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Rechtschreibung Nebensache: Wenn Kinder sich selbst lesen und schreiben beibringen

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"Lesen durch Schreiben"  

Rechtschreibung Nebensache: Wenn Kinder sich selbst Schreiben beibringen

22.06.2012, 18:10 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Rechtschreibung Nebensache: Wenn Kinder sich selbst lesen und schreiben beibringen. Für das lesen lernen gibt es verschiedene Methoden. (Quelle: imago)

Für das lesen lernen gibt es verschiedene Methoden. (Quelle: imago)

Immer mehr Grundschüler in Deutschland werden nach der reformpädagogischen Methode "Lesen durch Schreiben" unterrichtet. Dabei lernen die Kinder nicht mehr Buchstabe für Buchstabe aus der Fibel kennen, sondern können Worte zu Papier bringen, wie sie sie akustisch wahrnehmen. Korrekturen durch Lehrer beziehungsweise Eltern sind bei diesem Konzept allerdings nicht erwünscht. Viele Mütter und Väter bringt das auf die Barrikaden, denn sie befürchten nachhaltige Rechtschreibschwächen bei ihrem Nachwuchs. Auch unter Experten ist dieser pädagogische Ansatz umstritten.

Kreativität und Freude an Sprache sollen gefördert werden

"Varrat varn machd schbas!" Stolz zeigt die sechsjährige Maia, die die erste Klasse besucht, ihrer Mutter, was sie in ihr Heft gekritzelt hat. Sie hat den Satz "Fahrrad fahren macht Spaß" so aufgeschrieben, wie sie ihn hört. Die Rechtschreibfehler, die so zuhauf anfallen, sollen aber in den ersten beiden Schuljahren zunächst nicht verbessert werden. Hauptsache, die Freude an Sprache, die Kreativität und die Selbstständigkeit wird bei den Schülern durch das "freie" Schreiben geweckt und nicht durch starre Regeln im Keim erstickt. So die Idee, der sogenannten Lesen-durch-Schreiben-Methode (LdS), nach der Maia an ihrer Grundschule unterrichtet wird.

Hilfe gibt die Anlauttabelle mit Bildern

Entwickelt wurde das Konzept in den 70er Jahren vom 2009 verstorbenen Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Eine Variante dessen ist die in Deutschland weit verbreitete sogenannte "Rechtschreibwerkstatt" vom Schulpsychologen Norbert Sommer-Stumpenholz. Danach sollen Kinder nicht mehr einzelne Buchstaben lernen, sondern zunächst nach Gehör schreiben - also gesprochene Sprache wiedergeben.

Dabei hilft die sogenannte Anlauttabelle, die jedem Kind zur Verfügung steht. Sie unterstützt beim Auffinden der Laute und zeigt dazu passende Bilder, wie etwa A für Affe, Eu für Eule oder Ei für Eis. Das Wort "Haus" entsteht dann beispielsweise, indem die Schüler das H von Hase, das Au von Auto und das S von Sonne abmalen und zu einer Klangkette zusammenfügen. Auf diese Weise erschließen sie sich selbstständig die Beziehung zwischen Laut und Bild und sollten dadurch schnell in der Lage sein, sich schriftlich mitzuteilen. Das Lesen lernen, so das Ziel dieser Pädagogik, ist dabei ein Begleitprodukt, das nach einiger Zeit automatisch hinzu kommt.

Von Anfang können die Kinder mit allen Buchstaben üben

Seit 1995 wird "LdS" beziehungsweise die "Rechtschreibwerkstatt" auch an deutschen Schulen unterrichtet. Seither hat sich die Methode rasant verbreitet, wird inzwischen in allen Bundesländern, wenngleich noch nicht in allen Schulen angewandt, denn die Umsetzung liegt im Ermessen jeder Schule. Lehrer, die mit dem Konzept arbeiten, schwärmen meist von den schnellen Erfolgen ihrer Schüler und teilen ihre Erfahrungen in zahlreichen Fachforen begeistert mit. So berichtet beispielsweise Martin: "Das Tolle daran ist, dass die Kinder von Anfang an alles aufschreiben können, was für sie wichtig ist, ohne Erfolgsdruck und im eigenen individuellen Tempo. Schon am ersten Tag haben sie durch die Lauttabelle alle Buchstaben zur Verfügung und lernen nicht wie beim traditionellen Fibel-Unterricht erst nach und nach die einzelnen Buchstaben kennen."

Auch zahlreiche Eltern äußern sich positiv über das LdS-Konzept. Bei "rabeneltern.de" erzählt etwa Henrietta, das ihr Sohn bereits wenige Monate nach der Einschulung alles aufgeschrieben habe. Dabei habe er auch keinen "Respekt" gehabt vor schwierigen Worten wie Arzt, Geburtstag oder Februar, weil er ja keine Rechtschreibregeln einhalten musste. "Noch muss ich mir oft leise vorlesen, was er geschrieben hat, um es zu verstehen", sagt Henrietta, "aber er wird zusehends sorgfältiger beim Hören und Aufschreiben… Ich verbessere von mir aus auch nicht, was er geschrieben hat. Allerdings sage ich auch nicht, dass es richtig wäre, sondern eher‚ ja ich habe verstanden oder ja da steht genau, was du schreiben wolltest‘."

Viele Eltern geben der LdS-Methode schlechte Noten

Die Mehrzahl der Mütter und Väter kann solche Begeisterung allerdings nicht teilen und spart in Internet-Foren wie etwa bei "petitionen.com", wo auch Unterschriften gegen dieses Konzept gesammelt werden, nicht mit deutlichen Worten: "Lesen durch Schreiben ist der letzte Schrott", bemerkt Annika zornig. "Meine Tochter ist jetzt aufs Gymnasium gekommen und hat enorme Probleme mit der Rechtschreibung. Sie schreibt halt immer noch so, wie sie spricht, von Klein- und Großschreibung ganz zu schweigen. Das Dilemma hat sich bei uns schon in der vierten Klasse abgezeichnet, als die ersten ungeübten Diktate grottenschlecht ausfielen."

Eine andere Mutter erzählt: "Es ist mir ein Graus, die Hefte meiner Tochter (Ende erste Klasse) anzusehen. Ich kann nicht mal im Entferntesten erraten, was da geschrieben steht. Die Lehrerin sagt alles sei gut so. Ich sehe das nicht so." Und ein Vater wettert: "Ich bin entsetzt, mit welcher Lässigkeit bei uns in Deutschland für Grundkompetenzen wie Lesen und Schreiben willkürlich Methoden eingesetzt werden, bloß weil sie sich gut anhören und so leicht unterrichtet werden können. Und dann kann jede Schule noch individuell ihr eigenes Süppchen kochen."

Bedenkliche Studienergebnisse

Ähnliche Negativ-Tendenzen belegte bereits 2005 die sogenannte Marburger Studie, die die Effekte verschiedener Unterrichtsmethoden auf den Schriftspracherwerb bei Grundschülern untersuchte. Die Untersuchungen zeigten, dass in der Gruppe, die nach LdS- Grundlagen unterrichtet wurde, der Anteil der Kinder mit Lese- und Schreibproblemen deutlich höher war als in zwei Kontrollgruppen mit herkömmlichem Fibel-Unterricht. Nach einem Schuljahr lag der Anteil der rechtsschreibschwachen Kinder in der LdS-Gruppe bei 16 Prozent, nach zwei Jahren sogar bei 23 Prozent. Bei den "Fibel-Gruppen" war der Anteil in derselben Zeit dagegen nur bei sechs beziehungsweise fünf Prozent. Besondere Schwierigkeiten hatten Kinder mit Dialekt-Einfärbung oder aus Familien mit Migrationshintergrund, denn ihre oftmals fehlerhafte Aussprache macht das Schreiben nach Gehör schwierig und bringt bei diesem Lernansatz langfristig Nachteile.

Kritik kommt auch von Experten

Einer der schärfsten Kritiker der Methode ist der ehemalige Lehrer Günter Jansen aus der Eifel. Als seine älteste Enkelin vor sieben Jahren in der Grundschule nach diesem Konzept unterrichtet wurde, war er entsetzt und sammelt seitdem Informationen zu LdS, die er in sogenannten "Elternbriefen" auf der Webseite "grundschulservice.de" veröffentlicht. Für den pensionierten Pädagogen sind die anfänglichen schnellen Fortschritte, von denen viele Kollegen berichten, nur Scheinerfolge. Denn in der dritten Klasse, wenn auf korrekte Rechtschreibung umgestellt werden müsste, käme meist der Einbruch, der sich bis in die weiterführenden Schulen bemerkbar mache. Dann haben sich nämlich schon individuelle Rechtschreibschwächen fest setzen können, die durch LdS bisher verdeckt waren. Außerdem sind viele Schüler am Ende der Grundschulzeit verunsichert, denn was in den ersten Schuljahren nicht korrigiert wurde, wird nun als falsch angestrichen.

Pädagogik-Experten beklagen außerdem, dass das Konzept alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Schriftspracherwerb bei Kindern außer Acht lässt. Danach sind für Grundschulanfänger Wörter meist identisch mit Gegenständen. Dies führt dazu, dass sie oft Schwierigkeiten haben, sich auf einzelne Laute innerhalb des Wortes zu konzentrieren.

Erziehungswissenschaftlerin: "Unterlassene Hilfeleistung"

Auch sei der Ansatz geschriebene Sprache als Abbild von gesprochener Sprache zu definieren, falsch, meint die Erziehungswissenschaftlerin Christa Röber von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. In zahlreichen Interviews und Statements äußert sich die Wissenschaftlerin kritisch zu LdS. In der Pro Sieben-Sendung "Planetopia" etwa macht sie ihren Standpunkt deutlich: "Die Kinder im Regen stehen zu lassen und ihnen den Eindruck zu geben, so wie du das machst, ist das schon ok, ist sicherlich das Falscheste, was man machen kann. Es ist unterlassene Hilfeleistung!" Kinder würden nämlich gerne über feste Regeln lernen und bräuchten solche verbindlichen Orientierungen auch dringend. Das würde den Spaß und die Motivation beim Lernen aber nicht automatisch verhindern.

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