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Schule: Was Kompetenzerziehung taugt

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Kompetenzerziehung - wenn der Lehrer zum Coach wird

04.05.2012, 17:36 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Schule: Was Kompetenzerziehung taugt. Schüler sollen sich den Lernstoff selbstständig erarbeiten. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Schüler sollen sich den Lernstoff selbstständig erarbeiten. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Schüler tuscheln, kichern und führen manchmal auch lautere Gespräche während des Unterrichts. Trotzdem mahnt der Lehrer nicht zu "Ruhe" oder zum "Aufpassen". Dass die Schüler miteinander kommunizieren, ist ausdrücklich erwünscht. Sie sitzen in Gruppen um große Tische herum, stecken die Köpfe zusammen und arbeiten gemeinsam an einer Thematik. Sie versuchen den Satz des Pythagoras eigenständig herzuleiten oder herauszufinden, was es mit dem Erlkönig von Goethe auf sich hat. "Kompetenzerziehung", wie es im Fachjargon heißt, löst zunehmend den Frontalunterricht ab. Was hinter dieser Pädagogik steckt und was sie taugt.

Das "Wie" ist so wichtig wie das "Was"

Gruppenarbeit und Eigenverantwortung beim Lernen sind zwar ein alter Hut, doch zum ersten Mal werden solche Unterrichtsformen nun als pädagogisches Ziel formuliert und in Lehrplänen verankert. Nicht mehr allein die Vermittlung des Wissens steht im Fokus, sondern ebenso die Art und Weise, wie sich die Schüler die Materie erschließen. Durch eigenständiges Erarbeiten von Lernstoff sollen unter anderem Eigenverantwortung, Kommunikationsfähigkeit, Teamgeist und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, trainiert werden.

Umstellung der Bildungsstandards nach dem "PISA-Schock"

Als "kompetenzorientierter Unterricht" ist diese Art des Lernens mittlerweile Teil des bundeseinheitlichen Bildungskanons. Die pädagogischen Maximen sind seit 2002 als Folge des "PISA-Schocks" von der Kultusministerkonferenz kontinuierlich ausgearbeitet worden und seit 2005 für alle Bundesländer verbindlich. Jedes Land legt dabei ein anderes Tempo vor. In Baden-Württemberg etwa wurden im Zuge der Bildungsplanreform bereits 2004 die Lehrpläne für die allgemeinbildenden Schulen auf sogenannte "Bildungspläne mit Bildungsstandards" umgestellt, während in Hessen sogenannte Kern-Curricula seit August 2011 in Kraft sind.

"Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt werden"

So wird alten pädagogischen Erkenntnissen an den staatlichen Schulen Rechnung getragen und Prinzipien werden belebt, die bislang eher in Klassenzimmern mit reformpädagogischer Orientierung zuhause waren. Der Satz "Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Fackeln entzündet werden", den der französische Arzt und Schriftsteller Rabelais vor fünfhundert Jahren notierte, ist damit aktueller denn je - genau wie der Ratschlag, den der Renaissance-Gelehrte Comenius vor vierhundert Jahren Lehrern erteilte: "Lehrt weniger, damit eure Schüler mehr lernen können!"

Das Lernen macht mehr Spaß und der Stoff bleibt besser hängen

Genau das geschieht im Rahmen des kompetenzorientierten Unterrichts seit zwei Jahren beispielsweise an der Eleonorenschule in Darmstadt. Der Schulleiter des Gymnasiums, Jürgen Krell, hat seitdem gute Erfahrungen mit der Methode gemacht: "Das Lernen macht den Kindern so mehr Spaß. Die Inhalte werden von den Schülern selbstständig oder im Team erarbeitet, ohne dass der Lehrer alles vorgibt. Außerdem bleibt der Stoff viel besser hängen, weil sich jeder aktiv damit beschäftigen muss und die Schüler sich gegenseitig Fragen beantworten. Dabei lernen sie auch, ihr Wissen auf andere Zusammenhänge zu übertragen und um Ecken zu denken."

Wissen verschmilzt so mit der Art und Weise, wie es erworben wird. Erst dann findet der eigentliche Kompetenzzuwachs statt. Das eine bedingt und fördert das andere. Schulpädagoge Dr. Rainer Lersch von der Universität Marburg bringt es auf der Website des hessischen "Landesverbandes Erziehung und Wissenschaft" (GEW) auf den Punkt: "Wer nichts weiß, ist nicht kompetent und wer mit seinem Wissen nichts anfangen kann, ist es ebenfalls nicht."

Kompetenzen können nicht gelehrt werden

Der Marburger Experte bewertet diesen Unterricht auch deshalb als besser als die bisher dominierenden Methoden, weil er sowohl schüler-, praxis-, als auch ergebnisorientiert ist: "Kompetenzen können nicht im herkömmlichen Sinne gelehrt werden, sie müssen von den Schülern eigenaktiv erworben werden, weil man nur dann sagen kann, dass man etwas kann, wenn man es wirklich getan hat", so Lersch. Man solle, so wie es der Aufklärer Immanuel Kant formulierte, am besten "sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen bedienen."

Weniger ist mehr

Auf diese Art zu lernen ist jedoch zeitaufwändig. Das bedeutet, dass die Stofffülle sich reduziert und nicht mehr jedes Thema, das früher durchgenommen wurde, im kompetenzorientierten Unterricht Platz hat. "Das ist weniger schlimm", erklärt Schulleiter Krell, "denn die Schüler können sich durch ihre erworbenen Fähigkeiten selbst besser Neues erarbeiten oder bestimmte Inhalte, die während der Schulzeit immer wieder aufgegriffen werden, selbstständig in einen neuen Kontext setzen. Letztendlich verliert man also keine Zeit."

Der Frontalunterricht bleibt erhalten

Da das selbstständige Arbeiten bei diesem Konzept einen großen Raum einnimmt, wird den Schülern viel Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangt: "Das ist sehr anstrengend und arbeitsintensiv", meint Jürgen Krell. "Und deshalb mache ich mir damit auch nicht immer nur Freunde, denn die Schüler müssen in einer kompetenzorientierten Stunde präsenter sein als sonst. Hätten wir nur diese Art Unterricht, wären die Kinder nach einem Schultag platt." Deshalb sei es nicht von Nachteil, dass sich der eher passiv orientierte traditionelle Frontalunterricht, den die Pädagogen eigentlich "direkten Instruktionsunterricht" nennen, mit dem aktiven, kommunikativen Lernen abwechsle.

Der Lehrer als Coach

Um auch die Lehrer kompetent für den Kompetenzerwerb ihrer Schüler zu machen, müssen sie sich qualifizieren und etwa Fortbildungsmaßnahmen wahrnehmen: "Früher", so berichtet Schulleiter Krell, "lief alles mehr oder weniger über den Lehrer. Jetzt ändert sich seine Rolle. Er muss sich eher zurücknehmen, beratend wirken, wie ein Coach sein. Das ist ein Umstellung."

Obwohl die Schüler nun aktiver und selbstbestimmter agieren, wird die Arbeit für die Pädagogen nicht weniger - im Gegenteil. Denn sie müssen nach
wie vor im Hintergrund die Fäden zusammenhalten und die Lernprozesse und -ergebnisse begleiten und sichern. Das bedeutet vor allem eine umfangreichere Vorbereitung und verlangt auch durch das individuellere Lernen ein breiteres Angebot an Lehrmaterialien.

Die Schüler fit fürs Leben machen

Das große Ziel dieser pädagogischen "Reform", die eigentlich auf Altbewährtes zurückgreift, ist das nachhaltige Lernen. Es soll den Nachwuchs zu starken Individuen machen, die nicht nur Begeisterung beim Lernen entwickeln, sondern auch das Rüstzeug erhalten, sich in einer sich schnell wandelnden und immer komplexer werdenden Welt souverän zu behaupten: "Kompetenzorientierter Unterricht ist eine Chance für die Zukunft, dass Schüler selbstverantwortlich mit ihrem Lernen und damit auch mit ihrem Leben umgehen", erklärt der Schulleiter der Eleonorenschule, Jürgen Krell. "Schule muss mehr sein als der Ort, wo Fachliches vermittelt wird. Um das jedoch konsequent und auf Dauer erfolgreich durchzusetzen, bräuchte man idealerweise langfristig kleinere Klassen, Team-Teaching mit mehr als einer Lehrkraft und natürlich die finanziellen Mittel, die dazu notwendig sind."

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