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Schulsystem: Viele Schüler kommen auf falsche Schulen

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Schulsystem  

Mehr als 100.000 Schüler auf falscher Schule

03.12.2009, 14:51 Uhr | rev, t-online.de

Mehr als ein Drittel der deutschen Schüler landet nach der Grundschule auf einer unpassenden weiterführenden Schule. (Bild: Imago)Mehr als ein Drittel der deutschen Schüler landet nach der Grundschule auf einer unpassenden weiterführenden Schule. (Bild: Imago)Nicht nur Noten und Leistungen zählen in der Schule - die neue Studie eines Hannoveraner Erziehungswissenschaftlers macht deutlich: Mehr als ein Drittel der deutschen Schüler landet, vor allem aufgrund falscher Lehrerempfehlungen, nach der Grundschule auf einer ungeeigneten weiterführenden Schule. Zudem zeigt sich einmal mehr, wie groß der Einfluss des Bildungsstands der Eltern auf die Schullaufbahn und damit die beruflichen Chancen der Kinder ist. Obwohl das Potenzial für eine höhere Schule ausreiche, landen viele Kinder auf der Hauptschule - mit drastischen Folgen.

37 Prozent kommen in die falsche Schule

Joachim Tiedemann, Schulforscher und Psychologieprofessor im Ruhestand aus Hannover, hat nun berechnet, dass Hunderttausende Schüler von ihren Grundschullehrern "in die Irre geleitet" werden, wie "Spiegel Online" berichtet. 37 von 100 Kindern kämen nach der Grundschule auf eine nicht geeignete weiterführende Schule: Entweder werden sie auf das Gymnasium geschickt, obwohl diese Schulform über ihren Fähigkeiten liegt oder - und das ist der häufigere Fall - sie werden vom Gymnasium ferngehalten, obwohl das Potenzial dafür da wäre. "Mehr als ein drittel der Schülerinnen und Schüler wird fehlplatziert. Pro Geburtenjahrgang sind sechsstellige Schülerzahlen in dieser Weise betroffen", so Tiedemann gegenüber "Spiegel Online".

Viele sind unterfordert

Eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat erst vor kurzem ein ähnlich erschreckendes Ergebnis hervorgebracht. Auch hier heißt es: Fast jedes dritte Kind geht auf die falsche Schule. Die Experten hatten herausgefunden, dass beim Wechsel von der Grundschule auf eine weiterführende Schule 17 Prozent auf einer Schule landen, die unter ihrem Leistungsniveau ist. Demnach gehen besonders in Familien ohne Akademiker Kinder oft nicht zur Realschule oder aufs Gymnasium - auch wenn sie in der Grundschule gute Noten haben. Dadurch sind nicht wenige unterfordert. Für Kinder aus nichtakademischen Familien sei dieses Risiko zweieinhalb Mal so hoch wie für Kinder aus Akademikerhaushalten. Weitere 13 Prozent der Schüler wechseln nach der Grundschule auf eine Schule, die oberhalb ihrer Fähigkeiten liegt.

Akademikerkinder klar im Vorteil

Für diese Studie wurde damals das Lernpotenzial von knapp 900 Schülern getestet und so für jede Schulform Mittelwerte aufgestellt. Mit Berücksichtigung einer Standardabweichung konnte auf diese Weise festgestellt werden, ob ein Schüler an seiner Schule unter- oder überfordert ist. Deutlich erkannten die Berliner Bildungsforscher, wie groß der Einfluss des Bildungsgrades der Eltern auf die schulische Laufbahn der Kinder ist. Es ergebe sich ein klares Ungleichgewicht bei der Verteilung auf die weiterführenden Schultypen: So besuchen fast vier Fünftel der Kinder aus Akademikerfamilien das Gymnasium. Bei Schülern aus Haushalten ohne solchen Bildungshintergrund sind es nur rund 30 Prozent. Ähnlich stark ausgeprägt ist das Missverhältnis bei den Hauptschulen. Jedes vierte Kind aus einem nicht-akademischen Elternhaus (26 Prozent) lernt dort. Das tut nur jedes zwanzigste Kind (fünf Prozent), dessen Eltern einen Hochschulabschluss haben.

"Bildungspolitischer Skandal"

Schon früher haben andere Studien im Umfeld der Pisa- und Iglu-Studien belegt, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen in Deutschland weit größer ist als in einem Großteil anderer Staaten. Zu oft liegen Lehrer im stark selektiven deutschen Schulsystem mit ihren Schulempfehlungen für die weiterführende Schule daneben. Andere Untersuchungen ergaben sogar eine Quote von bis zu 50 Prozent von Schulempfehlungen, die nicht durch Noten und Leistung der Schüler gerechtfertigt sind. Wilfried Bos, der Leiter der deutschen Iglu-Studie, bezeichnete dies als "bildungspolitischen Skandal".

Lehrer liegen oft daneben

In Tiedemanns Studie heißt es zu den Empfehlungen der Lehrer: "Die Empfehlung ist treffsicherer als eine Zufallsweisung." Eine Aussage, hinter der natürlich ein hartes Urteil steckt. Doch, auch wenn die Empfehlungen der Lehrer von Experten stark kritisiert werden, werden die Lehrer selbst von ihnen in Schutz genommen: "Weder ist die Vermittlung entsprechender Diagnostik- und Prognosekompetenzen Bestandteil der universitären Lehrerausbildung, noch gehören Kaffeesatzlesen und Hellseherei zum verpflichtenden Fortbildungsprogramm von Lehrern."

Scheitern am Schulsystem

Die Folgen der Fehlentscheidungen durch die Lehrer und der damit verbundenen systematischen Unterforderung sind fatal für die Schüler. Vielen Kindern werden so die Chancen auf ein späteres Studium frühzeitig verbaut. Sie können ihr Potenzial nicht nutzen, und ihre Motivation in Bezug auf Bildung wird nicht ausreichend gefördert. Es wird deutlich: Regelmäßig scheitern in Deutschland Kinder am Schulsystem - und nicht an ihren Fähigkeiten und ihrem Potenzial.

Unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern

Um dem entgegenzuwirken, plädieren Joachim Tiedemann und andere Schulexperten dafür, dass Kinder nicht schon nach der vierten Schulklasse getrennt und auf weiterführende Schulen geschickt werden, wie es in den meisten Bundesländern der Fall ist. Den Versuch das Empfehlungsverfahren weiter zu optimieren, hält Tiedemann für "weitgehend ausgereizt". Statt besserer Empfehlungen will er gar keine mehr, zumindest nicht schon nach der vierten Klasse. Die Bundesländer gehen sehr unterschiedlich mit dieser Problematik um: In acht Ländern entscheiden die Lehrer über die weiterführende Schule, in den anderen acht die Eltern.

BundeslandLehrerempfehlungBemerkung

Baden-Württenberg

Bindend

Wenn Eltern eine andere Schulform wünschen, ist Prognoseunterricht möglich.

Bayern

Bindend

Durchschnitt von 2,33 in den Hauptfächern erforderlich.

Berlin

Nicht-bindend

Losverfahren für einen Teil der Schüler wird diskutiert.

Brandenburg

Bindend

Bremen

Nicht-bindend

Hamburg

Nicht-bindend

Elternwille soll künftig nicht mehr zählen.

Hessen

Nicht-bindend

Mecklenburg-Vorpommern

Nicht-bindend

Niedersachsen

Nicht-bindend

Nordrhein-Westfalen

Bindend

Wenn Eltern eine andere Schulform wünschen, ist Prognoseunterricht möglich.

Rheinland-Pfalz

Nicht-bindend

Saarland

Bindend

Sachsen

Bindend

Sachsen-Anhalt

Bindend

Schleswig-Holstein

Nicht-bindend

Thüringen

Bindend


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