbe Ausbildung wie die privater Träger. Sie haben aber mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: Ihre Kinder kommen aus ganz unterschiedlichen Familien, während die in privaten Einrichtungen eher eine homogene Elternschaft haben. Die Förderung zuhause ist nicht immer ausreichend, oft verstehen und sprechen die Kinder kein Deutsch, viele kommen aus sozial schwachen Familien. Das Personal - zwei Kräfte pro Gruppe - hat also neben Spielen und Lerncenter noch andere soziale Kompetenzen zu vermitteln.

Wie sinnvoll ist Top-Förderung?

Die Sendung ging den Fragen nach, ob diese Top-Förderung mit dem unbedingten Willen zu Bildung und Beschäftigung überhaupt sinnvoll ist? Wird nicht kindliche Kreativität unterdrückt? Ob nicht dadurch eine Zweiklassengesellschaft oder Defizite im menschlichen Zusammenleben entstehen? Oft entspricht die Förderung eher den Erwartungen der Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen, dadurch aber Kinder und Erzieher unter Druck setzen. Dahinter steht der Gedanke, dass die frühkindliche Förderung die späteren Karrierechancen der Kinder sichern soll. Wahler von "Little Giants" konnte nicht klar vermitteln, ob es wirklich um die optimale Förderung der kleinen Individuen oder um die Züchtung neuer Eliten und die Verwirklichung elterlicher Erwartungen geht. Da erstaunt die Studie "Eltern unter Druck" der Konrad-Adenauer-Stiftung, die nicht gerade als anti-autoritär oder progressiv gilt. Sie sieht Frühförderung als "Rettungsanker" verunsicherter Eltern. Das Fazit: "Eine breite Mittelschicht grenzt sich nach unten ab." Das selektive Schulsystem - das ausgeprägteste in Europa - ist die Konsequenz. Also doch Klassenkampf im Sandkasten.

Hirnforschung für dösen und und balgen

Gute Nachrichten aus der Hirnforschung, von Professor Manfred Spitzer aus Ulm: "Kinder müssen dösen dürfen und "Beim Balgen entwickelt sich das Gehirn". Erlebnisse und Gelerntes brauchten Zeit, sich zu setzen und zu verfestigen. Er warnte vor einer allzu ambitionierten Früherziehung, die auch "zum Kotzen" sein kann. Ein Beispiel aus seinem Bekanntenkreis von einem stark geförderten Kind: "Irgendwann hat sich der Bub auf die Geige erbrochen." Der Journalist Christian Füller meint: "Wir haben nicht zu viele, sondern zu wenige Kuschelecken." Der Lernbegriff sei nicht auf Förderung, sondern auf Leistung angelegt. Gesellschaftlicher Druck und Abstiegsängste würden an Erziehungseinrichtungen und an die Kinder weitergegeben.

Andere private Initiativen

Es gibt jedoch auch andere pädagogische Ansätze, die aus privaten Initiativen entstehen: Immer mehr Waldkindergärten durchstreifen die Natur, denn ihre Erzieher sind der Meinung, die Natur biete alles, was Kinder brauchten und sie könnten sich je nach ihren Bedürfnissen aus der Fülle bedienen. Die Entwicklung setzt sich in der Gründung und Anerkennung von Privatschulen fort. Beispielsweise Montessori-Schulen, die sich dem üblichen Leistungsdruck, den Normierungen und Notenraster entziehen.

Das muss sich ändern

Es stellt sich die Frage nach der Qualität und Neustrukturierung von Kindergärten. Ein Mentalitätswechsel ist nötig: Kitas sind nicht die Kostenverursacher, sondern Einrichtungen für Startchancengleichheit und Integrationseinrichtungen. Es geht um eine verbesserte Ausbildung der Erzieher, um aussagefähige Qualitätskontrollen, damit die Erziehungs- und Bildungsziele auch umgesetzt werden. Dann wird die Kosten-Nutzen-Rechnung positiv, da dann in den Focus gelangt, dass Folgekosten vermieden werden, beispielsweise für spätere Therapien oder Sozialarbeit. Es müssen Räume geschaffen werden, um Sprach- und Entwicklungsdefizite im Kindergarten aufzufangen, dazu kann man mit externen Kräften zusammenarbeiten und deren Leistung als "Modul" einbauen. Es geht darum, Kinder stark zu machen für die Anforderungen, die auf sie zukommen. Dazu müssen die Einrichtungen auf diese vielfältigen Aufgaben ausgerichtet werden. Es geht um Qualität und Quantität. In Deutschland fehlen Plätze in gut ausgestatteten Kindertageseinrichtungen und gut ausgebildetes, motiviertes, gut bezahltes Personal, um die Ziele umzusetzen. Zudem fehlt es an Anerkennung für die Menschen, die das höchste Gut, nämlich die Kinder stark prägen, fördern und bilden, nämlich die Erzieher und Erzieherinnen. Und das darf und soll sich in einer angemessenen Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen ausdrücken.


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