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Schulsystem: Lehrer müssen das Lehren besser lernen

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Schulsystem  

Lehrer müssen das Lehren besser lernen

05.03.2012, 12:43 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Schulsystem: Lehrer müssen das Lehren besser lernen. Lehrerausbildung: Den Lehreralltag hat er sich als Student anders vorgestellt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Den Lehreralltag hat er sich als Student anders vorgestellt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die rund 800.000 Lehrer in unserem Land machen nicht irgendeinen Job. Sie haben einen der wichtigsten und verantwortungsvollsten Berufe überhaupt, denn sie formen junge Menschen und stellen Weichen für ihre Zukunft. Für eine solche Aufgabe sollten eigentlich nur die Besten gut genug sein. Doch bei der Lehrerausbildung spielen pädagogische Fähigkeiten eine untergeordnete Rolle. Diese Gewichtung zugunsten der Fachkompetenz machen viele Experten maßgeblich für die Schieflage unseres Schulsystems verantwortlich.

Lehrer haben ein schlechtes Image

Bildungsexperten klagen, dass hierzulande eher Fächer als Kinder unterrichtet würden und viele Lehrer deshalb keine guten Pädagogen seien. Nicht gut ist auch das Bild der Lehrer in der Öffentlichkeit, wie 2009 eine repräsentative Umfrage des Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zeigte. Demnach hielten mehr als zwei Drittel der Befragten die Lehrer für überfordert und sahen dies als Grund für schlechte Leistungen der Schüler. Nur zwölf Prozent der Bürger teilten die Ansicht, dass viele Pädagogen ihren Beruf lieben und die Hälfte meinte, dass Lehrer häufig über ihre berufliche Belastung klagen und oft unfähig sind, den Stoff angemessen zu vermitteln.

Haben die Lehrer resigniert?

Ähnlich negativ ist - das zeigen ebenfalls vom Allensbach-Institut erhobene, aktuelle Daten - auch die Selbsteinschätzung vieler Lehrer. Dabei ist die Hälfte der Pädagogen der Ansicht, wenig bis keinen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Schüler zu haben. Für Schwierigkeiten beim Unterrichten machen die meisten den Einfluss der Medien, den Freundeskreis oder das familiäre Umfeld der Kinder verantwortlich. Nur acht Prozent der Pädagogen glauben, eine verantwortungsvolle Schlüsselposition inne zu haben und bei ihren Schülern wirklich etwas positiv bewegen zu können.

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Stress-Symptome nehmen bei Schülern zu

Viele Jugendliche scheinen im Schulalltag überfordert. zum Video

Schüler filmen ausrastende Lehrer

Bei solchen Umfrageergebnissen ist es nicht verwunderlich, dass über die Hälfte des Lehrerpersonals über psychische und physische Überlastung klagt, sich ausgebrannt und gestresst fühlt. Wie sich diese Befindlichkeiten im schulischen Alltag auswirken können, dokumentieren zahllose Filme auf der Videoplattform Youtube, die Schüler während des Unterrichts mit Handykameras heimlich aufgenommen haben. Unter dem Stichwort "unfähige Lehrer" kann man dann Pädagogen erleben, die in Konfliktsituationen entnervt und überfordert auf ihre Schützlinge reagieren. "Ich hab's jetzt langsam dicke", schreit etwa ein Lehrer in einem Video "dann machen wir es eben mit Druck! Und wenn am Ende des Schuljahres die Hälfte der Klasse sitzen bleibt, dann sage ich 'Gott sei Dank bin ich diese A…löcher endlich los'." Offenbar hatten die Schüler dieser Klasse "null Bock" aufs Lernen und boykottierten den Unterricht. Dies zu ändern, hätte vor allem in den Händen des Lehrers gelegen - wäre es ein guter Pädagoge gewesen.

Lehrer sollen "Kerzen des Volkes" sein

Was darunter idealerweise zu verstehen ist, erklärt der Kölner Gymnasiallehrer Michael Felten in seinen Büchern "Schluss mit dem Bildungsgerede" und "Auf die Lehrer kommt es an. Für eine Rückkehr der Pädagogik an die Schule". Für Felten sollten gute Lehrer vor allem "Kerzen des Volkes" sein, die "Entwicklungswege beleuchten, begleiten und dabei wärmen". "Schüler brauchen", so formuliert der Pädagoge weiter, "ein Dauerklima der Ermutigung, und das ist weit mehr als vordergründige Freundlichkeit oder das Lob im Erfolgsfall. Wirkliches Coaching umfasst eine weite Palette von Kontakt, Zutrauen, Echo, Fürsorge, Anerkennung, Wertschätzung, aber auch von Anspruch, Herausforderung und konstruktiver Kritik." Für den erfahrenen Gymnasiallehrer, der seit dreißig Jahren unterrichtet, sind Pädagogen weit mehr als nur Moderatoren: Sie sollten, so die Forderung in seinen Büchern, "eine wichtige Steuerungsinstanz und gleichzeitig ein unersetzliches Beziehungsgegenüber sein."

Trotz einer Fünf in Pädagogik Lehrer geworden

Diese pädagogischen Qualitäten kann man jedoch nur lernen, wenn man frühzeitig Praxiserfahrung im Klassenzimmer sammelt. Doch die Lehreranwärter in Deutschland müssen meist erst nach dem Studium während des Referendariats zeigen, inwieweit sie in der Lage sind, eine Klasse zu führen, die Lust am Lernen zu fördern und gleichzeitig Stoff zu vermitteln. Für die meisten Bildungsexperten kommen diese Trainingseinheiten viel zu spät. Sie kritisieren, dass die konsequente Verzahnung von Was und Wie in der Lehrerausbildung hierzulande noch nicht zum Standard gehört. Im Zentrum steht nach wie vor die fachliche Qualifikation, Pädagogik ist zweitrangig. Diese Gewichtung wird vor allem in der Notengebung deutlich: Wer beispielsweise in der bayrischen Lehramtsprüfung in Pädagogik mit der Note Fünf abschneidet, fällt nicht etwa durch, denn die schlechte Bewertung kann durch gute fachliche Zensuren ausgeglichen werden.

Lehrertypen: Engagierte, Pragmatiker und Freizeitanhänger

Warum sich Abiturienten überhaupt für den Lehrerberuf entscheiden, hat der Erziehungswissenschaftler Udo Rauin, Direktor des Zentrums für Lehrerbildung an der Uni Frankfurt, untersucht. In einer Langzeitstudie über zwölf Jahre befragte er 1100 Lehramtsstudenten nach den Gründen für ihre Wahl und begleitete sie während des Studiums, des Referendariats und der ersten Jahre als Lehrer. Im Wesentlichen zeigten sich dabei drei Typen von Pädagogen: die Engagierten, die ein echtes Interesse an der Arbeit mit Kindern hatten, die Pragmatiker, die einen gut bezahlten, sicheren und familienfreundlichen Arbeitsplatz anstrebten und schließlich die "Freizeitanhänger", die ihrer Berufswahl das Motto "Halbtagsjob und drei Monate Ferien" voranstellten.

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Knapp ein Drittel der Absolventen ist ungeeignet

Das Ergebnis der Studie ist im Frankfurter Uni-Magazin "Forschung aktuell" unter dem Titel "Im Studium wenig engagiert - im Beruf schnell überfordert" veröffentlicht worden. Sie zeigte weiterhin, dass 60 Prozent der Pragmatiker sich den Anforderungen des Lehrerjobs nicht gewachsen fühlten, aber nur zehn Prozent der Engagierten. Auf die Gesamtzahl der Befragten bezogen, war knapp ein Drittel aller Anwärter für den Lehrerberuf ungeeignet. Erstaunlich: Auch wenn Selbstzweifel an der Eignung aufkamen, hielten die meisten dennoch an ihren Berufsziel fest. Die Erkenntnis, dass viele junge Lehrer aus den falschen Gründen den falschen Beruf wählen, bestätigt auch eine Untersuchung der Universität Potsdam, bei der 20.000 Pädagogen aus 14 Bundesländern befragt wurden.

Experte fordert Eignungsprüfung für Lehramtsstudenten

Für die Schulen sind unmotivierte Lehrkräfte ein ernstes Hindernis für erfolgreiches Arbeiten. Denn wegen des Beamtenstatus, den Dreiviertel aller Pädagogen innehaben, sind die meisten praktisch unkündbar. Der Leiter der Frankfurter Studie, Udo Rauin, empfiehlt deshalb eine bessere Beratung der Studienanfänger, um so schon vorab die Berufswahl und Eignung kritisch zu überprüfen. Außerdem wünscht er sich eine Neustrukturierung des Studium: "Was man braucht", so kommentiert er in der "Frankfurter Rundschau", "ist ein großer berufspraktischer Anteil im Studium. Spätestens im dritten oder vierten Semester sollte ein langes Praktikum inklusive Prüfung eingebaut sein, das kann ruhig ein ganzes Semester dauern. Funktioniert es auch mit zusätzlicher Unterstützung nicht, ist noch ein Wechsel des Fachs oder ein Ausstieg möglich. Zu einem so frühen Zeitpunkt geht das noch ohne allzu großen Schaden für die Studenten."

Studenten sollen früher den Schulalltag erleben

An einigen Studienorten ist der Praxisanteil mittlerweile erhöht worden. In Hamburg etwa gehen höhere Semester einen Tag pro Woche in die Schule, in Baden-Württemberg kommen die Studenten bereits in den unteren Semestern durch Pflichtpraktika in Kontakt mit dem Schulalltag und in Nordrhein-Westfalen müssen Lehramtsanwärter innerhalb des Studiums ein Praxissemester absolvieren. Außerdem ist in NRW nun bereits vor Beginn des Studiums ein zehnwöchiges Praktikum vorgesehen, in dem die Eignung des Bewerbers für den Beruf getestet wird.

Feedback wie in der freien Wirtschaft

Ein Vorreiter für Bayern ist die Universität Passau. Dort können die Studienanwärter seit 2009 das Eignungsverfahren "Parcours" , das noch freiwillig ist, durchlaufen: Es sieht vor, dass die Bewerber sowohl mehrstündige praktische Unterrichts-Übungen als auch schriftliche Aufgaben zum Thema Pädagogik bewältigen müssen. Abschließend führen sie, ähnlich wie in der freien Wirtschaft, ein Feedbackgespräch mit den Verantwortlichen der Fakultät, in dem die Stärken und Schwächen analysiert werden. Am Schluss gibt es bei guter Eignung eine Urkunde. Auf diese Weise hoffen die Verantwortlichen, dass die geeigneten Kandidaten noch motivierter den Beruf angehen und diejenigen, die weniger gut abschneiden, sich besinnen und vielleicht andere Ausbildungsmöglichkeiten wählen.

Erziehungswissenschaftler: Beamtenstatus abschaffen

Nach Ansicht von Erziehungswissenschaftler Udo Rauin reichen solche Initiativen aber noch nicht aus. Er empfiehlt den "sicheren" Beamtenstatus abzuschaffen, denn er locke die falschen Leute an. Außerdem wünscht er sich, dass der Pädagogenberuf attraktiver wird: "Es muss mehr Entwicklungsmöglichkeiten für Lehrer geben anstelle der Standardkarriere, wo bestenfalls die Schulleitung oder das Schulamt als Ziele nach 20 oder 25 Jahren bleiben." Dazu gehöre eben auch eine Bezahlung nach Leistung.

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