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Übertrittsregelung: Freie Schulwahl verstärkt soziale Unterschiede

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Übertrittsregelung: Klassen-Kampf nach der Grundschule

17.08.2011, 16:37 Uhr | tze, mmh, t-online.de

Übertrittsregelung: Freie Schulwahl verstärkt soziale Unterschiede. Realschule oder Gymnasium? Eltern treffen nicht immer die richtige Wahl für ihr Kind. (Foto: imago)

Realschule oder Gymnasium? Eltern treffen nicht immer die richtige Wahl für ihr Kind. (Foto: imago)

Im vierten Schuljahr geraten Kinder, Eltern und Lehrer unter Entscheidungsdruck: Wie soll es für das Schulkind nach der Grundschule weitergehen? Gymnasium oder Realschule? Immer mehr Bundesländer schaffen die verbindliche Übertrittsempfehlung ab. Dies verstärke aber soziale Unterschiede, behauptet der Sozialwissenschaftler Jörg Dollmann von der Universität Mannheim. Wer kennt die Kinder besser: Eltern oder Lehrer? Geht es um Leistung oder um Potential und Persönlichkeit?

Diskutieren Sie mit: Pro und Contra verbindliche Übertrittsempfehlung oder Elternentscheidung. Was finden Sie besser?

Studie vor und nach der verbindlichen Schulempfehlung

Lehrer denken in Sachen weiterführende Schule eher leistungsorientiert, Eltern lassen sich von Zukunftsvisionen für die Kinder leiten, auch wenn diese unrealistisch ist. So könnte man das Ergebnis einer Studie zusammenfassen. Wenn es keine verbindliche Empfehlung seitens der Schule gibt, tritt die Leistungsfähigkeit der Schüler in den Hintergrund. Die Entscheidung wird stärker an den Wünschen der Eltern ausgerichtet, die oft entweder unrealistisch hohe Erwartungen haben oder zu zurückhaltend sind. Auffällig ist, dass die Wahl der Schulform stark vom Bildungsstatus der Familie abhängt.

Wünsche der Eltern statt Leistung der Schüler

Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) hat in einer Studie die schulische Laufbahn von rund 700 Grundschulkindern in Köln untersucht. In Nordrhein-Westfalen ist das unverbindliche Übergangsrecht nach der Landtagswahl 2006 von der verbindlichen Übertrittsempfehlung abgelöst worden. Dollmann hat die Situation vor und nach dieser Änderung verglichen.

Die einen werden ausgebremst, die anderen überfordert

"In unserer Studie stellte das Gymnasium für viele Eltern aus bildungsfernen Schichten keine realistische Option dar", sagt Dollmann in einer Pressemitteilung des MZES. "Diese Eltern entschieden sich häufig auch dann für die Realschule, wenn die Leistungen ihres Kindes eigentlich für das Gymnasium sprachen." Umgekehrt verhielt es sich bei Familien mit höherem Bildungsniveau. Viele meldeten ihre Kinder trotz unterdurchschnittlicher Leistungen fürs Gymnasium an. Somit wird einem Teil der leistungsfähigen Schüler die höhere Bildung verwehrt, während leistungsschwächere durch unrealistische Bildungsziele unter Druck gesetzt werden.

Bessere Chancen für Akademikerkinder

Dollmanns Beobachtungen decken sich mit Erkenntnissen aus Pisa- und Iglu-Studien: In Deutschland sind die Bildungschancen stärker vom sozialen Status der Familie anhängig als in anderen Ländern. Fast vier Fünftel der Kinder aus Akademikerfamilien besuchen das Gymnasium, jedoch weniger als ein Drittel der Kinder als Familien mit niedrigerer Bildung.

Ängste und Standesdünkel bei den Eltern

Einen möglichen Grund, warum Eltern aus niedrigen Bildungsschichten zögern, begabte Kinder aufs Gymnasium zu schicken, liefert Dollmann in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Wer das Gymnasium selbst nicht durchlaufen habe, schätze die Anforderungen oft höher ein als sie tatsächlich sind. Umgekehrt wünschten Eltern aus höheren sozialen Schichten, dass ihre Kinder mindestens den gleichen Bildungsabschluss erreichen wie sie selbst.

Bildungsgerechtigkeit - Wunsch und Wirklichkeit

Nach der Einführung der verbindlichen Empfehlung seien deutlich mehr leistungsstarke Kinder aus bildungsfernen Familien aufs Gymnasium gekommen. Dollmann folgert "Die verbindliche Übertrittsempfehlung trägt dazu bei, die sozialen Herkunftsunterschiede bei der Bildungsentscheidung zu verringern." Allerdings räumt der Forscher ein, dass sich soziale Unterschiede nicht komplett abbauen lassen, denn auch das urteil der Lehrer sei "in gewissen Maße sozial-selektiv".

Für Kinder aus weniger gebildeten Familien bedeutet das, dass der Besuch des Gymnasiums auch bei guten Leistungen unwahrscheinlich bleibt: „In unserer Studie stellte das Gymnasium für viele Eltern aus bildungsfernen Schichten keine realistische Option dar", erklärt Jörg Dollmann. „Diese Eltern entschieden sich häufig auch dann für die Realschule, wenn die Leistungen ihres Kindes eigentlich für das Gymnasium sprachen." Nach Einführung der verbindlichen Empfehlung fanden deutlich mehr leistungsstarke Kinder aus bildungsfernen Familien den Weg auf das Gymnasium - und das obwohl eine Abweichung von der Bildungsempfehlung hin zu einer weniger anspruchsvollen Schulart auch in einem verbindlichen Kontext möglich gewesen wäre.

Entgegengesetzte Ergebnisse liefert die Studie des MZES-Forschers für Familien aus dem höheren Bildungsumfeld: Auch bei eher unterdurchschnittlichen Leistungen meldeten viele dieser Eltern ihr Kind auf einem Gymnasium an. Nach der Einführung der verbindlichen Empfehlung wurde die Verwirklichung dieser eher unrealistischen Bildungsziele unwahrscheinlicher.

Werden soziale Unterschiede verringert?

Jörg Dollmann folgert aus diesen Befunden: "Die verbindliche Übertrittsempfehlung trägt dazu bei, die sozialen Herkunftsunterschiede bei der Bildungsentscheidung zu verringern." Ganz verschwänden die Unterschiede allerdings nicht, denn auch das Urteil der Lehrkräfte sei in gewissem Maße sozial selektiv. "Es wurde aber mittlerweile durch mehrere Studien belegt, dass sich die Bildungsentscheidungen der Eltern noch stärker an der sozialen Herkunft orientieren als die Empfehlungen der Lehrkräfte", so der Sozialwissenschaftler weiter.

Aber nicht nur die soziale Selektivität der Lehrerempfehlung führt dazu, dass auch in einem verbindlichen Kontext weiterhin Disparitäten im Übergangsverhalten zwischen Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft bestehen bleiben. Dies ist in erster Linie auf die unterschiedliche Leistungsentwicklung der Kinder in der Grundschulzeit zurückzuführen, die mit der sozialen Herkunft im Zusammenhang steht. „In einem verbindlichen Kontext fallen die Übergangsentscheidungen aber immerhin leistungsgerechter aus als bei einer unverbindlichen Empfehlung und die schichtspezifischen Bildungswünsche werden im Gegensatz dazu eher zurückgedrängt. Die bindende Empfehlung durch die Lehrkräfte hat daher einen durchaus wünschenswerten Effekt", fasst Jörg Dollmann zusammen.

Auch Lehrer können irren

Allerdings können auch Lehrer die falsche Einschätzung treffen. 2009 berichtete "Spiegel Online" über eine Studie des Hannoveraner Erziehungswissenschaftlers Joachim Tiedemann. Darin hieß es, dass mehr als ein Drittel der deutschen Schüler nach der Grundschule auf einer ungeeigneten weiterführenden Schule lande - vor allem wegen falscher Lehrerempfehlungen.

Trotz positiver Effekte: Übertrittsempfehlung abgeschafft

In der Bildungspolitik ist die verbindliche Übertrittsempfehlung derzeit trotzdem auf dem Rückzug, wie nicht nur die Pläne Baden-Württembergs zeigen:
Auch Nordrhein-Westfalen hat die 2006 eingeführte verbindliche Übertrittsempfehlung im vergangenen Jahr wieder abgeschafft.

Dollmanns Studie mit dem Titel "Verbindliche und unverbindliche Grundschulempfehlungen und soziale Ungleichheiten am ersten Bildungsübergang" soll in der Ausgabe IV/2011 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS) erscheinen.


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