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Alte Schule ausgedient? Jahrgangsübergreifendes Lernen soll die Pädagogik der Zukunft sein

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Jahrgangsübergreifendes Lernen  

Jahrgangsübergreifendes Lernen soll die Pädagogik der Zukunft sein

02.05.2011, 16:22 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli

Alte Schule ausgedient? Jahrgangsübergreifendes Lernen soll die Pädagogik der Zukunft sein. Beim jahrgangsübergreifenden Lernen sollen Lehrer nicht nur als strenge Lehrkraft, sondern als Lehrbegleiter dienen. (Quelle: imago)

Beim jahrgangsübergreifenden Lernen sollen Lehrer nicht nur als strenge Lehrkraft, sondern als Lehrbegleiter dienen. (Quelle: imago)

Sechs bis acht Stunden in Lerneinheiten von je 45 Minuten - das ist das durchschnittliche Unterrichtspensum von Schülern in Deutschland. Absolviert wird diese Lernzeit meist in Klassen, die durchschnittlich aus über 25 Kindern bestehen und geleitet werden. Von einer Lehrkraft, die vor der Klasse steht und versucht mittels Frontalunterricht, allen Kindern gleichzeitig einen bestimmten Stoff zu vermitteln, der später in benoteten Klassenarbeiten und Tests überprüft wird. Bei chronischem Misserfolg droht Sitzenbleiben. So oder so ähnlich sieht noch häufig der deutsche Schulalltag aus. Doch nach dem viel diskutierten PISA-Schock und der Debatte über das dreigliedrige Schulsystem streben viele Bundesländer Reformen an und wollen dabei das individuelle Lernen vor allem in den ersten vier Grundschuljahren fördern. Die neue Zauberformel dafür lautet "Jahrgangsübergreifendes Lernen" (JÜL), mit dem die Zeiten der "Wissensvermittlungsanstalten" und des "Gleichschritt-Lernens" langsam zu Ende gehen sollen.

Schule ohne Verlierer

Der Druck etwas bewegen zu müssen, ist für die Politiker zwingender denn je. Noch nie war nämlich die Unzufriedenheit mit dem deutschen Bildungswesen so groß wie heute: Laut einer Umfrage, die von der Bertelsmann Stiftung im Sommer 2010 in Auftrag gegeben wurde, ist die Hälfte der Mütter und Väter von Schulkindern mit dem Schulsystem unzufrieden. Sie halten es für ungerecht und kritisieren, dass sich ihre Kinder nicht entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten entwickeln könnten. Tatsache ist: Es gibt noch immer viel zu viele "Bildungsverlierer". Rund zwölf Prozent der jungen Menschen zwischen zwölf und 24 Jahren stehen ohne Schulabschluss da und finden keinen Ausbildungsplatz. Ein Schritt in die richtige Richtung soll das jahrgangsübergreifende Lernen sein, das vor allem bei jüngeren Schülern vermehrt praktiziert wird.

"Aus alt mach neu"

So innovativ wie viele Bildungspolitiker behaupten, ist die Idee, Kinder aus verschiedenen Altersgruppen zusammen lernen zu lassen, eigentlich nicht. Die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori formulierte bereits 1907 ihre Lehre, in der es ein wichtiger Bestandteil ist, Kinder in gemischten Gruppen individuell und selbstständig lernen zu lassen. Sie bezeichnete jedes Kind "als Baumeister seiner Selbst" und wandte zum ersten Mal Formen des offenen Unterrichts und der Freiarbeit an. Auch an sogenannten "Jenaplanschulen", deren Konzeption in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Peter Petersen erarbeitet wurde, spielt altersübergreifendes Lernen eine zentrale Rolle. Er charakterisierte in seinen Schriften den Nachwuchs ebenfalls als wissbegieriges Wesen: "Das Kind will die Welt kennen lernen, wie sie wirklich ist, nach allen Seiten, mit allen ihm gebotenen Funktionen aufnehmen, sie in sich hinein holen"

Neben den Reformschulen hatte das Lernen in gemischten Altersgruppen in Dorf und Zwerg- Schulen auf dem Land schon seit jeher seinen Platz. Zwar war das gemeinsame Pauken dort eher von praktischen Erwägungen statt von neuen pädagogischen Ideen geleitet, aber dennoch funktionierte es und es wurde als selbstverständlich angesehen, dass ältere Kinder zusammen mit Jüngeren gleichzeitig unterrichtet werden.

Individuelles Lernen statt Gleichmacherei

Die Grundidee von "JÜL" ist, dass gute Schüler schneller lernen und schlechtere aufgefangen werden. Der Motor dieses Lernentwurfs ist also die individuelle Differenzierung, die Selbstständigkeit und die Eigenverantwortlichkeit der Kinder. Dabei haben die Befürworter des Konzepts vor allem die ersten vier Grundschuljahre im Blick und gehen davon aus, dass Kinder unterschiedlich weit entwickelt sind, wenn sie in die Schule kommen. Manche können dann bereits lesen, bei anderen dauert es noch und wieder andere sind Altersgenossen in ihren Rechenkünsten weit voraus.

Manuela Engelmann, die zurzeit als Pädagogin an der privaten Montessori-Schule in Darmstadt arbeitet, hält wenig von der häufig praktizierten Methode staatlicher Grundschulen: "Da wird nicht unterschieden - wenn ein Kind kommt, das schon lesen kann, wird sein Vorsprung ignoriert und gesagt: 'Macht nichts - dann lernst du die Buchstaben eben nochmal, so wie alle anderen auch.‘ - Und auf seinen individuellen Wissensstand wird nicht eingegangen."

Wiederholungsschleifen ohne Sitzenbleiben

Mit "JÜL" wird solche Gleichmacherei vermieden. In den gemischten Grundschulgruppen soll jedes Kind so weit wie möglich selbstorganisiert auf seinem Niveau lernen und die Älteren haben die Möglichkeit den Jüngeren zu helfen. Auf diese Weise können leistungsschwächere, ältere Schüler ihr eigenes Wissen festigen und Lücken aufarbeiten. Denn wer einen Stoff erklärt, verinnerlicht ihn gleichzeitig. So findet für die größeren Kinder ein Perspektivwechsel vom Hilfesuchenden zum Helfenden statt und es wird eine Über- und Unterforderung der Schüler vermieden. Positiv ist auch, dass im Klassenverband sogenannte Wiederholungsschleifen durchlaufen werden können, ohne die Bezugsgruppe wechseln zu müssen. So erleben langsamere Lerner in der Wiederholungsphase nicht die entwürdigende Herabsetzung des Sitzenbleibens und sind weiterhin die "Großen" in der Gruppe der Mitschüler.

Soziale Kompetenz wird trainiert

Durch "JÜL" entsteht auch eine Rollenvielfalt in der Lerngruppe, die immer wieder wechselt: Je nach Alter ist das Kind mal "Lehrling", "Geselle" oder "Meister" und lernt durch diesen Perspektivwechsel mehr Verständnis für andere aufzubringen. Durch die Lektion "zu helfen und zu lernen, Hilfe von Klassenkameraden anzunehmen", wird das soziale Miteinander der Schüler vielfältiger, lebendiger und rücksichtsvoller. Für Manuela Engelmann, die auch als Erzieherin arbeitete, sind solche Verhaltensmuster bei Kindern eigentlich ganz alltäglich: "Diese Art des selbstverständlichen Miteinanders existiert doch schon im normalen Kindergartenalltag. Hier passiert auf natürliche Art und Weise, dass Kinder unterschiedlichen Alters ständig voneinander lernen. Deshalb ist es eigentlich erstaunlich, dass mit Schuleintritt dieser gesunde und lehrreiche Umgang an staatlichen Schulen so häufig abrupt abreißt und pädagogisch nicht weiter gefördert wird."

Keine Angst mehr vor dem "Ernst des Lebens"

Gerade den Jüngsten wird durch "JÜL" der Übergang vom Kindergarten in die Schule leichter gemacht. Die Eingewöhnung der Neulinge verläuft sanfter und kürzer, da sie schneller in eine bestehende Gemeinschaft einbezogen werden und die Regeln und Rituale der Klasse so zügiger aufnehmen können. In diesem Sinne wird die Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und da keine eingefahrenen Rollen existieren, kann sich jedes Kind in der Schule als kompetent, unterstützend und erfolgreich erleben. Konkurrenzen entstehen so weniger häufig und die Fortschritte der anderen werden eher als Ansporn erlebt, denn als Hinweis auf eigene Unzulänglichkeiten gewertet. Christine Falk-Frühbrodt, Leiterin des Instituts für integratives Lernen und Weiterbildung (IFLW) in Berlin und Autorin des Hörbuchs "Erfolgreich lernen" plädiert in einem von ihrem Verlag "AudioTrain" geführten Interview für das Konzept "JÜL": "Ich halte viel von jahrgangsübergreifender Freiarbeit… Die kleineren Kinder lernen von den Großen und umgekehrt an gemeinsamen Projekten. Noten wären in diesen Lernumfeldern hinderlich. Ideen sollte man nicht in gute und schlechte unterteilen, sondern erst einmal im Raum stehen und auf sich wirken lassen."

Und die Lehrer?

Für die meisten Lehrkräfte an öffentlichen, nicht reformpädagogisch orientierten Schulen ist das jahrgangsübergreifende Lernen ungewohnt, denn sie müssen sich von herkömmlichen Unterrichtsmethoden verabschieden. Lernen mit altersgemischten Kindern fordert eine sehr hohe Flexibilität, Einfühlungsvermögen und eine aufwändige differenzierende Vorbereitungszeit. Denn für die verschiedenen Gruppen müssen unterschiedliche Lernmaterialien angeboten und zusätzlich Projekte und Wochenpläne vorbereitet werden. Auch die traditionelle Rolle des "Paukers" verändert sich dabei kolossal, weiß Manuela Engelmann: "Das Wissen soll nun nicht mehr eingetrichtert werden, sondern der Schüler soll es sich selbst - in seiner für sich adäquaten Art - aneignen. So wird der Pädagoge eigentlich zum begleitenden und beratenden Beobachter, der sich aber dann zurücknehmen muss, wenn das Kind beginnt im Lernen zu versinken."

Für Pionier-Pädagogin Maria Montessori sollte ein Lehrer wie eine Flamme sein, der das Feuer in den Kindern entfacht, so Manuela Engelmann. Außerdem werde bei "JÜL" zusätzlich von jedem Lehrer ein großes Wissensspektrum erwartet, das er je nach Altersstufe des Schülers immer parat haben müsse. Auch für Christiane Falk-Frühbrodt ist es für das "neue" Lernen wichtig, dass sich der Lehrer von der Rolle des Dozenten an der Tafel verabschieden und zum Coach und Mentor wird: "Das Schönste ist, dass Lehrer in solchen Schulen Stichwortgeber und Lernbegleiter sind - nicht mehr die, die vorne stehen und alles besser wissen. Erwachsene können viel von Kindern lernen, wenn sie ihnen auf Augenhöhe begegnen und gut zuhören. Vielleicht sind die Kleinsten unter uns die wahren Lehrer."

In der Praxis kein garantiertes Erfolgsmodell

Seit einigen Jahren wird nun in verschiedenen Bundesländern verstärkt das jahrgangsübergreifende Lernen in staatlichen Grundschulen ausgebaut. Schleswig-Holstein, Brandenburg und Berlin sind die Vorreiter. Doch auch in Baden-Württemberg soll beispielsweise mit dem Modellprojekt "Bildungshaus für Drei-bis Zehnjährige" das gemeinsame Lernen konstanter praktiziert werden. Für die Flächenländer ist diese Methode nicht nur ein pädagogischer Ansatz, sondern auch oft eine Möglichkeit bei sinkender Kinderzahl die Schulen in ländlichen Regionen langfristig am Wohnort zu erhalten.

Besonders in Berlin hat man bewusst auf die "innovative" Pädagogik bei der veränderten Schulanfangsphase gesetzt und die Reform 2004 im Schulgesetz verankert. Seit 2010 wird in 85 Prozent der Berliner Grundschulen jahrgangsgemischt unterrichtet. Hundert Prozent sollen es bald werden. Doch diese verbindliche Initiative stößt nicht nur auf Begeisterung. Nach vorangegangenen erfolgreichen Modellversuchen, die jedoch unter Sonderbedingungen mit extrem engagierten Lehrern, Kindern aus ambitionierten Elternhäusern und entsprechend guter Ausstattung durchgeführt wurden, machte sich nach Einführung in den Berliner Schulalltag auch Unzufriedenheit breit.

Die Lehrerin Angelika Werner von der Berliner Schliemann-Grundschule zeigte sich zwar weitgehend zufrieden mit den pädagogischen Ergebnissen, hob aber in ihrem Erfahrungsbericht auf der Webseite ihrer Schule auch praktische Hürden hervor, die die Durchführung des Projektes erschwerten: "Nicht immer konnten die parallelen Erzieherstunden wie versprochen auch wirklich erteilt werden, nicht immer reichten die Räume für Teilungs- und Kleingruppen aus, nicht an allen Seiten war der Stundenplan optimal auf JÜL abgestimmt… Viele Ideen und Vorstellungen lassen sich durch organisatorische Probleme, die nicht die Schule zu vertreten hat, noch nicht verwirklichen."

Zahlreiche Eltern beschwerten sich über die Flut unterschiedlicher Arbeitsmaterialien und die damit verbundene unübersichtliche Zettelwirtschaft. Außerdem wurde kritisiert, dass es wegen zu geringer Lernfortschritte zu viele "Verweiler" in den Wiederholungsschleifen gäbe. Und Schuldirektoren von Grundschulen in sozialen Brennpunkten machten die Erfahrung, dass der Aufwand doppelt so groß sei, zum Beispiel Schüler mit Migrationshintergrund, die schlecht deutsch sprechen und kaum Bücher kennen würden, jahrgangsübergreifend auf eine gemeinsame Ausgangsposition zu bringen. Astrid Sabine Busse, Direktorin der Grundschule in der Köllnischen Heide in Neukölln fügte in einem Interview gegenüber dem Berliner Tagesspiegel hinzu: "Diesen Kindern fällt das eher eigenverantwortliche Lernen besonders schwer. Sie brauchen feste Vorgaben und einen festen Rahmen."

Nachhaltige Reformen brauchen Zeit und Geld

Manuela Engelmann von der Darmstädter Montessori-Schule glaubt nicht, dass der soziale Stand von Kindern und das Niveau ihrer Sprachkompetenz entscheidend für den Erfolg von altersgemischtem Lernen sind und erinnert an die pädagogischen Anfänge von Maria Montessori: "Als sie Anfang des letzten Jahrhunderts in einem Armenviertel von Rom das erste "Kinderhaus" gründete, nahm sie zum Teil auch verwahrloste Kinder auf, die binnen kürzester Zeit Rechnen und Schreiben lernten."

So scheinen der Erfolg und die Qualität der Umsetzung von "JÜL" vor allem von den zur Verfügung gestellten Mitteln abzuhängen. Denn eine reformierte Schule mit diesem Konzept verlangt einige kostenintensive Voraussetzungen. Dazu gehören kleinere Lerngruppen, mehr Räumlichkeiten, differenzierte Lernmaterialien, eine umfangreiche Vorbereitungszeit auf den "Individual"-Unterricht, Zusatzausbildung der Lehrer und nicht zuletzt idealerweise zwei Lehrkräfte pro Gruppe. Eine solche Umstellung kostet nicht nur viel Zeit und Geduld, sondern auch jede Menge Geld. Solange aber Deutschland bei den Ausgaben für sein Bildungssystem, gerade im Grundschulbereich, weit unter den OECD-Schnitt liegt und bezogen auf die Schülerzahl 25 Prozent weniger Lehrkräfte hat als im europäischen Durchschnitt, besteht das Risiko, dass die veränderte Schulanfangsphase durch "JÜL" eine gute Idee bleibt, jedoch nicht den Beginn einer konsequenten "Bildungsrevolution" einleitet.

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