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"Homeschooling" in den USA: Bei Mama auf der Schulbank

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Homeschooling  

"Die Kinder werden zu Freaks"

02.07.2009, 12:26 Uhr | mmh; iri, t-online.de, AFP

Mutter unterreichtet ihre zwei Söhne zu Hause.Kann Homeschooling wirklich eine Alternative zum staatlichen Schulsystem bilden? (Bild: Imago)In den USA unterrichten nicht mehr nur fundamentalistische Christen ihre Kinder selbst. "Homeschooling" wird mehr und mehr zum Trend. Kritiker fürchten nun, dass durch den Heimunterricht lauter kleine Egoisten heranwachsen, die frei von jeglichen sozialen Kompetenzen sind.

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Schutz vor negativen Einflüssen

Der Unterricht zuhause durch die Eltern hat seine Wurzeln in der Pionierzeit, als es keine Schulen gab. Heute soll er die Kinder vor schlechten Einflüssen in den öffentlichen Schulen, wie beispielsweise Mobbing unter Gleichaltrigen oder Stundenausfall schützen. In Deutschland verbietet die allgemeine Schulpflicht den Hausunterricht, den manche Familien aus religiösen Gründen gerne durchführen würden.

In den USA erlaubt

Als Elizabeth Dean vier Jahre alt war, nahm ihre Mutter sie aus dem Kindergarten. Das Mädchen aus Columbia im US-Bundesstaat Maryland konnte bereits lesen, es war den Gleichaltrigen um Jahre voraus. Seitdem werden Elizabeth und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Teddy daheim unterrichtet - von ihrer Mutter Lisa. Immer mehr Eltern in den USA entscheiden sich zum "Homeschooling", das heißt, sie unterrichten ihre Kinder in Eigenregie daheim. Denn anders als etwa in Deutschland ist der Besuch einer Schule in den USA nicht verpflichtend. Kritiker warnen, dass der Trend eine Generation von Egoisten ohne soziale Kompetenz heranwachsen lässt.

Anhaltender Trend

Lisa Dean ist überzeugt, im besten Interesse ihrer Kinder gehandelt zu haben. "Man liest all diese Sachen darüber, was in den Schulen los ist: sexuelle Aktivitäten, Drogen, Schikane, Gewalt", sagt sie. "Ich glaube nicht, dass Kinder diese Erfahrung machen müssen." Im Jahr 1998 gab es in den USA laut dem Nationalen Zentrum für Bildungsstatistik (NCES) 850.000 Kinder, die zuhause von den Eltern unterrichtet wurden. 2003 waren es bereits 1,1 Millionen, also 29 Prozent mehr, Momentan sind es rund zwei Millionen Kinder, Tendenz stark steigend. Seine Wurzeln hat das "Homeschooling" in der Pionierzeit, als es noch nicht überall Schulen gab.

Früher Domäne der Fundamentalisten

Traditionell ist "Homeschooling" in den USA eine Domäne fundamentalistischer Christen oder politisch extremer Verschwörungstheoretiker - von Menschen also, die ihre Kinder vor dem Einfluss eines als verdorben betrachteten Staates schützen wollen. Inzwischen hat sich das geändert, das Phänomen erreicht die Mitte der Gesellschaft. Lisa Dean etwa bezeichnet sich als nicht religiös, sie will einfach nur eine maßgeschneiderte Ausbildung für ihre Kinder. Die inzwischen 14-jährige Elizabeth etwa lernt bereits Trigonometrie, zwei Jahre früher als Schüler an öffentlichen Schulen.

Individueller Unterricht

Auch Tamara Bergen ist von den Vorteilen überzeugt, sie hat ihre beiden Töchter 15 Jahre lang zuhause unterrichtet. "Man kann den Unterricht orientieren am Niveau des Kindes, seine Fähigkeiten, seinem Tempo, seinen Interessen und seinen Begabungen", sagt Bergen. Wie die meisten "Homeschooler" richtet sie sich nach staatlichen Lehrplänen, die sie aber flexibel gestaltet. Ihr ist darüber hinaus noch wichtig, ihre christlichen Wertvorstellungen in den Unterricht mit einfließen zu lassen.

Oft religiöse Gründe

In einer NCES-Umfrage gaben 30 Prozent der lehrenden Eltern an, sich aus religiösen oder anderen Wertegründen fürs "Homeschooling" entschieden zu haben. Weitere 30 Prozent sagten, Sorgen wegen Drogen, Sicherheit und Gruppendruck hätten den Ausschlag gegeben. 17 Prozent gaben an, sie seien mit dem Lehrplan in traditionellen Schulen nicht einverstanden.

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Erziehung zu Egoisten?

Lisa Dean berichtet, mit ihrer Entscheidung damals zunächst auf Ablehnung gestoßen zu sein. Die Leute hätten ihr gesagt: "Deine Kinder werden zu Freaks, sie werden nie lernen, sich zu benehmen." Dean gibt zu: "Das Erlernen sozialer Fähigkeiten ist ein großes Problem beim 'Homeschooling'." Das Problem versucht sie zu lösen, indem sie ihren Kindern viel Zeit für Treffen mit Freunden lässt. "Die Kinder haben viel Umgang", sagt sie, während ihr Sohn Teddy gerade in einer Unterrichtspause mit zwei Freunden durch das heimische Klassenzimmer im Erdgeschoss tollt.

Allgemeine Schulpflicht in Deutschland

Anders als in den USA und vielen europäischen Staaten, in denen es zwar eine Unterrichtspflicht, jedoch keine Schulpflicht gibt, drohen Schulverweigerern in den meisten deutschen Bundesländern Bußgeldzahlungen, Ersatzzwangshaft oder sogar der Entzug des Sorgerechts. Das bedeutet, Kinder dürfen nicht durch ihre Eltern oder Privatlehrer statt durch Lehrer öffentlicher Schulen unterrichtet werden. Aus Angst, die eigenen Kinder zu verlieren, haben deutsche "Homeschooling"-Familien ihren offiziellen Wohnsitz deshalb ins Ausland verlegt. Auch keine ideale Situation für Kinder. In Österreich dürfen Eltern in Ausnahmefällen ihre Kinder selbst unterrichten, werden dabei aber kontrolliert.

Schulpflicht von Gericht bestätigt

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland gegenwärtig 500 bis 1000 Familien, in denen die Kinder zu Hause unterrichtet werden. Die Kinder sollen vor der Evolutionstheorie oder Sexualkunde geschützt werden oder die Eltern halten öffentliche Schulen aus anderen Gründen für nicht geeignet. Sie seien schlicht zu schlecht oder das Kind fühle sich in der Schule nicht wohl. Aus solchen Gründen kämpfen immer mehr Eltern gegen die Schulpflicht und ziehen vor Gericht. Diese Entwicklung wird vom Staat äußerst kritisch gesehen. Wer in Deutschland nicht mit dem staatlichen Schulsystem einverstanden ist, kann eine Privatschule gründen, doch auch dafür sind die staatlichen Auflagen sehr streng. Deutsche Gerichte urteilten immer wieder, dass die Schulpflicht höher zu bewerten sei als die Glaubensfreiheit. Denn viele der bibeltreuen Familien wollen nicht, dass ihre Kinder mit Sexualkunde oder der Evolutionstheorie, Inhalte, die der Lehrplan vorschreibt, konfrontiert werden. Nur Kinder, die so stark krank sind, dass sie keine Schule besuchen können, können im Ausnahmefall zuhause unterrichtet werden oder im Krankenhaus.

Gründe für die Schulverweigerung

Die Dunkelziffer der Familien ist schwer zu fassen, zwischen 500 und 3000 Kinder sollen es sein. Neben religiösen Gründen geben die Familien an, das Kind nicht gegen seinen Willen in die Schule zu zwingen oder das Kind leidet unter schwerwiegenden Schulschäden, Eltern lehnen die Sozialisationsform der Schule ab, wollen ihr Kind vor Gewalt, Mobbing und Drogen schützen oder halten Homeschooling schlicht für die bessere Bildungsmöglichkeit

Kritik an Homeschooling

In den USA besteht zwar eine stärkere Tradition des Homeschooling, außerdem gibt es dort entsprechend aufbereitetes Unterrichtsmaterial, das von einem anderen Lehr-Ansatz ausgeht. Doch gibt es auch dort starke Kritik. Man dürfe auch Kindern aus bibeltreuen Familien nicht das Wissen und die Informationsmöglichkeiten über andere Weltanschauungen vorenthalten, außerdem würde das Homeschooling die Kinder zu Außenseitern und Egoisten machen. Vor allem aber sind auch die Eltern keine ausgebildeten Lehrer. Ihnen fehlt sowohl das fachliche als auch das didaktische Wissen. Kindern tut es gut, andere soziale Umfelder kennen zu lernen und sich selbst immer wieder neu zu orientieren.

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