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Inklusion: Praxis in Bonner Schule

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Inklusion  

Trotz Autismus besucht Joscha (9) eine "normale" Schule

23.01.2013, 13:57 Uhr | dpa

Inklusion: Praxis in Bonner Schule. Inklusion: Die neunjährige Joscha (Mitte) geht trotz Autismus auf eine "normale" Schule. (Quelle: dpa)

Die neunjährige Joscha (Mitte) geht trotz Autismus auf eine "normale" Schule. (Quelle: dpa)

Behinderte Menschen haben in einem "inklusiven" Schulsystem das Recht auf Bildung auf der Basis von Chancengleichheit. Das ist in Artikel 24 der UN-Konvention für die Rechte von behinderten festgelegt, auf die sich die Vertragsstaaten - darunter Deutschland - geeinigt haben. Doch wie sieht Inklusion in der Praxis aus? Eine Bonner Schule macht es vor.

Trotz Autismus besucht Joscha eine "normale" Grundschule

In Englisch macht ihr niemand etwas vor. Die neunjährige Joscha besucht zwar erst die dritte Jahrgangsstufe der Kettelerschule in Bonn, darf aber schon mit einem Buch für Sechstklässler arbeiten. Nur das Sprechen und Schreiben fällt ihr nicht so leicht. Deshalb benutzt Joscha in der Schule einen Laptop. Konzentriert sitzt sie in ihrem roten Fleece-Pulli vor dem Bildschirm und schiebt die Maus hin und her. Zwei lila-farbene Glitzerspangen halten ihr die braunen Haare aus dem Gesicht. Da nimmt ihr Sitznachbar Tuna-Can ihr sanft die Maus aus der Hand. "Joscha, wir sollen jetzt aufpassen!", raunt der Zehnjährige mit dem tiefschwarzen Schopf.

Joscha ist autistisch. Bewegungen fallen der Neunjährigen schwer. Sie läuft nur langsam, kann mit einem Stift in der Hand kaum schreiben. Sie spricht stockend und fühlt sich mit fremden Menschen oft unwohl. Trotzdem besucht Joscha eine Regelgrundschule: Sie ist eine von 44 Kindern mit Behinderung, die in der Kettelerschule in Bonn ganztags unterrichtet werden. Die Bertelsmann-Stiftung hat Joschas Schule für ihr inklusives Unterrichtskonzept mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet.

NRW: Jede dritte Regelschule nimmt Behinderte auf

Inklusion bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Ab dem Schuljahr 2014/2015 sollen die Eltern in Nordrhein-Westfalen einen Rechtsanspruch auf diese Unterrichtsform haben. Bisher gibt es in NRW mehr als 2100 Regelschulen, die auch Kinder mit Behinderung aufnehmen. Das entspricht einem Drittel aller Schulen.

Individuelle Aufgaben in einer Klasse

In der Robben-Gruppe, in der auch Joscha unterrichtet wird, ist es an diesem Morgen fast mucksmäuschenstill. 25 Kinderköpfe sind tief über Aufgabenlisten gebeugt. Die Schüler - unter ihnen Erst- bis Viertklässler - sitzen verstreut an ihren Arbeitstischen, die kreuz und quer um den großen Tisch am Kopfende des hellen Raumes stehen. Dort haben vor ein paar Minuten alle Kinder gemeinsam zur allmorgendlichen Begrüßung gesessen. Das Lehrerpult hinten in der Ecke fällt fast gar nicht mehr auf.

Jetzt, in der zweite Stunde, arbeitet jeder für sich allein. Die achtjährige Elena runzelt leicht die Stirn, während sie in ihrem Mathe-Heft eine Zahlentabelle ausfüllt. Sie ist schon fast fertig. Dann kann sie einen Haken auf ihre Liste setzen, die sie vor einer Woche von ihrer Lehrerin bekommen hat. Bis zum Ende der Woche muss Elena alle Aufgaben abgearbeitet haben, aber das schafft die Drittklässlerin locker. Wann sie welche Aufgabe macht, entscheidet sie selbst. So macht das auch der Klassensprecher Tuna-Can. Er ist schon in der vierten Klasse und hat eine andere Liste als Elena oder Joscha.

Gleiches Tempo für alle ist unmöglich

"Klar macht das alles mehr Arbeit", sagt die Gruppen-Lehrerin Marijana Lovrincevic. Sie kontrolliert gerade die Aufgabenliste einer Schülerin, die ihr Pensum schon erledigt hat. "Aber es ist auch zufriedenstellend, weil man Erfolge sieht. Weil man sieht, die Kinder werden angemessen gefördert."

Die 30-Jährige mit dem bunten Blumenschal hat ihr Referendariat an einer Regelschule in Baden-Württemberg gemacht - mit klassischem Frontalunterricht. Zurück würde sie nicht mehr wollen. "Wenn ich alle in dem gleichen Tempo mitziehen würde, dann wären die Kinder frustriert und ich wäre auch frustriert." In der Kettelerschule sei der Unterricht so gestaltet, dass sie auf jeden Schüler einzeln eingehen könne. Deshalb hat Lovrincevic auch nicht das Gefühl, dass die Schüler mit Behinderung den Unterricht aufhalten.

"Andere Kinder sagen, Behinderte sind dumm"

Trotzdem: Kinder wie Joscha haben einen anderen Förderbedarf. Um den festzustellen, steht der Lehrerin der Robben-Gruppe eine ausgebildete Förderschullehrerin zur Seite. "Wir arbeiten hier viel im Team", sagt Lovrincevic. "Unterstützung ist von allen Seiten da." Joscha sitzt außerdem nicht allein im Unterricht. Sie wird von einer Sonderpädagogin begleitet, die eingreift, wenn es Joscha zum Beispiel zu laut in der Klasse wird.

Auch Elena findet nicht, dass Joscha lieber eine andere Schule besuchen sollte. "Behinderte Kinder haben ja auch einen Bedarf an einem normalen Leben und nicht nur an einem behinderten Leben", sagt sie, und ihre blonden Zöpfe wippen dabei auf und ab. "Andere Kinder sagen, Behinderte sind dumm - aber die sind gar nicht dumm." Von Joscha habe sie sehr viel gelernt. Sie sei ein "Leseprofi" und wisse sehr viel. "Joscha ist sehr schlau", sagt Elena. "Wenn wir noch überlegen, hebt sie direkt den Finger."

Dann beugt Elena ihren Kopf wieder über die Zahlenkolonne. Gleich ist sie fertig. An einem anderen Tisch sitzt Joscha vor ihrem Laptop. Ihre Füße stecken in blauen Filzpantoffeln, sie hat am Morgen ihre Straßenschuhe ganz alleine ausgezogen. Die Mädchen wirken zufrieden: Heute haben sie beide etwas gelernt.

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