Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Schulkind >

Bildungspanik unter Eltern: Interview mit Bildungsforscher

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Panikmache in der Bildungsdiskussion?

06.09.2011, 13:17 Uhr | dpa

Bildungspanik unter Eltern: Interview mit Bildungsforscher . Machen sich Eltern zu viele Gedanken um die Bildungschancen ihrer Kinder? (Quelle: imago)

Machen sich Eltern zu viele Gedanken um die Bildungschancen ihrer Kinder? (Quelle: imago)

Sorgen um den Schulerfolg ihrer Kinder machen sich viele Eltern. Es ist auch nicht so, dass Heinz Bude dafür kein Verständnis hätte. Aber der Soziologe hält die aktuelle Diskussion in Deutschland für "Bildungspanik" und plädiert für mehr Gelassenheit.

Von der Bildungskatastophe in Deutschland war in den vergangenen Jahren oft zu hören. Viele Eltern haben das Vertrauen in das deutsche Schulsystem verloren. Bildungspanik nennt Prof. Heinz Bude das. Für den Soziologen vom Hamburger Institut für Sozialforschung, der gleichzeitig an der Universität Kassel lehrt, sind es Panikreaktionen. Viele Eltern, die ihre Kinder nun auf Privatschulen schicken, hätten Angst, sie könnten an den öffentlichen Schulen keine brauchbaren Abschlüsse mehr machen. Nach seiner Überzeugung sind solche Sorgen überflüssig: Die Chancen für die Jungen seien schon aus demografischen Gründen so gut wie lange nicht mehr, erläutert Bude.

Mehr Gelassenheit statt Bildungspanik

Heinz Bude ist nicht naiv. Der Soziologe weiß, dass das Bildungssystem in Deutschland immer wieder Anlass zur Sorge ist. Aber er hält nichts von dem alarmistischen Zungenschlag, den die Diskussion über Pisa-Studien, Abschaffung der Hauptschule, die Verkürzung der Schulzeit im Gymnasium oder jahrgangsübergreifendes Lernen seit langem bekommen hat. Budes jüngstes Buch "Bildungspanik - Was unsere Gesellschaft spaltet" ist ein aufklärerisch verstandener Zwischenruf mit dem Appell zu mehr Gelassenheit.

Angst um den Status

Denn Grund zur Panik bestehe nicht, gerade nicht bei denen, die in Deutschland am schnellsten davon befallen werden: den Eltern aus der Mittelschicht. Die "neue Mitte" hat selbst oft von der Bildungsexpansion der 1970er und 1980er Jahre profitiert. Nun neigen diese sozialen Aufsteiger nach Budes Überzeugung zu übersteigerten Ängsten um die Zukunft ihrer Kinder. Die allermeisten von ihnen seien mit Blick auf Bildung, Beruf und Einkommen privilegiert, litten aber unter dem Zweifel, ob ihre Kinder diesen Status wohl halten werden.

Und schon die Vorstellung, dass der Nachwuchs in der Grundschule mit Kindern aus Familien zusammengewürfelt wird, in deren Wertekanon Bildung nicht weit oben steht, löst Ängste aus. Bude sieht in diesem Verhaltensmuster einen Grund für den Volksentscheid vom Sommer 2010 in Hamburg gegen die Einführung eines zweigliedrigen Schulsystems mit integrativen Stadtteilschulen: CDU, SPD und Grüne waren dafür - bildungspanische Eltern dagegen. Das Scheitern des reformerischen Projekts gab mit den Anstoß zum neuen Buch des Soziologen.

Die "neue Mitte" und ihre Angst vor Bildungsreformen

Denn Heinz Bude hält es für wichtig zu verstehen, warum sich die "neue Mitte" zu den Bildungsreformen so zurückhaltend oder abweisend verhält. Und er beschönigt die Verhältnisse auch nicht, die sich in mancher Hinsicht zum Schlechteren gewandelt haben: In den 1980er Jahren hatten Kinder aus bildungsfernen Schichten in Deutschland europaweit die besten Chancen, Abitur zu machen und ein Studium zu beginnen. Selbst das oft gepriesene Finnland konnte da nicht mithalten. Das ist lange vorbei. Bude beobachtet eine fortschreitende Verriegelung der Klassenverhältnisse durch das deutsche Bildungssystem. Besserverdienende und Höhergebildete verteidigten heute die Bildungsreservate ihrer Kinder.

Nicht zu leugnen ist aus Budes Sicht die, wie er es nennt "fortschreitende migrantische Mischung der Schülerpopulationen". Der in manchen Städten wachsende Anteil an Kindern aus nicht-deutschen Familien hat Folgen vor allem bei den bildungspanischen Eltern der Mittelschicht: Solche Familien wählten ihren Wohnort oft so, dass Schulen mit möglichst vielen Kindern deutscher und möglichst wenigen Kindern bildungsferner Herkunft erreichbar sind. Das Motiv ist auch in diesem Fall Angst.

Experte findet gute Perspektiven

Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber und nach Budes Überzeugung in diesem Fall auch unbegründet: Sein Schlusskapitel hat er mit "Gute Nachrichten" überschrieben. Dazu gehört die demografische Entwicklung: "Es ist schon jetzt abzusehen, dass sich auch die guten Schulen um Schülerinnen und Schüler reißen werden und die Wirtschaft jede Person, die überhaupt einen berufsrelevanten Abschluss vorweisen kann, mit Kusshand begrüßen wird", schreibt der Soziologe.

"90 Prozent der Schüler sind mit dem gegenwärtigen Schulsystem gut bedient. Gerade die Bildungsgewinner brauchen sich um ihre Kinder keine Sorgen machen. Schon aus demografischen Gründen: In den nächsten 20 Jahren wird es auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland eine wahnsinnige Nachfrage geben. Selbst mit einem Abi von 3,3 wird man kaum Probleme bekommen", erklärt Bude.

Während sich die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer aus dem Berufsleben verabschiedeten, würden die geburtenschwachen Jahrgänge nun mit dem Studium oder der Berufsausbildung fertig. Die Aussichten, selbst mit nicht so glänzendem Schulabschluss beruflich Karriere zu machen, seien gut. Kein Grund zur Panik also.

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Vertrauensbruch 
Pflegerin ahnt nichts von der versteckten Kamera

Nach einem Anfangsverdacht installieren Verwandte das Gerät, die Aufnahmen sind erschreckend. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Multimedia-Sale: Technik- artikel stark reduziert

Jetzt zuschlagen: Fernseher, Notebooks, Beamer, Navis u. v. m. zu Toppreisen. bei OTTO

Shopping
Voll im Trend und garantiert keine kalten Füße mehr

Kuschelige weich und warm gefüttert, Boots für gemütliche Tage zuhause. bei BAUR

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal