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Lesen durch Schreiben: Das denken Eltern

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Lesen durch Schreiben  

"Ein Verbrechen an unseren Kindern": So denken Eltern über "Lesen durch Schreiben"

01.02.2013, 14:51 Uhr | rev, t-online.de

Lesen durch Schreiben: Das denken Eltern. Lesen durch Schreiben - die Methode ist sehr umstritten. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wie lernen Kinder am besten Lesen und Schreiben? Experten streiten über die beste Methode. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

"Lesen durch Schreiben" nennt sich jene Methode, nach der viele Grundschüler in Deutschland heutzutage Schreiben und Lesen lernen und die kürzlich für Empörung unter den Lesern unseres Elternportals sorgte. Dabei sollen die Kinder Worte so zu Papier bringen, wie sie sie hören. So denken Eltern über das umstrittene Rechtschreibkonzept.

"Lesen durch Schreiben": So funktioniert die Methode

Das Konzept "Lesen durch Schreiben" (LdS) wurde in den 70er Jahren vom schweizerischen Pädagogen Jürgen Reichen entwickelt. In Deutschland ist als Variante des Konzepts seit 1995 die "Rechtschreibwerkstatt" des Schulpsychologen Norbert Sommer-Stumpenhorst weit verbreitet. Danach sollen Kinder nicht mehr einzelne Buchstaben lernen, sondern in der ersten und zweiten Klasse nach Gehör schreiben. Dabei hilft die sogenannte Anlauttabelle. Sie unterstützt beim Auffinden der Laute und zeigt dazu passende Bilder, wie etwa A für Affe, Eu für Eule oder Ei für Eis. Fehler werden in dieser Phase nicht angestrichen.

Experten kritisieren das Konzept

Befürworter von "Lesen durch Schreiben" schwärmen von schnellen Lernerfolgen. Zudem seien Kinder ohne ständige Rechtschreibkorrekturen im Unterricht motivierter. Doch zahlreiche Experten kommen zu anderen Ergebnissen und sprechen sich zum Teil vehement gegen LdS aus. Einer dieser Kritiker ist der frühere Lehrer Günter Jansen aus der Eifel. Zu den anfänglichen schnellen Fortschritten, von denen viele seiner Kollegen sprechen, sagt Jansen: "Das sind nur Scheinerfolge." In der dritten Klasse, wenn auf korrekte Rechtschreibung umgestellt werden müsse, käme meist der Einbruch, der sich bis in die weiterführenden Schulen bemerkbar mache. Dann hätten sich schon individuelle Rechtschreibschwächen festsetzen können.

Auch sei der Ansatz falsch, geschriebene Sprache als Abbild von gesprochener Sprache zu definieren, meint die Erziehungswissenschaftlerin Christa Röber von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. In einer Ausgabe der Pro-Sieben-Sendung "Planetopia" machte sie ihren Standpunkt deutlich: "Die Kinder im Regen stehen zu lassen und ihnen den Eindruck zu geben, so wie du das machst, ist das schon okay, ist sicherlich das Falscheste, was man machen kann. Es ist unterlassene Hilfeleistung!"

"Es ist ein Verbrechen an unseren Kindern": Das sagen Eltern zu LdS

Mit diesen Aussagen sprechen diese Experten vielen Eltern von Schülern, die nach LdS Schreiben lernen, aus der Seele. In einer Umfrage im Elternportal von t-online.de wollten wir von unseren Lesern wissen, was sie von der Methode halten. Von 4712 Lesern sagten 95,6 Prozent "das ist großer Unsinn und schadet mehr als es nutzt". Nur 3,3 Prozent der Leser befürworten das Konzept.

Das gleiche Meinungsbild spiegelte sich in den zum Teil empörten Kommentaren in unserer "Eltern-Welt" auf Facebook. Viele Eltern berichteten dort über die schlechten Erfahrungen, die sie, beziehungsweise ihre Kinder, mit LdS gemacht haben:

Nicole Haas: In unserer Grundschule wird leider auch mit dieser Methode gelehrt. Ich bin da absolut nicht mit einverstanden. Was sie einmal falsch gelernt haben, ist später sehr schwierig wieder rauszubekommen. Mein achtjähriger Sohn ist immer fest überzeugt, alles richtig zu schreiben. Gestern gab es richtig Stress, weil die Lehrerin ihn bei der Hausaufgabenbetreuung korrigieren wollte. Er war sauer, weil er ja meint, es sei so richtig. In der Schule wird ja nicht korrigiert. Man sieht ja an der Rechtschreibung mancher Kinder, dass es meist nicht der richtige Weg war.

Julia Weise-Holtgräwe: Seit wann soll es einen Sinn ergeben, erst etwas falsch zu lernen und dann richtig? Solch ein Blödsinn. Deutschlands Schulsystem sollte sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen, statt Kindern falsches Schreiben beizubringen.

Bodo Steffin: Wie heißt die Methode? LDS? Da haben wohl die Erfinder zu viel LSD konsumiert.

San Voß: Ich habe vier Kinder und eines hat eine Schreibschwäche, aber trotzdem relativ gute Noten in Deutsch, dank einer engagierten Lehrerin in der Grundschule, die korrigierte und auch auf andere (altmodische) Tugenden wie Disziplin, Aufgabenerledigung, etc. achtete. Einmal hatten wir jedoch Pech und die Methode nach Sommer-Stumpenhorst - dieses Kind von mir hat in der weiterführenden Schule noch Probleme mit der Rechtschreibung.

Nadine Schober: Ich steh gerade vor dem Problem mit meinem Großen. Er ist seit September in der dritten Klasse und mir graut vor der Rechtschreibung. Aber es wird auch nichts angestrichen - außer natürlich in Diktaten. Und was dabei rauskommt, habe ich leider abbekommen - zwei Diktate, zweimal Note 5. Verstehe den Sinn nicht, die Kinder schreiben zu lassen, wie sie wollen - so kommt es mir nämlich vor.

Uli Bibow-Wohland: Meine Tochter ist in der dritten Klasse und wir haben nun ein riesengroßes Problem. Sie hat die Schreibweise LdS so verinnerlicht, dass sie nun als lese-rechtschreib-schwach eingestuft ist und deshalb erstens von guten Mitschülern ausgelacht wird und zweitens zweimal die Woche in ein LOS-Institut [Anm. d. Red.: Lehrinstitut für Orthographie und Schreibtechnik] muss zum Aufarbeiten. Sie ist in einer Ganztagsschule und durch diese Geschichte hat sie in der Woche vier Stunden mehr Unterricht plus zweimal eine Stunde Fahrt. Sie kommt dann erst abends um circa 18 Uhr nach Hause. Das ist für sie so belastend, dass sie keine Lust mehr hat. Und das mit neun Jahren. In dem Alter sollte es doch so sein, dass sie gerne in die Schule geht. Ich finde, es ist ein Verbrechen an unseren Kindern, das so etwas überhaupt eingeführt wurde.

Sonja Richter: Mein Sohn ist mittlerweile in der sechsten Klasse und kann immer noch nicht richtig schreiben. Er wird in der Schule auch als lese-rechtschreib-schwach eingestuft, ist es aber nicht (habe ihn testen lassen).

Mathias Grün-Drebes: Ich bin zum Glück noch nicht in der Situation, habe aber die großen Schwierigkeiten bei Nachbarkindern mitbekommen. Das Ganze ist eine einzige Katastrophe! Ich werde mit meiner Tochter auch in den ersten beiden Jahren Zuhause ordentlich Schreiben üben, wenn es soweit ist, und wenn das den Lehrern nicht passt, dürfen sie das gerne ihrem Friseur erzählen.

Man Fredo: Die LdS-Methode beruht auf falschen Annahmen. Sie übersieht, dass die Kinder Wortbilder im Gehirn abspeichern (lässt sich mit einfachen Tests nachweisen) und beim Lesen und Schreiben diese Wortbilder abrufen. Sind falsche Wortbilder angelegt worden, wie die LdS-Methode es nahelegt, so werden auch falsche Wortbilder reproduziert. Kinder die im dritten Schuljahr dann lernen sollen richtig zu schreiben, müssen nicht nur grammatische Regeln lernen, nach denen sie vorgehen, sondern sie müssen auch falsche Vorstellungen löschen - sie können sich nicht darauf verlassen, was ihre Erfahrung ihnen anbietet.

Christine Reiter: Ich finde die Methode nicht gut. Habe einen Sohn in der dritten Klasse, der jetzt eine Therapie macht wegen LdS.

Eingeschränkte Befürwortung

Eltern, die LdS positiver sehen, befinden sich in der klaren Minderheit. Doch auch sie schränken in vielen Fällen ihre Bewertung der Methode ein und geben zu Bedenken, dass "Lesen durch Schreiben" nur dann funktioniert, wenn die Eltern viel Zeit in die Lese- und Rechtschreibkompetenz ihres Nachwuchses investierten. "Ich war zu Anfang auch ziemlich skeptisch, aber 'Lesen durch Schreiben' hat funktioniert", schreibt Sabine Tamara auf Facebook über die Erfahrungen mit ihrer Tochter. Sie fügt jedoch hinzu: "Allerdings nur, weil ich mich mit zum Lernen hingesetzt habe. Andere Eltern haben dies nicht gemacht und diese Kids tun sich unheimlich schwer beim Lesen und beim Wörter Schreiben."

Auch Desiree Weck zeigt sich in unserer "Eltern-Welt" nicht unzufrieden mit LsD, nimmt aber ebenfalls Eltern in die Pflicht: "Ich kann mich nicht beschweren. Egal, nach welcher Methode mein Kind lernt, es gehört als Mutter/Vater zu meiner Aufgabe, mit meinem Kind zu lernen. Wir korrigieren vom ersten Tag an." Korrekturen, die allerdings bei "Lesen durch Schreiben" für gewöhnlich nicht vorgesehen sind - weshalb die Frage offen bleibt: Würde die Mutter auch dann mit LdS einverstanden sein, wenn niemand die Fehler ihres Kindes verbessere?

Wie denken Sie über die Methode "Lesen durch Schreiben"? Diskutieren Sie mit in unserer "Eltern-Welt" auf Facebook!

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