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Homosexuelle Lehrer werden oft angefeindet

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Homosexuelle Lehrer werden oft angefeindet

01.06.2011, 17:37 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Homosexuelle Lehrer werden oft angefeindet. Laut Umfrage werden 15 Prozent der homosexuellen Lehrer von ihren Kollegen ausgeschlossen. (Foto: imago) (Quelle: imago)

Laut Umfrage werden 15 Prozent der homosexuellen Lehrer von ihren Kollegen ausgeschlossen. (Foto: imago) (Quelle: imago)

Homosexualität ist noch nicht überall gesellschaftliche Normalität. Das erleben sowohl homosexuelle Schüler als auch Lehrer täglich in der Schule. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat anlässlich des Pride Festivals die große Schwulenfeindlichkeit an Schulen in der Hauptstadt kritisiert. Es gehe nicht an, dass "'du schwule Sau' die wohl am weitesten verbreitete Beschimpfung auf Schulhöfen ist", sagte Wowereit. Schwule Lehrer haben mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Schüler sind in der eigenen sexuellen Identität noch nicht gefestigt

"Nicht alle Lesben und Schwule sind 'ein Käfig voller Narren', also  Dragqueens oder kesse Väter, sondern arbeiten in fast allen Berufen und oft mit großem Erfolg und sozialer Kompetenz", stellt Detlef Mücke klar. Dem Lehrer wurde im Jahr 2005 der Verdienstorden verliehen und zwar für seine langjährige Bemühung um die Gleichberechtigung und Achtung von Homosexuellen in Schule und Gesellschaft. Denn gerade schwule Lehrer und lesbische Lehrerinnen stehen vor einer besonderen Schwierigkeit: Sie unterrichten junge Menschen, die sich in einer Phase der sexuellen Orientierung befinden. Nicht immer einfach für beide Seiten. 

Vorurteile und Klischees halten sich

Gerade für viele junge Männer ist schwul gleichbedeutend mit absolut uncool. "Voll schwul", "schwule Sau" oder "Bist du schwul, oder was?" sind hier nur einige der vielen Sprachbeispiele. "Wobei die Vorstellungen der Jugendlichen oft geprägt sind von Klischees und Vorurteilen, die nicht selten auch über die Medien vermittel werden." Da ist sich Guido Mayus, Mitorganisator eines jährlichen Treffens homosexueller Lehrer und selbst Biologie- und Geografie-Lehrer, ganz sicher.

Eine Umfrage, durchgeführt im Jahr 2002 von Iconkids & Youth, hat gezeigt, dass über 60 Prozent aller Schüler negativ auf Homosexualität reagieren, Tendenz deutlich steigend. Wobei die jugendlichen Mädchen toleranter zu sein scheinen als die Jungs. Denn diese glauben oft, sie müssten sich, so der Sexualpädagoge Dr. Stefan Timmermanns, deutlicher abgrenzen von "weiblichem" beziehungsweise "unmännlichem" Verhalten.

Sind Gymnasiasten weniger homophob?

Immer wieder aufkommende Vermutungen, dass, je nach Schulart und Unterrichtsort, vor allem auch in Zusammenhang mit einem Migrationshintergrund, die Reaktionen auffallend anders aussehen, kann Detlef Mücke nicht bestätigen. "Allgemein lassen sich Unterschiede in Diskriminierungsfällen, was Schultypen, Herkunft oder Religion der Schülerschaft angeht, nicht belegen. Dazu ist jeder Diskriminierungsfall zu komplex, als dass ein einfacher Erklärungsversuch Rückschlüsse auf die Ursache geben könnte."

Homosexuelle Lehrer machen immer wieder negative Erfahrungen

Die sexuelle Orientierung stellt genau wie die ethische und die soziale Herkunft einen wichtigen Teil der menschlichen Persönlichkeit dar. Denn davon hängt ja auch ab, in welchem Umfeld man sich bewegt und welche Arten von individueller oder gesellschaftlicher Diskriminierung man vielleicht bereits erlebt hat. Und zu Diskriminierungen kommt es nach dem Outen homosexueller Lehrer relativ häufig. Das ergab eine Studie, die an der Universität Oldenburg durchgeführt wurde. Von Psychoterror und Drohbriefen ist hier die Rede. Wobei der Großteil der Gewalt - in verbaler, psychischer aber auch physischer Form - nicht nur von den Schülern auszugehen scheint. Immerhin mehr als 40 Prozent der rund 1000 befragten deutschen Lehrer haben der Studie zufolge negative Erfahrungen gemacht. Mit Schülern, aber eben auch mit Kollegen und Eltern. Acht Prozent wurden beleidigt, vier Prozent belästigt und immerhin 15 Prozent von den Kollegen ausgeschlossen.

Niemand weiß, wie das Umfeld auf ein Outing reagieren wird

Der Studiendirektor Ulf Höpfner von der Arbeitsgruppe schwuler Lehrer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) berichtet, dass der überwiegende Teil der bereits geouteten Kolleginnen und Kollegen diesen Schritt allerding hinterher nicht bereut hat. Im Gegenteil, viele bekommen sogar eine sehr positive Resonanz sowohl von Schülern als auch von Kollegen und Eltern. Garantieren aber kann auch er das natürlich nicht. Das Problem ist, dass man vorher nie wissen kann, wie die Umgebung auf das Outing reagieren wird. Dadurch kommt es häufig dazu, dass die Betroffenen ihr Selbstbild in Frage stellen. "Wobei sich", so der Fachbereichsleiter Naturwissenschaften an einem Berliner Gymnasium, "Schulleitung und Kollegium schon fragen sollten, welches Klima denn an ihrer Schule herrsche, wenn sich schwule Lehrer bzw. lesbische Lehrerinnen nicht outen."

Der offene Umgang mit Homosexualität kann sehr positive Folgen haben

Denn: "Eine Schule ohne offen-homosexuelle Lehrkräfte spiegelt nicht die gesellschaftliche Realität wider", meint Ulf Höpfner mit dem Hinweis auf die Statistik. Man geht davon aus, dass rund fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell sind. In sozialen Berufen verschiebt sich diese Zahl sogar noch ein wenig nach oben. Und auch in jeder Klasse sind es damit - potenziell zumindest - ein bis zwei Schüler.

"Die Erfahrung zeigt, allein das Vorhandensein eines geouteten Lehrers oder einer geouteten Lehrerin führt zu einer innerschulischen Auseinandersetzung mit dem Thema 'sexuelle Vielfalt'. Egal, welche Erfahrungen die Schülerinnen und Schüler mit diesen Lehrkräften machen oder welches Verhältnis sie ihnen gegenüber haben. Schwul- oder Lesbischsein wird durch sie aus der Tabu-Ecke herausgeholt und somit Teil der Schulrealität." Früher mussten sich outende Lehrer noch Angst haben, dass ein Berufsverbot verhängt wird, heute gelten sie oft bereits als Vorbild.

Das Thema kommt auch in der Lehrerausbildung zu kurz

Im optimalen Fall führt ein solch offener Umgang mit der Homosexualität nämlich zu mehr Kommunikation, zu einem Abbau von Vorurteilen und Klischees und einer Offenheit gegenüber anderen Lebensweisen. Die Jugendlichen können so ermutigt werden, selbstbewusst ihren eigenen Weg zu gehen bei der Identitätssuche. "Schule kann und soll dazu beitragen, Vielfalt wertzuschätzen und Unterschieden Raum zu geben, ohne sie zu dramatisieren", heißt es im Vorwort  einer Broschüre der GEW, die sich unter anderem dafür einsetzt, dass Schwule und Lesben in Schulbüchern aller Fächer und Stufen erwähnt werden sowie positiv darzustellen sind. Und dass angehende Lehrer bereits während ihres Studiums mit dem Thema und dem entsprechenden Umgang damit vertraut gemacht werden.

Die Verunsicherung ist groß

In einer Zeit, in der Minister, Sänger, Nachrichtensprecher und Bürgermeister bekennende Schwule oder Lesben sind, sollte man meinen, dass mehr Toleranz in der Gesellschaft herrscht.  "Aber", so Detlef Mücke, "die größere Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen in der Öffentlichkeit kann bei einem Teil der Bevölkerung zu Verunsicherung führen. Manche empfinden das selbstverständliche und unverkrampfte Auftreten auch als Provokation, insbesondere dann, wenn dieses Auftreten nicht dem gängigen Klischee entspricht."

Einmal geoutet – kein Weg zurück!

Schüler sind von Natur aus neugierig. Sie wollen wissen, wen sie da Tag für Tag vor sich haben. Und auch der Mensch, der sie unterrichtet, will sich nicht verleugnen. Sich outen hat also nichts mit Exhibitionismus zu tun, wie immer wieder mal vermutet wird, sondern mit Identität.

"Denn welche Zumutung das Verschweigen seiner Homosexualität darstellt, kann jeder gern mal ausprobieren, indem er das Umgekehrte versucht", schlägt Ulf Höpfner vor. "Alles, was auch nur die geringste Vermutung zulässt, man könnte heterosexuell sein, muss herausgefiltert werden. Muss man geheim halten! Das ist die Lebensrealität eines ungeouteten Homosexuellen, der diese zweifelhafte Fähigkeit im Laufe seines Lebens zu entwickeln gezwungen wird!"

Anfeindungen auf keinen Fall ignorieren

Die GEW hat einen Ratgeber herausgegeben mit dem Titel "Raus aus der Grauzone - Farbe bekennen - Lesben und Schwule in der Schule". Hier findet man rechtliche Grundlagen, Strategien zum Umgang mit Diskriminierung und teilweise erschreckende Fallbeispiele. Detlef Mücke, Mitautor, warnt vor einem Ignorieren von Anfeindungen: "Wird jemand angefeindet, das heißt diskriminiert, so sollte auf keinen Fall darüber hinweg gesehen werden. Es besteht dann die Gefahr der Wiederholung und Verstärkung. Schüler könnten das Ignorieren zum Beispiel als Schwäche auslegen und zu der Auffassung gelangen, dass die Lehrkraft Angst vor Schülern hat." Stattdessen rät er dazu, sich Unterstützung und Rat zu holen und die Sache damit zu thematisieren. "Ein Kollegium kann auch pädagogisch reagieren und Aufklärungsprojekte in die Schule einladen, wenn das Ausmaß homophober Äußerungen groß sein sollte." Bei einer starken Verletzung der Persönlichkeitsrechte, bei der der oder die Betroffene sich tatsächlich nicht mehr in der Lage sieht, an der entsprechenden Schule zu unterrichten, kann sich die Lehrkraft aber notfalls auch auf die Fürsorgepflicht des Dienstherren berufen. Und damit die sofortige oder zumindest zeitnahe Umsetzung an eine andere Schule einfordern.

ratgeber.t-online.de: Homosexuelle Eltern: Nach wie vor benachteiligt

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