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Schulstress in der Familie – muss das sein?

18.12.2009, 12:08 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Schulstress in der Familie – muss das sein?. Junge mit Stift, auf dem Tisch liegend.

Wie viel Raum sollte Schule in einer Familie einnehmen? (Bild: imago)

In vielen Familien ist das Thema „Schule“ inzwischen ein Reizthema. Die Eltern möchten das Beste für ihr Kind, wissen aber nicht, wie sie es motivieren sollen. Die Kinder sind genervt, spüren den Druck, der unbewusst auf sie ausgeübt wird und der Streit um die Hausaufgaben und das Lernen ist vorprogrammiert. Doch wie viel Raum sollte Schule wirklich in einer Familie einnehmen ohne Stress zu machen und welche Alternativen gibt es zum täglichen Hausaufgabentheater? eltern.t-online hat  Wolfgang Ehinger, den Vorsitzenden des Landesverbandes der Schulpsychologen in Baden-Württemberg um Rat gefragt.

Druck bringt nichts

Erfolg in der Schule hängt ganz eng zusammen mit den Zukunftschancen eines Kindes. Klar, dass Eltern da nervös werden, wenn es nicht glatt läuft. Denn schließlich möchte man, dass das eigene Kind später einmal zufrieden auf eigenen Beinen steht, einen Beruf erwählen kann, der ihm Spaß macht und sich nicht schon im Vorfeld gute Chancen verbaut. Dass da schnell Sorgendruck aufgebaut wird, ist verständlich, aber wenig hilfreich. Denn Kinder denken noch nicht so weit, sie spüren lediglich die Erwartungen, die an sie gestellt werden und reagieren darauf oft mit Abwehrmechanismen. Das kann ein plötzliches Abfallen der Noten kurz vor dem Übertritt sein, das können psychosomatische Beschwerden sein, das kann aber auch einfach der tägliche Streit um die Hausaufgaben sein, der zeigt, dass hier etwas nicht ganz glatt läuft. Wenn in der Schule alles funktioniert, dann nimmt das Thema auch wenig Zeit und Raum in einer Familie ein. Wenn es aber schief läuft, sich Unzufriedenheit und Stress breitmachen, dann muss man Strategien finden, damit umzugehen und das Grundproblem lösen. „Schüler, Schule und Familie sind eng miteinander verknüpft, der Schüler ist im System Schule wie im System Familie verankert, Schwierigkeiten in dem einen System haben Einflüsse auf das andere System. Wie ein Mobile. Wenn man irgendwo zupft, ist das Ganze in Bewegung, und kann sogar aus dem Gleichgewicht geraten.“

Auch das Lernen will gelernt sein

Oberpsychologierat Wolfgang Ehinger ist sich sicher, dass man das Pferd nur zum Wasser führen kann, trinken muss es selbst. Komplette Nachmittage mit dem Kampf um die Hausaufgaben zu verbringen ist seiner Ansicht nach nicht sinnvoll. „Die Hausaufgaben sind für die Kinder, nicht für die Eltern. Eltern setzen die Rahmenbedingungen, geben die Struktur und die Zeit, und ab und zu vielleicht inhaltliche Hilfe.  D.h. je nach Alter des Kindes klare Vorgaben machen oder aushandeln, wann das Kind/der Jugendliche die Hausaufgaben machen soll. Wichtig ist: Selbständig arbeiten lassen. Die Bewältigung der Hausaufgaben sollte in die Verantwortung des Kindes gelegt werden.“ Dabei allerdings muss man dem Kind zugestehen, dass es dies erst noch lernen muss und ihm die Zeit dazu geben. Bis zur 4. Klasse allerdings sollte ein Schüler in der Lage sein, im Großen und Ganzen selbstständig zu arbeiten. „Wichtig ist auch, die gegenseitigen Erwartungen mit den Lehrern zu klären. Was ist Aufgabe der Schule, was wollen/können/sollen Eltern leisten? Kompetente Pädagogen klären dies in der Regel am Schuljahresanfang mit den Eltern ab und suchen nach Vorgehensweisen, hinter denen alle stehen können. Dies ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach.“

Schüler möchten Erfolg haben

Die Schwierigkeiten, die auftreten können, sind vielfältig und genauso vielfältige Lösungsmöglichkeiten gibt es, die individuell für das jeweilige Kind gefunden werden müssen. „Wenn man selbst nicht mehr weiter weiß, ist ein Gespräch mit dem Lehrer, dem Beratungslehrer oder einem Schulpsychologen sinnvoll.“ Doch was kann man tun, wenn das Thema ‚Schule‘ bereits zum Reizthema in der Familie geworden ist? Wie kommt man aus dieser ‚Falle‘ wieder heraus? In erster Linie rät Wolfgang Ehinger, der in der schulpsychologischen Beratungsstelle Tübingen tätig ist, dazu, Ruhe zu bewahren. Das Thema in der Konfliktsituation selbst erörtern zu wollen, macht sowieso keinen Sinn. Im Gegenteil. Stattdessen sollte man warten, bis die nötige Zeit und die nötige Gelassenheit vorhanden sind. „Vater und Mutter sollten sich dazu vorher auf eine ‚Strategie‘  einigen. Welche Erwartungen haben sie, was halten sie für notwendig? Je nach Alter des Kindes muss man unterschiedlich vorgehen, je älter das Kind ist, desto mehr Eigenverantwortung kann man einfordern.  Dabei sollte die Frage im Mittelpunkt stehen: Was tut dem Kind gut?  Was braucht das Kind, um seinen Weg zu gehen und das, was in ihm steckt, auch umzusetzen?“ Dabei sollte man nie mehr verlangen, als es tatsächlich leisten kann. „Ich habe in meiner  jahrelangen Praxis noch nie ein Kind oder einen Jugendlichen erlebt, der nicht Erfolg in der Schule als Ziel gehabt hätte. Aber wenn Eltern mehr wollen als das Kind, dann wird dieses sich längerfristig verweigern.“

Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

Wenn man selbst nicht mehr weiter kommt, dann sollte man sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern von Stärke. Da steckt der Wille dahinter, dem Kind wirklich helfen zu wollen und die Situation sowie auch die Möglichkeiten des Kindes richtig einzuschätzen. Erster Ansprechpartner sollte da der Beratungslehrer sein. Aber auch schulpsychologische Beratungsstellen helfen gerne weiter. „Gemeinsam werden dann die Einflussbereiche auf das schulische Lernen betrachtet und nach Lösungen gesucht. Was kann das Kind mit seiner Begabungsstruktur und seinen Fähigkeiten selbst übernehmen? Was können Eltern beisteuern, was kann die Schule tun? Gespräche sind oft hilfreich und wirken dann, wenn es gelingt, die gegenseitigen Erwartungen zu klären und sich auf eine gemeinsame Vorgehensweise zu einigen“, so der Schulpsychologe. Seine Erfahrungen zeigen: „Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Der Blick nach vorne ist wichtig, die Ziele sind oft die gleichen und so sollte man sich die Frage stellen: Wie können wir dies zusammen erreichen?“ Doch auch, wenn der Wille auf beiden Seiten vorhanden ist: Der Stoff, den die Schüler zu bewältigen haben, macht Eltern oft Angst. Was, wenn sie nicht mehr helfen können? „Dann ist der Weg zum Fachlehrer angesagt. Das Kind soll dort nochmals nachfragen, um weitere Erklärungen bitten. Wenn das nicht möglich ist, etwa weil alle anderen das Problem schon verstanden haben und der Lehrer daher keine Zeit mehr hat oder auch weil er sich verweigert, sollte man als Eltern das Gespräch suchen und in gegenseitigem Respekt nach Lösungen ringen.“

Nachhilfe sind keine Machtspielchen

In einer solchen Situation kann man durchaus über Nachhilfe nachdenken, sie sollte aber kein Dauerzustand werden. Schwierig wird es oft vor allem dann, wenn die eigenen Eltern versuchen, weiterzuhelfen. Denn das macht wirklich nur Sinn, wenn das Kind diese Hilfe auch annehmen kann und will. „ Am besten wäre es, eine Art Vertrag mit dem Kind auszuhandeln, der besagt, ich bin bereit, dir zu helfen (zum Beispiel dir den Sachverhalt zu erklären, dich Vokabeln abzufragen oder mit dir ein Diktat zu üben), aber ich möchte mit dir nicht streiten deswegen. Also entweder du akzeptierst meine Bedingungen, wie ich helfe, oder wir lassen es sein.“ Dies kann allerdings nur dann Erfolg haben, wenn die Eltern nicht wieder mehr wollen als die Kinder, denn sonst  entsteht ein Machtgefälle. „Und das bedeutet: Die Türen für 'Erpresser- und Bestecherspielchen' wären offen. Wichtig ist auch, dass die gleichen Strategien wie beispielsweise. Rechenwege angewandt werden wie in der Schule. Ansonsten wird das Kind verwirrt, denn es ist nicht in der Lage, alternative Rechenwege zu verstehen, wenn der 'offizielle' der Schule noch nicht verstanden ist.“

Freizeit macht den Kopf frei

Nie vergessen werden sollte, wie wichtig ein Ausgleich durch Freizeitaktivitäten ist. „Schule nimmt viel Zeit in Anspruch und ist anstrengend, entsprechend müssen Energien wieder aufgenommen werden. Selbst der schnellste Porsche braucht ab und zu eine Tankstelle. Freizeitaktivitäten sind daher notwendig, wichtig ist dabei eine Balance zwischen Freizeit und Anstrengung. Eltern sollten darauf achten, dass diese Balance gewahrt wird.“ Was für das Kind den perfekten Ausgleich darstellt, ist individuell sehr unterschiedlich. Das eine liebt es, sich mit einem Buch zurückzuziehen, das andere hat Spaß an einem Musikinstrument oder dem Singen im Chor. Allerdings sollte man als Eltern schon ein wenig darauf achten, dass zwei Dinge nicht zu kurz kommen: der Kontakt zu den Freunden und Bewegung. Erzwingen kann und sollte man hier allerdings nichts. „Günstig ist auf jeden Fall eine Aktivität, die Verbindlichkeit, soziale Kontakte, Erfolgserlebnisse und damit Spaß garantiert.  Schule, vor allem Gymnasium und G8, benötigen viel Zeit und Energie, und die Kinder und Jugendlichen brauchen dann oft Unterstützung und Anleitung, dies mit Freizeitaktivität in Einklang zu bringen.“


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