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ZDF-Doku "37 Grad": "Fremd im eigenen Viertel"

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"37 Grad": "Fremd im eigenen Viertel"

26.04.2011, 14:47 Uhr | ZDF, t-online.de

 ZDF-Doku "37 Grad": "Fremd im eigenen Viertel". Maxi und Nathan sind im Abiturstress. (Foto: ZDF/Peter Schmidt)

Maxi und Nathan sind im Abiturstress. (Foto: ZDF/Peter Schmidt)

Beim Thema Integration denken die meisten an Menschen aus fremden Ländern, die sich in Deutschland zurechtfinden müssen. Was aber, wenn Deutsche die "Fremden" sind? Meryem, Nathan und Maxi sind in der Minderheit: Sie besuchen Schulen mit überdurchschnittlich vielen Schülern mit Migrationshintergrund. "Fremd im eigenen Viertel" aus der ZDF Dokumentationsreihe "37 Grad" erlaubt einen Blick in die Realität deutscher Brennpunktschulen.

Meryem besucht eine "Brennpunktschule"

Meryem (15) hat zwei Schwestern, ihre Mutter arbeitet als mobile Sozialpflegerin. Viele glauben, sie sei Muslima, weil sie einen ausländisch klingenden Namen hat und dunkle Haare. Aber ihren arabischen Vater hat sie nie richtig kennen gelernt. Die 15-Jährige besucht die neunte Klasse der Comenius Hauptschule in Duisburg, eine sogenannte "Brennpunktschule". Hier soll lernen Spaß machen, so hat es der Pädagoge Comenius vor rund 400 Jahren in seinen Schriften veröffentlicht. Von Spaß kann an der Schule nicht die Rede sein. Die meisten Hauptschüler hier waren schon an anderen Schulen, die deutschen Schüler geraten oft ins Hintertreffen. Das sagt auch Meryems Mutter, die mit Sorge auf die Zukunft ihrer Tochter sieht. "Wer den Stempel dieser Hauptschule unter dem Zeugnis hat, dem kann auch die Mittlere Reife nicht helfen."

Das Deutsche verlernt

Fast alle von Meryems Schulfreunden haben eine Migrationsgeschichte."Ich war nicht immer in der Minderheit", erinnert sich die 15-jährige Deutsche: "In der Grundschule und sogar im Kindergarten, da konnte ich auch noch alles - das mit dem der, die, das." Inzwischen habe sie das teilweise verlernt, da in der Schule so ein "Mischmasch" sei. Viele Migrationsschüler lernen oft erst in der Schule Deutsch, und es gibt auch einige, die die Sprache ihrer Eltern nur mäßig sprechen. In keiner Sprache sind sie zu Hause, oft können sie sich nicht richtig ausdrücken. Und auch für Meryem und ihre Schwestern bleibt das nicht ohne Folgen. "Ihr sprecht schon teilweise mit türkischem Akzent", stellt ihre Mutter ernüchtert fest.

"Hier hat sich alles total verändert"

"Integration als solches ist in Deutschland in vielen Bereichen nicht gelungen, wenn man sieht, dass es Ballungsgebiete gibt, wo es kein gesundes Verhältnis zwischen ausländischen Gruppen und deutschen Gruppen gibt", meint Mechthild Drechsler von der Comenius Schule in Duisburg Hamborn. Eines dieser Ballungsgebiete ist der Stadtteil Duisburg Bruckhausen. Meryem wohnt mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern in der Nachbarschaft zu Bruckhausen, in Alt Hamborn: "Hier hat sich alles total verändert", erzählt Meryems Mutter. "Es gibt viele Geschäfte, in denen man auf türkisch einkaufen kann. Alle scheinen innerhalb dieser Grenzen zu agieren. Dann muss ich mich natürlich nicht integrieren, wenn ich mein ganzes öffentliches Leben über türkische Mitbürger über türkische Nachbarn selbst abwickeln kann. Warum soll ich mich mit Deutschen integrieren, warum?"

Meryem kennt es nicht anders

Für Meryem, die seit ihrem fünften Lebensjahr Schauspielerin werden will, ist das alles normal, sie lebt ganz in ihrem Viertel und kennt es nicht anders. Bei ihren muslimischen Freunden fühlt sie sich beschützt. "Und, was bedeutet dir hier das Wort Minderheit? Hier gibt es eigentlich gar keine Minderheit. Deutsche habe ich hier bisher nicht gesehen, gibt es hier Deutsche?" witzelt sie.

Neue Wirklichkeiten

"Wenn man über den Schulhof geht und man sieht die ganzen Ausländer, dann denkt man doch, jetzt bin ich hier alleine", sagt der 19-jährige Nathan. Er ist Abiturient der Otto-Hahn-Schule, einer Hamburger Gesamtschule. 50 Prozent beträgt hier der Anteil der Migrationsmitschüler, Kinder aus knapp 50 Nationen besuchen die Schule. Das sind neue Wirklichkeiten.

Schüler aus 50 Nationen

An der Gesamtschule fühlt sich Nathan gut aufgehoben. Früher brauchte er mit dem Lernen etwas länger. An der Brennpunktschule wurde das Lernpensum langsam angezogen, es mussten alle Schüler mitgenommen werden auf dem Weg zum Abi. Jetzt macht er in Hamburg-Jenfeld an der Otto-Hahn-Schule das Abitur. "Klar, das Level ist hier nicht so wie in Blankenese, das kriegen wir nicht hin", sagt eine Integrationshelferin an der Schule, "aber bei fast 50 Nationen und knapp 50 Prozent Migrationsschülern geht das auch gar nicht. Sicher sind die Schüler nicht mit anderen Gymnasiasten gleich zu stellen, ihre Leistungen sind aber sozial stark. Wer hier durchkommt, der hat was geleistet. Der ist sozial fürs Leben gerüstet."

In Hamburg gibt es mehr Migranten als in jeder anderen deutschen Stadt. Migration ist hier seit Jahrhunderten ein Thema. Dabei zeichnet Offenheit die Stadt am Meerzugang aus. Hamburg hat viele Integrationsprogramme laufen. In der Otto-Hahn-Schule wird jede Möglichkeit ergriffen, die Integration gerade auch muslimischer Schüler zu fördern. Und dennoch, Nathan und sein Schulfreund Maxi sehen massive Probleme: "Vielleicht sollte man irgendwelche Kurse schaffen, in denen man die Muslime aufklärt über die andere Religion. Damit sie ihre eigene nicht so stark vertreten. Teilweise ist es so, dass die einen bekehren wollen, und dass sie glauben, ihre Religion sei auf jeden Fall die bessere."

Sprachprobleme dominieren

Aber leider bleibt so einiges auf der Strecke. Nathan ist Pfarrerssohn, aber er geht selten in die Kirche. Trotzdem findet er es schlecht, dass im Religionsunterricht an seiner Schule christliche Inhalte kaum Platz haben. Mal in die Bibel schauen, mal ein Problem mit christlichen Augen zu beobachten, das sei hier nicht erwünscht. Gleich haben alle Angst, dass sich die Muslime übergangen fühlen. Ein Problem, das von fast jedem christlichen Schüler dort bestätigt wird. Nathan ist genau wie Maxi alles andere als reaktionär in seinen Ansichten, ihre Meinung resultiert aus dem täglichen Unterricht und den Begegnungen an der Schule. Ein zweites Thema ist die deutsche Sprache: "Ich würde vielleicht auch sagen, dass man noch stärker durchsetzt, dass sich die Familien noch mehr einbürgern, und dass sie besser die deutsche Sprache lernen."

Maxi hat was draus gemacht

Maxi (19) geht in Nathans Klasse. Er hat noch drei Geschwister, seine Mutter ist Hausfrau, sein Vater Flugingenieur. Nach dem Abitur macht er ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sein Vater hatte am Anfang Schwierigkeiten mit der Schule. "Als wir hierher zogen, war ich schon geschockt und dachte, wenn das mal gut geht, aber Maxi hat was draus gemacht." Für Maxi ist alles okay an seiner Schule. Er kennt es nicht anders und vermisst deshalb auch nichts.

Maxis Eltern finden es schade, dass die Otto-Hahn-Schule zu einer solchen Megaschule gewachsen ist. Hätten sie es heute noch mal zu entscheiden, sie würden es sich überlegen, ihren Sohn dort anzumelden. Gerade das Thema Religionsunterricht finden auch sie schwierig: "Die Kinder haben zum Beispiel eine Moschee besucht. Dann haben wir natürlich gefragt: Wann besucht ihr denn mal eine Kirche? - Und dass alle Kinder bitte daran teilnehmen, auch die muslimischen Kinder, und dann haben wir gesagt: Sollte das nicht passieren, würden wir auch dagegen angehen. Aber es waren alle da."

Multi-Kulti-Beziehungen

Maxi hat türkische Freunde, er kennt da keine Berührungsängste. Wenn es um eine türkische Freundin ginge, dann hätte er schon ein bisschen Angst und übt Zurückhaltung: "Näher kennen lernen, also mit der zusammen sein, nein, auf keinen Fall. Kennen lernen vielleicht schon. Aber dann auch bisschen auf Distanz, weil was man da so mitbekommt. Dann hat man auf einmal ganz schnell ein paar Leute am Hals, die Brüder oder die Freunde vom Bruder. Ich glaube, dass es gar keinen Deutschen gibt, der mit einer Ausländerin zusammen ist."

Sein türkischer Schulfreund Hüseyin entgegnet: "Also ich persönlich könnte mir eine deutsche Freundin vorstellen, auch mit ihr eine Zukunft eingehen. Aber es hängt immer davon ab, wie man sich gegenseitig entgegen kommt. Sie muss sich mir ein bisschen anpassen, ich passe mich auch ihr dementsprechend an, wenn das funktioniert, dann soll eigentlich gar nichts falsch gehen."

Globalisierung in der Schule

Der Film ist eine Momentaufnahme: Deutsche Schüler sind inzwischen oft in der Minderheit, das ist Wirklichkeit geworden an manchen deutschen Schulen. Eine Herausforderung, die aber auch Chancen in sich birgt, wie Maxis Vater kommentiert: "Ich glaube, Maximilian ist Teil einer anderen Generation, die schon in der Schule mit zig Nationen zusammen kommt. Und ich glaube, diese Generation nimmt die Gesellschaft ganz anders wahr, dieses Globale - mit Internet und allem. Wir rücken immer näher zusammen." Maxi und Nathan und Meryem erlauben einen seltenen Blick in die Realität deutscher Schulen, einen Blick in ihre Elternhäuser. "37 Grad" betrachtet Integration einmal anders, aus dem Blickwinkel der Deutschen.

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