Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Schulkind >

Sexuell auffälliger Zwölfjähriger: Wie geht man mit extremen Problemkindern um?

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Sexuell auffälliger Zwölfjähriger: Das Problem mit dem Problemkind

16.09.2011, 09:22 Uhr | Julia Jüttner, Spiegel Online

Sexuell auffälliger Zwölfjähriger: Wie geht man mit extremen Problemkindern um?. Wie muss unsere Gesellschaft mit Problemkindern umgehen? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/Symbolfoto)

Wie muss unsere Gesellschaft mit Problemkindern umgehen? (Quelle: Symbolfoto/Thinkstock by Getty-Images)

Max, zwölf, gilt als sexuell auffällig, als gefährlich. Er lebt in einer geschlossenen Einrichtung, 700 Kilometer von der Großmutter entfernt, seiner einzigen Bezugsperson. Muss man den Jungen vor sich selbst schützen - oder die Gesellschaft vor ihm?

Max Weg durch die Heime

Zeit seines Lebens wird Max* herumgeschubst. Von der haltlosen Mutter zum vorbestraften Vater, zurück zur drogensüchtigen Mutter, die ihn vernachlässigt und nicht in die Schule schickt, bis ihr das Jugendamt München das Kind entzieht. Max kommt in ein Heim, seine Mutter wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Der Vater setzt sich nach Holland ab.

Max ist acht Jahre alt, als man ihn ins Kinderhaus Kerb in Neubeuern bei Rosenheim bringt. Das Heim im bayerischen Inntal hat 350 Quadratmeter Wohnfläche und grüne Fensterläden. Max turnt an der Kletterwand, hüpft auf dem Trampolin, hangelt sich zwischen den Ästen hoch auf das Baumhaus aus dicken Holzbalken. Erstmals findet er ein Zuhause. Nur fünf weitere Kinder sind hier untergebracht, Kinder, denen kein großes Heim zugemutet werden soll. Die Leiterin lebt mit ihrer eigenen Familie unter demselben Dach, ein Sohn ist in Max' Alter.

Eltern-Newsletter 
Rat und Infos für Eltern

Kostenloser Eltern-Newsletter: der ideale Ratgeber für Sie! Abonnieren

Schwierig, aggressiv, depressiv

Max ist ein schwieriges Kind. Die Heckscher Klinik in München und ein Kinderpsychiater diagnostizieren die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Er verweigert sich in der Schule, ist oft aggressiv, manchmal depressiv. Die Heimleitung notiert: Max mobbt Schwächere, gleichzeitig biedert er sich Älteren an. Wenn ihn diese abwimmeln, wehrt er sich, bepöbelt sie so lange, bis sie zuschlagen. Er leidet unter Enuresis nocturna, nässt fast jede Nacht ein.

Und noch etwas notiert die Heimleiterin: Max zieht häufig die Hosen herunter und zeigt sich den anderen Kindern nackt, ahmt den Geschlechtsakt nach, fasst sich und anderen in den Schritt, an Hintern oder Brust. Der Junge verfügt über detailliertes Sexualwissen.

Vermutlich ist Max als Kind sexuell missbraucht worden. Der Vater soll mit ihm im Rausch Pornomagazine durchgeblättert, die Mutter ihn vor dem Computer geparkt haben.

Enge Beziehung zur Oma

Anna P*., seine Großmutter, betreut ihn zwei-, dreimal pro Woche, bis ihr die drogensüchtige Mutter den Kontakt verbietet. Als Max ins Heim kommt, steht sie wieder parat. Einmal im Monat fährt die 57-Jährige von einem Ort am Bodensee nach München, mehrere hundert Kilometer für zwei Stunden Besuchszeit. Länger ist nicht erlaubt. Max leidet unter der Trennung, die Großmutter auch. Sie zieht nach München, um dem Enkel näher zu sein.

Sie erreicht, dass er jedes Wochenende bei ihr verbringen darf. Eine Heimmitarbeiterin setzt Max in die S-Bahn, die Großmutter holt ihn an der Haltestelle ab, sonntags fährt sie ihn mit dem Auto zurück. Sie weiß von den sexuellen Auffälligkeiten. "Ich will das auch nicht bagatellisieren", sagt sie. "Aber in meinem Beisein hat er nichts Anstößiges gemacht."

Das Heim, in dem Max lebt, kapituliert

Dann häufen sich die Auffälligkeiten. Die Heimleitung notiert: Max belästigt die volljährigen Praktikantinnen in "besonders ordinärer Weise", klaut Unterwäsche, fotografiert beim Duschen den Penis eines Jungen und versucht, an pornografisches Material zu gelangen, das er unter seiner Matratze versteckt; Eltern anderer Kinder beklagen sich über sein "sexualisiert grenzverletzendes Verhalten".

Max beginnt eine Therapie. Er zeigt sich willig und gesprächsbereit, teilt der Psychotherapeut der Großmutter mit und empfiehlt, den Jungen zu sich zu nehmen. Anna P. und Max verbringen zusammen die Pfingstferien, planen für den Sommer eine Reise nach Prag, da erfahren sie: Das Kinderheim will den Zwölfjährigen entlassen.

Da Max in die Pubertät komme und eine Verstärkung der Symptomatik zu erwarten sei, könne man ihn nicht mehr angemessen betreuen, schreibt die Leiterin der zuständigen Mitarbeiterin des Münchner Jugendamtes, die für Max die sogenannte Ergänzungspflege übernommen hat.

Ist Max wirklich gefährlich?

Der Junge gilt auf einmal als so gefährlich, dass er nicht mit zur Campingfreizeit darf. Er darf nicht einmal mehr mit dem Fahrrad allein ins Dorf radeln. Gleichzeitig genehmigt das Jugendamt der Großmutter, für die Prag-Reise einen Reisepass für Max zu beantragen. Und mit der S-Bahn darf er auch weiterhin fahren. Anna P. versteht die Welt nicht mehr.

"Wir haben versucht, ihn möglichst lange zu halten, aber die Problematik drohte immer mehr zu eskalieren: Er wurde als Gefahr für andere, aber auch für sich selbst eingeschätzt", sagt Heiner Koch vom Albert-Schweitzer-Familienwerk Bayern, zu dem das Kinderheim gehört.

Der Großmutter sagt man, Max komme ins Frère-Roger-Kinderzentrum nach Augsburg, eine Lösung, mit der die 57-Jährige leben kann. Doch es kommt anders.

Isoliert von der Oma

Max landet in einer geschlossenen Einrichtung für sexuell übergriffig agierende Jugendliche: in der Gruppe 14 des Martinistifts in Nottuln, einer Kleinstadt nahe Coesfeld. Insgesamt werden dort 170 Jungen betreut, an denen Jugendämter und Jugendpsychiatrien bislang scheiterten. Das Stift ist knapp 700 Kilometer von München entfernt - und Max damit ebenso weit von seiner einzigen Bezugsperson, der Großmutter.

Obwohl zwei Psychiater dem Jungen eine gute Prognose stellen, beantragt das Jugendamt München die Unterbringung dort wegen "Gefahr in Verzug". Die Entscheidung verfügt das Amtsgericht Rosenheim in einer einstweiligen Anordnung. Das Amtsgericht Coesfeld verlängert den Beschluss bis zum 30. September.

"Ich war entsetzt"

Warum kam Max nicht wie angekündigt nach Augsburg? Das Jugendamt München habe die Anfrage im dortigen Kinderzentrum versäumt, sagt Anna P. "Meines Erachtens gab es Probleme bei der internen Kommunikation, deshalb ist Max abgeschoben worden." Auch habe man ihr gesagt, es gebe nur diese Einrichtung für sexuell übergriffige Kinder. Laut bayerischem Landesjugendamt gibt es durchaus Projekte, die deutlich näher an der Heimat der Oma liegen als Nottuln.

"Das Sozialreferat kann zu dem Fall aus Datenschutzgründen keine Stellung nehmen", gibt das Münchner Jugendamt bekannt. "Grundsätzlich suchen wir für Kinder und Jugendliche die Einrichtung, die in der Lage ist, die individuelle Problemlage zu bearbeiten - und zwar so ortsnah wie möglich."

Die umstrittene Entscheidung: Ein Schnellschuss?

Heiner Koch vom Albert-Schweitzer-Familienwerk Bayern sagt: "Die Entscheidung haben mehrere Jugendamtsmitarbeiter nach langer und sorgfältiger Überlegung gefällt. So etwas entscheidet man nicht ohne Not und vorschnell."

Anna P. glaubt, dass die Entscheidung ein Schnellschuss war: Warum sonst hätte das Jugendamt die Prag-Reise genehmigen sollen?

Max fliegt allein nach Münster, mit dem Taxi fährt er in die Einrichtung, die Großmutter darf ihn nicht begleiten. Sie sitzt im Büro ihres Rechtsanwalts Rainer Wiedermann in München, in Jeans, darüber eine weiße Bluse, die blonden Haare kurz geschnitten, auf dem Schoß einen Stapel Fotos des Enkels. Gerade hat sie Max besucht. "Ich wollte wissen, wie er dort lebt, wie es ihm geht, was er macht. Und ich war entsetzt."

Nachts eingeschlossen, Stacheldraht und Gitter

Das Anwesen des Martinistifts sei riesig, erzählt sie, mit eigener Bäckerei, Schule und Kapelle, umzäunt von drei Meter hohem Stacheldraht, die Fenster vergittert. Max könne nur zwischen Eisenstangen ins Freie blicken. Der Junge habe ein Einzelzimmer, gelb gestrichen, einen Schrank, ein Waschbecken, nachts werde er eingeschlossen. "Oma, wenn ich Pipi muss, muss ich klopfen", habe er ihr erzählt. Von allen Jugendlichen dort sei er mit Abstand der Jüngste.

Unter Aufsicht darf Anna P. mit ihrem Enkel in einem Besuchssaal sitzen. Als sie in der Handtasche nach Bonbons kramt, wird sie zur Ordnung gerufen. Max sei so eingeschüchtert gewesen, dass er sich nicht auf ihren Schoß getraut habe. Nur Freitag oder Samstag dürfe sie mit dem Enkel telefonieren, maximal 20 Minuten, aber er muss den Lautsprecher einschalten.

"Ob Max diese Anstalt unbeschadet meistert?"

Die "Harry Potter"-Hörspiele, die sie ihm mitgebracht hat, darf er nicht hören, sondern muss sich das verdienen. Wenn er ein Buch lesen will, muss er einen Antrag stellen. "Er ist wie ein Sicherungsverwahrter weggesperrt", sagt Anna P., die auch ihre Tochter regelmäßig im Gefängnis besucht. "Es ist absurd: Sie hat mehr Freiheiten als ihr Sohn."

Kinderpsychiater: Hier wird mit Menschenleben gespielt

Der Kinderpsychiater, der Max zuletzt betreute, verurteilt die Maßnahme. "Es ist unglaublich, mit welcher Unwissenheit hier mit Menschenleben gespielt wird", schreibt er Anna P. Natürlich ergebe sich ein besorgniserregendes Bild, wenn man alle Vorfälle der vergangenen Jahre zusammensetze. "Nach wie vor aber fehlen mir konkrete und vor allem aktuelle Anzeichen und Vorfälle bei Max, um diesen Schritt zu legitimieren (...). Beten wir, dass Max diese Anstalt unbeschadet meistert."

Ein Heim wie ein Gefängnis

Rechtfertigen Max' "Taten" die Unterbringung in einer solchen Anstalt? Ist der Junge so gefährlich, dass er wie in einem Jugendgefängnis untergebracht werden muss, obwohl er noch gar nicht strafmündig ist? Hat das Jugendamt auf den Brandbrief des Kinderheims übertrieben hart reagiert? Wollte das Gericht auf Nummer sicher gehen und kein Risiko eingehen?

"Er wird dort das kriminelle Handwerk erlernen, das er noch nicht kann", befürchtet Anna P. "Man behandelt den Jungen wie einen Schwerverbrecher, eine Stigmatisierung, die er nie wieder loswird", sagt Anwalt Wiedermann. "Eine freiheitsentziehende Maßnahme wie diese darf man laut Gesetz nur anordnen, wenn akute Gefahr besteht. Wo bestand sie?"

Ist diese Behandlung gerechtfertigt?

Die Leitung des Martinistifts wollte die Gepflogenheiten der Anstalt gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren, nicht einmal Max' Anwesenheit bestätigen. Pro Jahr gebe es 250 Anfragen für eine geschlossene Unterbringung, steht auf der Homepage. Die Kosten pro Person betragen 230 Euro pro Tag. Von denen, die einen Platz bekommen, werden etwa 50 Prozent rückfällig.

Max hat an die Wand in seinem Zimmer nur einen Zeitungsausschnitt gehängt. Er zeigt ein Bild der Prager Karlsbrücke.

* Die Namen wurden zum Schutz der Personen geändert

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Gezielter Schlag 
Hit im Netz: Mit seinem Hund darf sich niemand anlegen

Känguru hält den Vierbeiner im Schwitzkasten, das Herrchen schreitet ein. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
38 % sparen: Boxspringbett inkl. Topper für nur 499,- €

Traumhaft und erholsam schlafen auf 180x200 cm - jetzt zum reduzierten Preis bei ROLLER.de.

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal