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"Hart aber fair": Wie viel Härte braucht Erziehung?

17.02.2011, 11:45 Uhr | mmh, t-online.de

Hart aber fair: Wie viel Härte braucht Erziehung?. "Hart aber fair": Frank Plasberg fragt, "Wie viel Härte braucht Erziehung?" (Foto: WDR)

"Hart aber fair": Frank Plasberg fragt, "Wie viel Härte braucht Erziehung?" (Foto: WDR)

"Übe Mozart oder Dein Kuscheltier brennt. Wie viel Härte braucht Erziehung?" Das fragte Frank Plasberg die Gäste der Talkshow "Hart aber fair". Immer wieder greift die Runde Erziehungs- und Familienthemen auf. Diesmal nahm sie die aktuelle Debatte auf, die das Buch der chinesischen "Tigermutter" Amy Chua "Die Mutter des Erfolgs" mit dem absoluten Ja zum Drill und Nein zum Spaß in der Erziehung in Deutschland ausgelöst hat. Der Titel der Sendung ist ein Zitat aus dem Buch. Es herrschte viel Einigkeit und es gab wenig Zoff unter den fünf Gästen. Doch was hatte diese Diskussion eigentlich mit dem Untertitel der Sendung zu tun, nämlich "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft"? Nicht viel. Keiner der Gäste kam aus der Politik. Wie sieht eine gelungene Erziehung aus?

Braucht Erziehung Spaß oder Drill?

"Hart aber fair“ könnte auch ein Erziehungsmotto sein. Die fünf Gäste der gleichnamigen ARD-Sendung waren sich schnell einig, dass die Thesen von Amy Chua überspitzt sind, dass sie nicht taugen als Erziehungsratgeber für die Praxis. Regeln ja, aber kein Drill. Ist das der deutsche Weg? Tenor der Runde: Regeln braucht man in einer Gesellschaft, vermittelt werden sie am besten durch Vorbild und Spaß und wenn das nicht hilft, so zumindest "Drillmeister" Wolfgang Schneider, dann eben durch Drill. Nur über Nuancen stritten die Gäste. Ist das Thema also schon wieder passé?

Demütigung als Ansporn

"Wenn Du Dir nicht mehr Mühe gibst, will ich Dein Geschenk nicht mehr." Dass mit solchen Worten - wie im Falle der Tigermutter Amy Chua - deutsche Eltern einer Sechsjährigen ein selbstgemaltes Bild zurückgeben würden, ist undenkbar. Auch darin waren sich die Gäste einig. "Deutsche Eltern schwanken zwischen Entsetzen und Faszination", meint Frank Plasberg, "geht es um das Glück der Kinder oder um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes?“

Erziehung und die wirtschaftliche Zukunftsangst

Es ging um Allgemeinbildung, um Weltwissen, um den Pisa-Test, in dem 2010 Shanghais Schüler die Weltspitze bildeten und Deutschland im gehobenen Mittelfeld landete. Es ging um Ängste, wie die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands aussehen wird. Darum, ob chinesische Erziehungsmethoden für Deutschland erfolgversprechend sein könnten. Und natürlich um das viel diskutierte Buch "Mutter des Erfolgs" von Amy Chua, die unter anderem das Demütigen und Beschämen von Kindern als wirkungsvolles Erziehungsinstrument ansieht. In der Runde Gäste, bei denen die Erziehung ihrer Kinder oder die Erziehung, die sie selbst erfahren haben, anscheinend gelungen ist.

Drill macht nicht kreativ

Micha Brumlik, 64, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor des Buches "Vom Missbrauch der Disziplin“, glaubt nicht an den Erfolg des Drills: "Kinder, die positiv bestätigt werden, sind sehr viel leistungsfähiger und kreativer als die, die heruntergemacht und gedrillt werden, das sind sterile unkreative Persönlichkeiten.“ Das Beschämen und Entwürdigen von Kindern verletze die Integrität der Persönlichkeit. Für ihn ist China absolut kein kulturelles Vorbild und Amy Chuas Buch eher ein Erziehungsroman als ein Ratgeber, der auch von der Tragödie des Scheiterns dieser Methode erzählt. Er wehrt sich gegen das Bild, Kinder seien von Natur aus träge und faul, im Gegenteil, sie seien innovativ und würden ihren Interessen nachgehen, wenn man sie ließe. Das zu fördern, sei die Kunst der Erziehung. Amy Chua und ihre Thesen seien nur ein "Hype", so wie auch die aufgebrachte Diskussion um Thilo Sarrazins provokante Thesen.

Ein bisschen China, bitte

"Die Hälfte von China möcht´ schon sein! Ein bisschen Pauken möcht´ schon sein!“, wünscht sich der Journalistenausbilder Wolf Schneider (86), der Drill nicht rundweg ablehnt. "Kritik ist etwas Wunderbares, Glück ein schöner Luxus, der aber nicht sein muss“, so der vierfache Vater, der allerdings betont, nur mit Erwachsenen zu tun zu haben.

Glück und Leistung bilden keinen Widerspruch

Für die Gold-Gewinnerin von Peking, die 28-jährige Degenfechterin Britta Heidemann, stehen Glück und Leistung nicht im Widerspruch. Ihre Eltern hatten ihr Potenzial erkannt und sie ermuntert, es zu nutzen. "Es macht viel Freude, wenn man gesteckte Ziele erkämpft. Ich bin stolz.“ Wie viel Freude das bereitet, ließ sich ahnen, als sie schmunzelnd von den Freudentänzen der Eltern bei guten Noten erzählt. Es sei gut, wenn Eltern den Rahmen abstecken und Durchhaltevermögen vermitteln, so die Degenfechterin, die heute als Strategieberaterin arbeitet. Als Schülerin verbrachte sie drei Monate in Peking.

Hilft Geld bei der Entwicklung?

Ist es sinnvoll, wenn Babys mit drei Monaten Englisch lernen? Diese Frage muss sich Vera Schalhorn, 41 und Mutter zweier Söhne, oft stellen lassen. Sie leitet in Düsseldorf ein Englisch-Sprachzentrum für Kinder zwischen drei Monaten und 14 Jahren. "Bei den ganz Kleinen funktioniert Drill gar nicht, denn die haben noch keine Zielvorstellung, da muss man den Spaß wecken.“ In dieser Phase lernt das kindliche Gehirn am leichtesten Fremdsprachen, deshalb setzt ihr Konzept so früh an. Allerdings muss sie sich auch den Vorwurf gefallen lassen, ihre Schule bediene vor allem die Ängste der Eltern, die um die Zukunftschancen ihrer Kinder fürchten und genug Geld investieren können, diese zu erhöhen.

Drill ist unökonomisch

"Völlig unökonomisch“ urteilt der Journalist und "Tagesschau"-Moderator Claus-Erich Boetzkes (55) selbst Vater von drei Kindern. Er sieht es als Verschwendung von Zeit, Nerven und Geld, ein Kind zwei Stunden zum Üben zu zwingen. Er hat keine Angst vor China, denn alle wegweisenden Erfindungen der letzten Jahrhunderte seien aus Europa und den USA gekommen, aus China dagegen Kopien. "Wenn dieses System so erfolgreich wäre, müssten die nicht so viel kopieren.“ Der Vater von drei Kindern ist überzeugt: Drill produziert neurotische Menschen, die um jeden Preis siegen wollen.

Neue Ziele für die Allgemeinbildung

Brauchen wir Allgemeinbildung? Seit 35 Jahren führt die BASF den selben Eignungstest durch, er enthält Fragen zu Rechtschreibung und einfache Rechenaufgaben. Dort stellt man fest, die Kenntnisse verschlechtern sich: In Mathe bei den Hauptschülern um 39 Prozent, bei den Realschülern um 28 Prozent. Doch, wie Brumlik anmerkt, "geschadet hat es der BASF nicht, die BASF-Dax-Werte klettern nach oben". Muss man also die Allgemeinbildung überdenken?

Deutscher Weg ist anders

Das Fazit aus der Runde und den Zuschauerreaktionen: Es bleibt eine Mentalitätsfrage. Amy Chuas Thesen und chinesischer Drill sind nicht übertragbar. Typische Merkmale einer gelungenen deutschen Erziehung, die kreative Persönlichkeiten fördern will, sind: feste Regeln, ein Rahmen gesellschaftlicher Vereinbarungen, kein Druck, Lernen mit Spaß und Motivation - am besten durch Vorbilder, aber ohne Beschämen.

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