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Gewalt gegen Schüler: Welche Maßnahmen wirklich erlaubt sind

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Gewalt  

"Viele Lehrer sind tickende Zeitbomben"

26.05.2010, 16:12 Uhr | rev; sca, t-online.de

Im Juli 2009 rastete Peter Harvey im Schulunterricht komplett aus: Mit einer drei Kilogramm schweren Hantel schlug der britische Lehrer auf einen 14-jährigen Schüler ein. Der Teenager erlitt dabei einen Schädelbruch und leidet noch immer unter partiellem Hörverlust. Harvey wurde schließlich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu zwei Jahren Sozialdienst verurteilt. In einem Interview mit der englischen Tageszeitung "The Mirror" warnt Peter Harvey nun selbst vor ähnlichen Attacken durch andere gestresste Lehrer.

Was führte zu der Tat?

Am Ende des viertägigen Verfahrens gegen Peter Harvey ließ das Gericht den Vorwurf des versuchten Mordes fallen. So argumentierte der Richter Michael Stokes: "Sie sind eine anständiger Mann, und über zwanzig Jahre lang waren Sie ein engagierter und erfolgreicher Lehrer." Als Harvey jedoch am Tag des Vorfalls von seinem 14-jährigen Opfer mit den Worten "Fuck you!" beleidigt wurde, kamen mehrere Faktoren zusammen, die schließlich jene Überreaktion zur Folge hatten: "In früheren Jahren hätten Sie diese Situation zweifellos ohne Probleme gemeistert, aber im vergangenen Juli ging es Ihnen sehr schlecht. Sie litten unter Depressionen, Stress und einem erheblichen Mangel an Selbstbewusstsein", so der Richter.

"Viele Lehrer sind tickende Zeitbomben"

Kurz bevor es zu der Tat kam, befand sich Harvey wegen Erschöpfung in einer viermonatigen Zwangspause. Wie während der Verhandlung herausgekommen war, hatten sich die Jugendlichen in der Klasse vorgenommen ihren Lehrer bewusst zu provozieren und dabei mit einer Kamera zu filmen. "Im Interview mit "The Mirror" erklärt Harvey jetzt: "Ich hatte nie vor dem Jungen weh zu tun, es ist einfach passiert." Dann warnt er andere Lehrer: Wenn es ihm passiere, könne es auch jedem anderen passieren. "Viele Lehrer sind tickende Zeitbomben. Ich kenne viele, die nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee halten können oder Angst haben, die Straße zu überqueren, weil sie so gestresst sind."

Ähnliche Fälle in Deutschland

Ganz abwegig scheinen die Aussagen von Harvey nicht zu sein - ebenfalls dann nicht, wenn man sie auf Deutschland überträgt. Mehrfach gab es auch hier Meldungen von Lehrern, die die Nerven verloren hatten und gewalttätig gegenüber den Kindern wurden: In Schwandorf schikanierten Schüler 2006 ihren Lehrer so lange, bis dieser sich zur Wehr setzte. Der 54-Jährige wurde tätlich gegen einen 14-jährigen Schüler und versetzte ihm mehrerer heftige Stöße. Die Lehrerin Sieglinde B. wurde in Berlin zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie ihre Schüler - zum Teil Erstklässler - mit Ohrfeigen, Kopfnüssen und Schlägen auf den Hinterkopf züchtigte. Laut dem Landgericht Potsdam sei die 57-jährige Frau schlichtweg überfordert gewesen.

Gewalt gegen Schüler darf nicht toleriert werden

Keine Frage, Lehrer haben es nicht immer leicht. Die Anwendung von Gewalt, die neben körperlichen Verletzungen auch Schulangst und andere psychische Schäden verursachen kann, ist trotzdem eine Lösung, die auch nicht unter der Begründung der Überforderung toleriert werden darf. Welche Möglichkeiten haben Lehrer in Deutschland stattdessen, um auf provozierende oder störende Schüler, auf ständiges Handyklingeln im Unterricht oder zum Beispiel auf Schwänzen zu reagieren?

Was das Schulgesetz sagt

Die Schulgesetze in den Bundesländern regeln, mit welchen Maßnahmen Lehrkräfte auf Unterrichtsstörungen oder anderes "Fehlverhalten" von Schülerinnen und Schülern reagieren dürfen. Rechtsgrundlage des Schulgesetzes ist die Schulpflicht. Unterschieden wird zwischen sogenannten pädagogischen beziehungsweise erzieherischen Maßnahmen, die im niedrigschwelligen Bereich nonkonformes Verhalten korrigieren sollen, und Ordnungsmaßnahmen. Erst wenn erzieherische Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen, können Ordnungsmaßnahmen angeordnet werden (§ 82 HSchG).

Erlaubt: Unterricht nachholen und Gegenstände wegnehmen

Zu den pädagogischen Maßnahmen, die erlaubt beziehungsweise vorgesehen sind, gehört zum Beispiel das Gespräch mit der Schülerin oder dem Schüler mit dem Ziel, eine Veränderung des Verhaltens zu erreichen, die Ermahnung, Gruppengespräche mit Schülerinnen und Schülern und Eltern (Elterngespräch), die formlose mündliche oder schriftliche Missbilligung des Fehlverhaltens, die Beauftragung mit Aufgaben, die geeignet sind, die Schülerin oder den Schüler das Fehlverhalten erkennen zu lassen, Nachholen/Nachsitzen schuldhaft versäumten Unterrichts nach vorheriger Benachrichtigung der Eltern (bis zu zwei Stunden) und die Wegnahme von Gegenständen, die den Unterricht oder die Ordnung der Schule stören. Auch ein Eintrag ins Klassenbuch oder vor die Tür stellen sind erlaubte erzieherische Maßnahmen.

Beispiele aus dem Schulalltag

Das sagt das Schulgesetz, aber was bedeutet das für die vielen kleinen Situationen im Schulalltag. Was ist erlaubt, was nicht?

  • Sechs wegen Abschreiben? Die Entscheidung, ob bei einem Täuschungsversuch sofort eine "sechs" vergeben beziehungsweise eine Arbeit als "nicht bestanden" bewertet wird, liegt zunächst bei der Lehrkraft. Diese darf aber auch nur Punkte für einen Teilbereich der Arbeit abziehen oder die Arbeit nachschreiben lassen.

  • Strafarbeiten oder Nachsitzen? Das bloße, sinnlose Abschreiben von Verben, Texten und anderem ist kein geeigneter Inhalt von Zusatzaufgaben: Sinnlose Strafarbeiten sind unzulässig (Punkt 4.2.6 "Erläuterungen für Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen", Baden-Württemberg). Ebenso ist bloßes Nachsitzen weder als Ordnungsmaßnahme noch als erzieherische Maßnahme zulässig. Das Nacharbeiten von versäumten Schulstoff unter Aufsicht dagegen ist zulässig. Die mildere Variante dieser erzieherischen Maßnahme ist das häusliche Nacharbeiten von versäumtem Unterrichtsstoff.

  • Handy oder MP3-Player wegnehmen? Lehrer sind befugt, Schülerinnen und Schülern Gegenstände aller Art für die Dauer der Unterrichtszeit wegzunehmen beziehungsweise so lange aufzubewahren, bis keine Störung mehr zu befürchten ist. Nach Schulende allerdings müssen Schülerinnen und Schüler den beschlagnahmten Gegenstand zurückbekommen. Probleme mit dem Datenschutz lassen sich von den Lehrenden vermeiden, indem sie das Handy vom Schüler vor der Beschlagnahmung ausschalten lassen und fragen, ob ein Pin Code eingerichtet wurde. Ein prophylaktisches Wegnehmen von Gegenständen allerdings ist nicht erlaubt!

  • Geldstrafe in die Klassenkasse? Geldstrafen (auch zugunsten der Klassenkasse) sind unzulässig.

  • An den Haaren oder Ohren ziehen? Selbstverständlich ist die körperliche Züchtigung von Schülerinnen und Schülern unzulässig. Unter körperlicher Züchtigung ist jede Form der Disziplinierung durch körperliche Gewalt zu verstehen (zum Beispiel auch an den Ohren oder Haaren ziehen). Ausnahme ist, wenn eine Notwehr - oder Nothilfesituation vorliegt.

  • Pausenhof reinigen? Um Schülerinnen und Schüler anzuhalten, Abfälle nicht auf den Schulhof, sondern in dafür vorgesehene Abfallbehälter zu werfen, ist es zulässig, die Reinigung des Schulhofes von den Schülerinnen und Schülern selbst vornehmen zu lassen.

Verhältnismäßigkeit: Ein Grundsatz zum Schutz

Jede pädagogische Maßnahme muss - zum Schutz von Schülerinnen und Schülern vor Willkür - dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit genügen. Das bedeutet, sie soll darauf abzielen, die Schülerin oder den Schüler von regelkonformen Verhalten zu überzeugen. Sinn und Zweck ist dagegen nicht, dass ein Schüler oder eine Schülerin das Verhalten in Zukunft nur aus Angst unterlässt. Auch muss Angemessenheit der Maßnahme gewährleistet sein, das heißt, der Nutzen muss im Verhältnis zu den Folgen der Maßnahme stehen und es muss die mildeste Maßnahme gewählt werden, die Erfolg ermöglicht.

Ordnungsmaßnahmen

Wenn pädagogische Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen, dürfen Ordnungsmaßnahmen verhängt werden. Über einige Maßnahmen kann die Schulleiterin oder der Schulleiter entscheiden. Das sind

  • der Ausschluss vom Unterricht für den Rest des Schultags, von besonderen schulischen Veranstaltungen, Wahlfächern und vom freiwilligen Unterrichtsangebot,
  • die Zuweisung in eine andere Klasse oder Lerngruppe.

Für alle anderen Ordnungsmaßnahmen - die Androhung der Überweisung in eine andere Schule der gleichen Schulform oder des Schulverweises sowie die Umsetzung dieser Maßnahmen - ist das jeweilige Staatliche Schulamt zuständig. Bevor eine Ordnungsmaßnahme eingeleitet wird, haben die Schülerin oder der Schüler und die Eltern das Recht, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Nur "der Ausschlusses vom Unterricht für den Rest des Tages" kann ohne die vorherige Stellungnahme der Eltern erfolgen. Wenn es innerhalb von zwei Jahren zu keinen weiteren Vorkommnissen kommt, können alle mit der Ordnungsmaßnahme verbundenen Einträge und Schriftstücke gelöscht werden.

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