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So vergammelt sind deutsche Schulen

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Ekel-Klos und Schimmelwände  

So vergammelt sind deutsche Schulen

02.08.2011, 09:57 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

So vergammelt sind deutsche Schulen. Hier bröckelt der Putz von den Wänden: kein ungewöhnliches Bild in deutschen Schulen. (Foto: imago)

Hier bröckelt der Putz von den Wänden: kein ungewöhnliches Bild in deutschen Schulen. (Foto: imago)

Müsste man deutschen Schulgebäuden Zeugnisse ausstellen, so würden viele mit "mangelhaft" abschneiden mit dem Vermerk "Versetzung gefährdet". Denn der architektonische Zustand unserer Schulen ist vielerorts katastrophal, mit der Folge, dass etliche Schüler und Lehrer täglich einen Großteil des Tages in maroden Räumlichkeiten zubringen und zwischen Schimmelsporen, tropfenden Decken und bröckelndem Putz lernen und arbeiten müssen. Die Kommunen bemühen sich zwar solche Zustände zu verbessern und investieren zurzeit viel Geld, doch die Situation ist nach wie vor unbefriedigend: Es herrscht Sanierungsstau, denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde zu wenig oder gar nicht renoviert und nun kommt man mit den Arbeiten kaum noch hinterher, um die gravierendsten Mängel zu beheben.

"Das ist so widerlich hier!"

"Das ja so widerlich hier, schon wieder fehlen die Klobrillen, das Wasser läuft mal wieder nicht ab und das alte Waschbecken ist auch total versifft", schimpft die Achtklässlerin, als sie mit ihrer Freundin in der großen Pause die Toilette verlässt. Bestätigt werden solche Ekel-Eindrücke auch in Internetforen. Ein Lehrer beschreibt darin die sanitären Anlagen seiner Schule: "Das würde man normalerweise niemandem zumuten - aber die Kinder müssen es täglich erdulden, solche heruntergekommenen Klos." Und eine Mutter ergänzt zornig: "Wohin nur mit meiner Empörung? Seit Jahren beobachten wir Eltern das langsame Verrotten der Schulen. Meine Kinder verkneifen sich den Gang zur Toilette, bis sie wieder zu Hause sind. Kein Mieter oder Arbeitnehmer würde solche Räume auch nur einen Tag akzeptieren!"

Am schlimmsten sind die Toiletten

Dass vor allem die sanierungsreifen Toiletten in der Kritik stehen, liegt daran, dass es um sie häufig am schlimmsten bestellt ist und Baumängel hier auch immer erhebliche hygienische Probleme nach sich ziehen. Doch die sanitären Anlagen sind nur ein Teil der schulischen Räumlichkeiten, wo dringend Handlungsbedarf besteht. Vor allem undichte Fenster und Dächer, unzureichend gedämmte Mauern und Feuchtigkeit in Fußböden oder Wänden haben den "Gammellook" deutscher Schulen in den letzen Jahren verstärkt. Denn diejenigen Gebäude, die jetzt erhöhten Sanierungsbedarf haben, sind meist alt und bereits Anfang des 20. Jahrhunderts oder in den 60er beziehungsweise 70er Jahren errichtet worden. Und selten wurde bisher in diesen altehrwürdigen Gemäuern umfassend renoviert. Die Politik der letzten Jahre hieß eher: "Flickschusterei" wegen Geldmangel und Sparzwang.

Berliner "Adventskalender" für bauliche Missstände

Dass dringend Handlungsbedarf besteht, lässt sich vor allem in Berlin dokumentieren. Hier hat der Landeselternausschuss für die Weihnachtszeit einen "Adventskalender für starke Nerven" zusammengestellt. Hinter jedem Türchen verbargen sich die dringendsten aktuellen Missstände an Berliner Schulen, darunter auch viele bauliche Mängel, die unbedingt behoben werden müssten. Der Adressat war Bildungssenator Jürgen Zöllner, der mit der weihnachtlichen Gabe unter anderem eindringlich daran erinnert werden sollte, die Mission "Schulsanierung" trotz chronisch leerer Kassen nicht aus den Augen zu verlieren.

So musste man beispielsweise in der Grundschule am Weißensee die alten Fenster zunageln, weil sie sonst rausgefallen wären. In der Grundschule am Buschgraben in Steglitz-Zehlendorf verschimmelte der Werkraum wegen Wassereinbruch und am Fichtenberggymnasium in Steglitz arbeitet die Heizung nur noch unzuverlässig und durch die verrotteten undichten Holzfenster zog im Winter die eisige Luft in die Räume, so dass 400 der 700 Schüler schon mal "kältefrei" bekamen. Mit Hitze haben dagegen die Schüler und Lehrer der Poelchau Oberschule zu kämpfen. Hier sind die Jalousien fixiert  oder ganz abgenommen worden, denn beim Hoch- und Runterfahren der Rollos könnte sonst Asbest frei werden. Die Folge: Im Hochsommer werden hier in manchen Klassensälen schon morgens über 30 Grad gemessen. Solche Mängellisten ließen sich noch beliebig fortführen. Und das ist nicht nur in Berlin so, auch in vielen anderen deutschen Städten herrscht "baulicher Notstand" an Schulen.

Schwindelerregende Kosten für Schulsanierungen

Der Sanierungsstau an den Berliner Schulen beläuft sich auf rund 800 Millionen Euro. Diese Zahl stammt allerdings aus dem Jahr 2009. Wie viel davon durch das Konjunkturpaket II der Bundesregierung und andere Förderprogramme abgebaut werden konnte, ist unklar. Schulsenator Zöllner hatte bereits im vergangenen Dezember die stolze Zahl von einer Milliarde genannt, die in der laufenden Legislaturperiode - also innerhalb von fünf Jahren - in die Berliner Schulen geflossen sei. Damit sei der Sanierungsstau etwa halbiert worden. Doch angesichts der dokumentierten Mängel an unzähligen Schulen, bleiben noch genug "Baustellen" abzuarbeiten.

Nicht viel besser sieht es beispielsweise im "reichen Südwesten" der Republik aus: Auch in Stuttgart sind Schulbauten jahrelang vernachlässigt worden und nun sind die Schäden so massiv, dass erhebliche Kosten anfallen. Ein Projektsteuerungsbüro untersuchte kürzlich die 168 Schulen der Stadt und befand, dass nur ein Drittel davon in einem guten baulichen Zustand war. Insgesamt werden in den nächsten fünf Jahren für die Sanierungen rund 350 Millionen Euro gebraucht. Im Vergleich dazu sind die 42 Millionen aus dem Konjunkturpaket II des Bundes ein Tropfen auf den heißen Stein. Für ganz Deutschland sind die Zahlen noch schwindelerregender. Der deutsche Städte- und Gemeindebund hat die nötigen Investitionen für dringende Sanierungen an Schulgebäuden bundesweit auf 75 Milliarden und das Kostenvolumen für den gesamten aufgelaufenen Sanierungsstau auf beeindruckende 700 Milliarden Euro geschätzt.

Umstellung auf Ganztagsschule erfordert zusätzliche Investitionen

Das Dilemma an der Situation: Neben den aufwändigen Sanierungsmaßnahmen alter Schulgebäude, die vor allem gemäß der neuen Energienormen mit teuren Dämmungen an Dächern, Wänden und Fenstern ausgestattet werden müssen, steht langfristig auf der Agenda der Politiker auch die Umgestaltung des Schulsystems auf den Ganztagsbetrieb. Das bedeutet, dass nicht nur alte Architekturen restauriert und modernisiert werden müssen, sondern sie müssen auch den neuen Ansprüchen angepasst werden: Zusätzliche Klassenräume werden gebraucht, Mensen für die Speisung der Kinder müssen gebaut werden und der Bedarf an speziellen Aufenthaltsräumen für Freizeitangebote oder Hausaufgabenbetreuung muss ebenfalls erheblich erhöht werden. Auch hier kommen weitere Kosten auf die Kommunen zu, die noch nicht detailliert kalkuliert sind.

Eigeninitiative von Eltern und Schülern

Unterstützung im Kampf gegen den Sanierungsstau gibt es schon seit langem von der meist unzufriedenen Elternschaft, die die baulichen Defizite an den Schulen nicht mehr so hinnehmen wollen und durch Eigeninitiative und Eigenarbeit der "Mängelverwaltung" der öffentlichen Hand entgegen wirken. Zu solchen Projekten gehört meist, entweder die Klassensäle der Kinder in einer Gemeinschaft-Elternaktion am Wochenende zu streichen und zu verschönern oder beispielsweise alten, grauen Schulhöfen durch Anpflanzungen ein wenig von ihrer Tristesse zu nehmen.

Auch die Schüler selbst werden vielerorts tätig. Zum Beispiel in einer Realschule im südbadischen Rheinfelden. Im Rahmen eines Wirtschaftsprojektes nahmen sich die Schüler sechs nichtrenovierte Toilettenanlagen vor und gestalteten sie durch kleine Veränderungen der Ausstattung um: Beispielsweise wurden neue Handtücher angeschafft, Duftspray-Dosierer angebracht und im Mädchenklo gibt es jetzt eine Spiegelwand. Das "Aufpimpen" hat natürlich Geld gekostet und Schüler, die die schönen und nicht die alten Klos benutzen wollen, müssen jetzt einen "Lokus-Obolus" von zehn Cent bezahlen. Diese umstrittene "Zwei-Klassen-Klo-Methode" macht mittlerweile Schule in Deutschland. Nachzulesen ist dies auf der Webseite "Schulklo.de, die Initiative für bessere Schultoiletten". Hier ist aufgelistet, in welchen Schulen die Kinder WC-Maut bezahlen müssen, um in den "Genuss" von intakten und hygienischen Schultoiletten zu kommen und außerdem gibt es ausführliche Anleitungstipps, wie man die unansehnlichen "stillen Örtchen" durch Schüler-Eigeninitiative einer preisgünstigen und effektiven Schönheitskur unterziehen kann.

Wirkungsvoller ist Unterstützung von privaten Firmen

Doch gleichgültig wie erfolgreich solche ambitionierten und originellen Einzel-Aktionen sind, letztendlich können sie zur Lösung des großen Problems "Schulsanierung" nur wenig beitragen. In Frankfurt am Main und Offenbach setzt man seit einigen Jahren auf die großangelegte Unterstützung der Privatwirtschaft. Die Zauberformel heißt "PPP - Public Private Partnership". In Frankfurt etwa wurde das Experiment 2007 mit vier Schulen angegangen. Hier übernahm der Essener Baukonzern Hochtief für 20 Jahre die Verantwortung über das Gebäudemanagement, Instanthaltung, Sanierung und Neubauten mit einem Gesamtvolumen von rund 250 Millionen Euro. Im Gegenzug zahlt die Stadt eine jährliche Leasingrate von 13 Millionen Euro. Gutachten bestätigten mittlerweile, dass die Kosten bei diesem Modell gut zu kontrollieren sind und sogar um circa 15 Prozent niedriger liegen, als wenn die Kommune in Eigenregie gehandelt hätte.

Schule soll ein attraktiver Ort sein

Gleichgültig welche Lösungen letztendlich gewählt werden, um den Sanierungsstau an unseren Schulen zu beheben, es bleibt eine kostspielige und langwierige Herkulesaufgabe. Ziel sollte es dabei sein, Gebäude zu erschaffen, die durch ihre Architektur und Ausstattung dokumentieren, dass Bildung etwas wert ist und dass Schulen attraktive Lernorte für Kinder sind, an denen man sich wohlfühlt und das Lernen Spaß macht. So könnte eines Tages das wahr werden, was sich der irische Schriftsteller Oscar Wilde bereits vor rund 130 Jahren wünschte: "Die Schule müsste der schönste Ort in jeder Stadt und in jedem Dorf sein, so schön, dass die Strafe für undisziplinierte Kinder darin bestünde, am nächsten Tag nicht in die Schule gehen zu dürfen."

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