Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Schulkind >

"Mama, ich werde nicht versetzt..."

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Versetzung  

"Mama, ich werde nicht versetzt..."

01.07.2009, 17:42 Uhr | Robert Scholz

. Zwei Mädchen schauen sich ein Schulzeugnis an.

Fast eine Viertelmillionen Kinder bleiben jedes Schuljahr sitzen. (Bild: Imago)

Man ahnt es wohl schon seit dem Zwischenzeugnis, aber alle hoffen irgendwie. Es wurde geübt, die Hausaufgaben wurden zusammen gemacht, mit Lehrern wurde gesprochen, Nachhilfen organisiert - trotzdem spricht das Gesicht des Kleinen Bände. Er kommt ein paar Stunden nach Ausgabe der Zeugnisse. Er hat sich in die Wohnung geschlichen und ist sofort in sein Zimmer gegangen.

Was nun…?

Sebastian hatte Angst nach Hause zu kommen. Spätestens jetzt kommt alles raus. Er fühlt sich schlecht: Eine Mischung aus cooler Verleugnung und Schuldgefühl lässt er nach Außen dringen, während er sich innerlich ärgert über seine Faulheit und seine damit zusammenhängenden schlechten Leistungen. Wie soll es weitergehen und wie sollten die Eltern reagieren?

Fast eine Viertelmillion jedes Schuljahr

Sebastian ist einer von circa drei Prozent der 9,1 Millionen deutschen Schüler, die eine Klasse wiederholen müssen. Der letzte Bildungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2008 errechnete für das Schuljahr 2006/2007 234.000 solcher Fälle. Dabei ging die Zahl der Wiederholer leicht zurück. Die Wiederholung einer Klasse ist in den Bundesländern unterschiedlich ausgeprägt und besonders hoch in den Jahrgangsstufen acht und neun. Sie ist im Primarbereich (Jahrgangsstufe eins bis vier) am niedrigsten und im Sekundarbereich I (Jahrgangsstufe fünf bis zehn) am höchsten. Sie steigt in Hauptschulen und Schulen mit mehreren Bildungsgängen, sie sinkt an den Gymnasien. Jungen sind generell stärker betroffen als Mädchen - außer an den Grundschulen. Sebastian ist also mitten in der Statistik angekommen.

Das angeknackste Selbstbewusstsein

Sebastian schaut seine Mutter mit großen Augen an: „Ich will nicht in eine andere Klasse. Ich habe doch meine Freunde jetzt in der Klasse und jetzt muss ich wieder von vorn…“, sagt er traurig. Im schulischen Umfeld hat es ein Kind, das nicht versetzt wird, sehr schwer. Diese Tatsache ist vermutlich für Sebastian belastender, als die Konsequenzen, die er zu Hause zu erwarten hat. Im nächsten Jahr wird er mit neuen Schülern, neuen Lehrern und altem Schulstoff klar kommen müssen. Das nagt am Selbstbewusstsein, das ohnehin bereits durch die Tatsache an sich und die Vorwürfe der Eltern angeknackst ist. Die Unterstützung der Familie ist für Sebastian deswegen sehr wichtig - gleichzeitig müssen die Eltern aber deutlich machen, dass es so nicht weitergehen kann. Wie soll das gehen?

Experten empfehlen ein Drei-Punkte-Programm

 

1. Machen Sie Ihrem Kind keine Vorwürfe. Versuchen Sie - trotz Verärgerung - Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Wenn es nachhaltige Defizite in einem bestimmten Fach aufweist, dann können Sie mit Nachhilfe und anderen Maßnahmen gegensteuern. Aber erst einmal muss signalisiert werden: „Wir haben Dich lieb. Das nächste Jahr wird besser laufen. Wir helfen Dir dabei!“ Sprechen Sie über die Ängste und Befürchtungen mit Ihrem Kind. Der Status als „Sitzenbleiber“ ist nicht einfach. Kinder untereinander sind nicht zimperlich. Reden Sie offen darüber und nehmen Sie Ängste. Trotzdem sollte der Ernst der Situation nicht heruntergespielt werden. Der Verweis auf viele berühmte „Sitzenbleiber“ (wie Harald Schmidt, Edmund Stoiber oder Thomas Mann) kann die Stimmung lösen und Hoffnung aufbauen, sollte aber nicht das Problembewusstsein vernebeln.

2. Sprechen Sie mit dem Klassenlehrer beziehungsweise den zuständigen Fachlehrern über Ihr Kind. Hier gilt es, die Gründe der Nichtversetzung auszuloten. Ist es wirklich zu faul oder liegt es an Konzentrationsschwächen, zeigt es Desinteresse oder Überforderung? Nach einer gewissen Entspannungs- und seelischen Aufbauphase sollte man auch mit dem Kind darüber sprechen und herausfinden, was ihn bewegt. In einigen Fällen wird man auch über einen Schulwechsel oder eine andere Schulart nachdenken müssen.

3. Suchen Sie immer gemeinsame Lösungen mit dem Kind - vor allem in der Vorbereitung auf das folgende Schuljahr. Besprechen Sie gemeinsam, ob und welche außerschulischen Förderangebote in Anspruch genommen werden sollten. Reden Sie über Fördermaßnahmen innerhalb der Schule oder im Freundeskreis des Kindes (zum Beispiel Hausaufgabenhilfe).

Anreize und Strafen

Die meisten Eltern schaffen Anreize für gute Schulnoten und entsprechende Zeugnisse. Aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Allensbach geht hervor, dass 21 Prozent regelmäßig und 61 Prozent hin und wieder gute Schulleistungen belohnen. Meist wird dies mit Geld getan. 42 Prozent greifen in die Brieftasche und 36 Prozent geben ihrem Kind ein Geschenk. Immerhin 22 Prozent versuchen auf anderen Wegen eine gute Leistung zu honorieren.

Bei der Ehre packen

Was oben in dem vorgestellten Drei-Punkte-Programm bereits Anklang, setzt sich auch in den Fachmeinungen zum Thema Bestrafung bei schlechten Zeugnissen oder gar der Nichtversetzung fort. „Bevor Eltern ein unerfreuliches Zeugnis mit ihrem Kind diskutieren, sollten sie erst einmal eine Nacht darüber schlafen“, empfiehlt Frank Hofmann, Leiter einer Erziehungsberatungsstelle in Braunschweig. Auch Eltern brauchen erst einmal einen gewissen Abstand zum Thema. Selbst bei schlechten Noten sollte die Belohnung für die erbrachte, wenn auch nicht ganz so erfolggekrönte Leistung, trotzdem an das Kind weitergegeben werden: „Auch wenn ein Kind schlechte Noten hat, hat es in der Schule sein Bestes gegeben. Und diese Anstrengung sollte belohnt werden", sagt Hofmann. Motivation kann auch über die Anreize geschaffen werden, aber genauso wichtig ist die Anregung der inneren Motivation - das Kind kann auch bei der Ehre gepackt werden, bei seinem Selbstverständnis.

Ferien sind trotzdem verdient

Und, Ferien sind Erholungsphasen. Auch wenn die Noten nicht gut ausgefallen sind, so sind die meisten Kinder trotzdem sechs bis acht Stunden mit schulischen Dingen beschäftigt. Da ist auch der Urlaub verdient und sollte nicht mit umfangreichen Nacharbeiten zum vergangenen Schuljahr belastet sein. In der letzten Ferienwoche, so Diplom-Psychologe Hoffmann, kann mit Übungen zu Hause oder mit Kursen in Nachhilfeinstituten begonnen werden. 

Gespräch mit dem Klassenlehrer

Sebastian hat sich nach dem Gespräch mit seinen Eltern und nach dem ersten Zorn auf sich selbst, auf die quengeligen Eltern und die blöde Schule, verständig gezeigt und mit den Eltern gemeinsam ein paar Punkte festgelegt, die im nächsten Schuljahr anders laufen müssen. Ein gemeinsames Gespräch mit dem Klassenlehrer nach den Ferien ist verabredet worden, auch wenn das nur mit Bauchschmerzen von Sebastian akzeptiert wurde. Ein Eis und ein langer Spaziergang hinterher, mit viel Spaß und einer spürbaren Erlösung seinerseits, haben das aber vergessen lassen. Er und seine Eltern gehen das gemeinsam an, helfen und haben deutlich gemacht, dass Schule eben auch etwas mit Arbeit zu tun hat. Am Spaß soll es dennoch nicht komplett fehlen.


Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Amateur am Werk 
Ungeschickter Bauarbeiter löst Kettenreaktion aus

Es kommt wie es kommen muss. Zum Glück kam der Mann noch einmal glimpflich davon. Video

Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal