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Bertelsmann Stiftung: Mehr Bildung bedeuten weniger Morde

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Bertelsmann-Studie: Mehr Bildung - weniger Morde

11.11.2010, 08:50 Uhr | dapd

Es ist eine beeindruckende Zahl: 416 Morde und Totschläge ließen sich in Deutschland jährlich verhindern, wenn es gelänge, die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss zu halbieren. Davon zumindest sind Horst Entorf und Philip Sieger von der Universität Frankfurt am Main überzeugt. Dazu kämen noch knapp 13.500 Raubüberfälle und Erpressungen sowie fast 320.000 Diebstähle weniger.

Kriminalität und Bildung: Frankfurter Studie untersucht Zusammenhang

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler den Zusammenhang zwischen mangelhafter Schulbildung und Kriminalität unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist eine Studie, die sie diese Woche in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert haben. Dass ein Zusammenhang zwischen Schulbildung und Verbrecherkarriere besteht, stand für die Forscher dabei außer Frage. Ein Blick in deutsche Gefängnisse genügt: Dort haben 15 Prozent der Insassen nicht einmal einen Hauptschulabschluss, unter Gewaltverbrechern und Dieben gilt dies sogar für jeden Vierten. Nimmt man die Gesamtzahl deutscher Erwachsener, sind es dagegen gerade einmal 3,6 Prozent.

Die entscheidende Frage allerdings war: Besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen der unzureichenden Bildung und dem Abdriften ins Verbrechermilieu? Denn nur dann wäre erwiesen, dass Bildung tatsächlich eine Stellschraube ist, mithilfe derer sich Verbrechen verhindern ließen. Und tatsächlich: Mit der Studie aus Frankfurt ist es zum ersten Mal gelungen, diese Kausalität für Deutschland zu belegen.

Auch das Elternhaus ist ein entscheidender Faktor

Dazu haben die Wissenschaftler 1771 Häftlinge sowie eine Kontrollgruppe von 1193 Menschen ohne einschlägige Vorgeschichte befragt und die Ergebnisse mit Daten der Kriminalitätsstatistik verglichen. Mithilfe komplizierter statistischer Messverfahren konnten sie nun verschiedene Faktoren festmachen, die eine kriminelle Laufbahn begünstigen. So stellten die Forscher fest, dass in besonderem Maße Vorstrafen im Elternhaus dazu führten, dass auch die Kinder straffällig werden. Eine Scheidung der Eltern wirkt sich demnach ebenfalls negativ aus. Zur Überraschung der Wissenschaftler verstärkt sogar Konfessionslosigkeit die Neigung zu kriminellem Handeln. Verbrechenshemmend wiederum wirken Ehen.

Mit besserer Bildung sinkt die Kriminalitätsrate

Das Augenmerk der Untersuchung lag jedoch auf den Bildungseinflüssen. Hier schlug der fehlende Hauptschulabschluss besonders stark zu Buche. Um zehn Prozent höher war bei den Schulabgängern ohne Schulabschluss die Wahrscheinlichkeit wegen eines Verbrechens verurteilt zu werden. Und genau das ist der Punkt, bei dem die Bertelsmann Stiftung ansetzen will. Denn der Bildungsfaktor ist derjenige, auf den die Gesellschaft am ehesten Einfluss nehmen kann. Einen kleinen Haken freilich hat die Sache: Man müsste erst einmal die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss halbieren. Ob ein so ambitioniertes Ziel mit politischen Maßnahmen überhaupt zu erreichen ist, vermag auch die Frankfurter Studie nicht zu beantworten. Jedoch würde sich natürlich auch eine niedrigere Reduzierung dieser Zahl schon positiv in der Kriminalitätsstatistik bemerkbar machen.

"Unser Bildungssystem lässt viel zu viele Schüler scheitern"

"Die spannende Frage wäre", sagt Jörg Dräger, der im Vorstand der Stiftung für Bildung zuständig ist, "wie viele Polizisten ich brauche, um 416 Morde zu verhindern - und wie viele Lehrer." Für ihn ist klar: "Unser Bildungssystem lässt viel zu viele Schüler scheitern." Einen Lösungsansatz sieht der ehemalige Hamburger Wissenschaftssenator daher in einem stärkeren Fokus auf das gemeinsame Lernen. Den Hebel müsse man bei Förder- und Brennpunktschulen ansetzen und Sonderschüler in einen reformierten Regelschulbetrieb integrieren. Zahlreiche Studien hätten längst belegt, dass das gemeinsame Lernen stärkeren Schülern nicht schade, schwächeren aber helfe.

Vermeidbare Kosten für Kriminalität: 1,419 Milliarden Euro

Die Bertelsmann Stiftung hat es sich schon seit längerem zum Ziel gesetzt, die Folgekosten schlechter Bildung zu beziffern. So veröffentlichte sie vor gut einem Jahr das Ergebnis einer anderen Studie, wonach sich die Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum innerhalb der kommenden achtzig Jahre auf stattliche 2,8 Billionen Euro summierten. Die jetzt vorgelegte Studie ist ein weiterer Baustein des Bertelsmann-Projekts. Deshalb wurden Entorf und Sieger gebeten, das Ergebnis auch noch einmal in Euro zu beziffern: Auf 1,419 Milliarden Euro, so das Fazit, beliefen sich die vermeidbaren "Kriminalitätskosten" im Jahr - nach konservativen Berechnungen. "Ich könnte auf diese Eurobeträge gut verzichten", sagte Wissenschaftler Entorf: "Aber Politiker kann man damit besser überzeugen."

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