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ZDF: "37° - Unterricht am Küchentisch"

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Schulpflicht  

Geldstrafe für Schulverweigerer

26.11.2009, 09:51 Uhr | rev; mmh, t-online.de

Weil sie ihre sieben Kinder, darunter vier schulpflichtige, aus religiösen Gründen nicht zur Schule schicken, müssen zwei Eheleute aus Nordhessen 120 Euro zahlen. Das Kasseler Landgericht verurteilte den 48-jährigen Jürgen D. und seine fünf Jahre jüngere Frau Rosemarie am Mittwoch zu 60 Tagessätzen von einem Euro. Damit blieb das Gericht in seiner Revisionsentscheidung weit unter einem Urteil vom Juni vergangenen Jahres. Da war das Paar noch zu drei Monaten Haft verurteilt worden - ohne Bewährung.

Schule, der einzige Weg?

In der am Dienstag ausgestrahlten Dokumentation "Unterricht am Küchentisch" der ZDF-Reihe "37°" wurde über den Fall der Familie D. und einer weiteren Familie, die den Schuldienst verweigert, berichtet. Die Familie D. stellt die Schule als einzigen richtigen Weg in Frage und sie empfinden es persönlich als "ein Abschieben", würden sie ihre Kinder zur Schule schicken. Sie unterrichten sie zuhause wie in einer Zwergschule. Der Stundenplan richtet sich nach dem offiziellen Lehrplan. Ein Modell, das im Falle der D.s offensichtlich Erfolg hat: Jonathan, der älteste Sohn der Familie, besuchte vor kurzem für wenige Wochen eine Realschule, um dort einen offiziellen Schulabschluss zu machen. Er bestand die Prüfung als Bester der Schule mit der Note 1,1.

Es drohte Gefängnisstrafe wegen Heimunterricht

Die Eltern D. wollen ihren besonderen Glauben an Gott und die Bibel leben und finden ihre Werte in den Schulen nicht wieder. Soziale Kontakte knüpfen die Kinder bei der freiwilligen Feuerwehr, im Schwimmverein oder bei den Pfadfindern, doch unterrichtet werden sie seit fast zehn Jahren von ihren Eltern zuhause. Die Kinder erklären, dass sie das gut finden und auch keine weiteren sozialen Kontakte vermissen würden, weil ihre Geschwister auch ihre besten Freunde seien. 2008 wurden Rosemarie und Jürgen D. zu je drei Monaten Gefängnisstrafe ohne Bewährung verurteilt. Die Eltern gingen jedoch in Revision und konnten nun vor dem Kasseler Landgericht eine deutlich geringere Strafe erwirken. Vermutlich werden sie ihre Kinder aber trotzdem weiter zu Hause unterrichten. Der Vater hatte vor dem Urteil gesagt: "Wir halten an Glauben und Gewissen fest. Wir haben keine Wahl."

Lernen ja - aber bitte ohne Zwang

Der zweite Fall: Dagmar und Tilman N. aus Bremen sind der Überzeugung, dass Kinder gern lernen - ohne Zwang. Als ihr Sohn Moritz im Alter von acht Jahren zunehmend mit Krankheiten und aggressivem Verhalten auf den Schulbesuch reagiert, melden die Eltern ihn von der Schule ab. Seitdem lernt Moritz freiwillig zuhause - wie sein jüngerer Bruder Thomas auch, der insgesamt nur für zwei Wochen die Schule besuchte, bevor er merkte, dass auch er nicht auf diese Art lernen will.

Flucht ins Ausland

Der Verstoß gegen die Schulpflicht wird von den Behörden mit hohen Zwangsgeldern geahndet, weitere Zwangsmaßnahmen werden angedroht. Aus Furcht, das Sorgerecht zu verlieren, verlässt Familie N. Deutschland und hält sich größtenteils im europäischen Ausland auf - bis heute. Dennoch kämpfen die Eltern unermüdlich weiter für die Lernfreiheit ihrer Kinder (heute zwölf und zehn Jahre alt), um endlich ein normales Leben in der Heimat führen zu können. Schließlich befinden sich auch alle Freunde der Kinder in Deutschland. Mit einer Klage gegen die allgemeine Schulpflicht sind die Eltern vor einiger Zeit am Oberverwaltungsgericht Bremen gescheitert. Doch Familie N. will nicht aufgeben und mit ihrer Klage sich nun an den Europäischen Gerichtshof wenden.

Allgemeine Schulpflicht in Deutschland

Die Probleme, die die beiden Familien in Deutschland haben, hätten sie in vielen anderen Ländern nicht: Anders als in den USA und vielen europäischen Staaten, in denen es zwar eine Unterrichtspflicht, jedoch keine Schulpflicht gibt, drohen Schulverweigerern in den meisten deutschen Bundesländern strafrechtliche Maßnahmen bis hin zum Entzug des Sorgerechts oder zur Gefängnisstrafe. Das bedeutet, Kinder dürfen nicht durch ihre Eltern oder Privatlehrer statt durch Lehrer öffentlicher Schulen unterrichtet werden. Aus Angst, die eigenen Kinder zu verlieren, haben viele deutsche "Homeschooling"-Familien ihren offiziellen Wohnsitz wie die N.s ins Ausland verlegt. In Österreich beispielsweise dürfen Eltern in Ausnahmefällen ihre Kinder selbst unterrichten, werden dabei aber kontrolliert.

Schulpflicht von Gericht bestätigt

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland gegenwärtig 500 bis 1000 Familien, in denen die Kinder zu Hause unterrichtet werden. Die Kinder sollen vor der Evolutionstheorie oder Sexualkunde geschützt werden oder die Eltern halten öffentliche Schulen aus anderen Gründen für nicht geeignet. Sie seien schlicht zu schlecht oder das Kind fühle sich in der Schule nicht wohl. Aus solchen Gründen kämpfen immer mehr Eltern gegen die Schulpflicht und ziehen vor Gericht. Diese Entwicklung wird vom Staat äußerst kritisch gesehen. Wer in Deutschland nicht mit dem staatlichen Schulsystem einverstanden ist, kann eine Privatschule gründen, doch auch dafür sind die staatlichen Auflagen sehr streng. Deutsche Gerichte urteilten immer wieder, dass die Schulpflicht höher zu bewerten sei als die Glaubensfreiheit. Denn viele der bibeltreuen Familien wollen nicht, dass ihre Kinder mit Sexualkunde oder der Evolutionstheorie, Inhalte, die der Lehrplan vorschreibt, konfrontiert werden. Nur Kinder, die so stark krank sind, dass sie keine Schule besuchen können, können im Ausnahmefall zu Hause unterrichtet werden oder im Krankenhaus.

Gründe für die Schulverweigerung

Neben religiösen Gründen geben die Familien an, das Kind nicht gegen seinen Willen in die Schule schicken zu wollen oder das Kind leide unter schwerwiegenden Schulschäden. Einige Eltern lehnen auch die Sozialisationsform der Schule ab, wollen ihr Kind vor Gewalt, Mobbing und Drogen schützen oder halten Homeschooling schlicht für die bessere Bildungsmöglichkeit.

Kritik an Homeschooling

In den USA besteht zwar eine stärkere Tradition des Homeschooling, außerdem gibt es dort entsprechend aufbereitetes Unterrichtsmaterial, das von einem anderen Lehransatz ausgeht. Doch gibt es auch dort starke Kritik. Man dürfe auch Kindern aus bibeltreuen Familien nicht das Wissen und die Informationsmöglichkeiten über andere Weltanschauungen vorenthalten, zudem würde das Homeschooling die Kinder zu Außenseitern und Egoisten machen. Vor allem aber sind auch die Eltern keine ausgebildeten Lehrer. Ihnen fehlt sowohl das fachliche als auch das didaktische Wissen. Kindern tut es gut, andere soziale Umfelder kennen zu lernen und sich selbst immer wieder neu zu orientieren.

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