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Nie mehr Sitzenbleiben - immer mehr Länder gehen neue Wege

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Bildungspolitik  

Nie mehr Sitzenbleiben - immer mehr Länder gehen neue Wege

18.02.2013, 09:36 Uhr | Uta Winkhaus, dpa

Nie mehr Sitzenbleiben - immer mehr Länder gehen neue Wege. Sinnvoll oder nicht? Das Sitzenbleiben wird neu diskutiert. (Quelle: dpa)

Sinnvoll oder nicht? Das Sitzenbleiben wird neu diskutiert. (Quelle: dpa)

Eine "Ehrenrunde drehen", heißt es im Volksmund. Tatsächlich empfinden es Schüler oft als Schmach, wenn sie sitzenbleiben. Immer mehr Bundesländer suchen andere Wege. Rot-Grün in Niedersachsen plant, das Sitzenbleiben komplett abzuschaffen. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD), begrüßte das Konzept und verlangte mehr individuelle Förderung für Schulkinder. Mehrere Landesregierungen bereiten ähnliche Reformen vor. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagte dagegen: "Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus."

Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stellte klar, dass Rot-Grün das Sitzenbleiben nicht sofort und für alle Schulen abschaffen will. "Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann", sagte sie.

SPD und Grüne haben in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel festgeschrieben, "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig (zu) machen". Heiligenstadt verwies auf die guten Erfahrungen, die man mit dem Verzicht aufs Durchfallen an integrierten Gesamtschulen gemacht habe: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt", sagte sie. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."

Zwei Prozent aller Schüler bleiben jedes Jahr sitzen

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise für bestimmte Jahrgangsstufen oder Schulformen zu streichen.

Kostenlose Nachhilfe statt Sitzenbleiben

In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben zurzeit in den Klassen 1 bis 9 abgeschafft, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte: "Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme." Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen. "Das ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben", sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle. In Berlin müssen nur Gymnasiasten und - im Ausnahmefall - Grundschüler befürchten, eine Klasse wiederholen zu müssen.

"Sitzenbleiben ist keine sinnvolle Lernmotivation"

In der kürzlich von Grün-Rot in Baden-Württemberg eingeführten Gemeinschaftsschule können die Kinder schon heute nicht mehr durchfallen. Das wolle er Schritt für Schritt auch an den anderen Schulen durchsetzen, sagte der Stuttgarter Kultusminister Andreas Stoch (SPD). "Die Angst vor dem Sitzenbleiben ist keine sinnvolle Lernmotivation für die Schülerinnen und Schüler."

Die Chance, Versäumtes zu wiederholen

In Bayern drehten im vergangenen Schuljahr 2,3 Prozent der Gymnasiasten, 2,6 Prozent der Realschüler und 1,1 Prozent der Mittelschüler eine "Ehrenrunde". Kultusminister Ludwig Spaenle kritisierte die Pläne Niedersachsens: "Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag). Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, sagte dem Blatt: "Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist." Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. "Da kann man gleich eine Abitur-Vollkasko-Garantie anbieten."

Bringt die "Ehrenrunde" überhaupt etwas?

Sachsen-Anhalts Kultusminister Dorgerloh betonte dagegen, die Wissenschaft sei zum größten Teil der Auffassung, dass das Sitzenbleiben nichts bringe. "Wir brauchen mehr individuelle Förderung", sagte der KMK-Präsident der dpa in Magdeburg. Dies sähen zunehmend auch Lehrer und Eltern so.

Lehrerverband pocht auf Wettbewerb

Der Verband Deutscher Realschullehrer (VDR) widerspricht dieser Auffassung. Der Vorsitzende, Jürgen Böhm, sagte: "Mit dieser leistungsfeindlichen Einstellung kann man im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe nicht bestehen und wird langfristig im Mittelmaß enden. Wenn die wenigen Kinder oder Jugendlichen, die in einem gewissen Zeitraum trotz aller angebotenen Fördermaßnahmen die gestellten Standards nicht erfüllt haben, dann müssen diese die Möglichkeit der Wiederholung wahrnehmen können", betonte Böhm. Der VDR vertritt nach eigenen Angaben etwa 20.000 Lehrer an Schulen im Sekundarbereich.

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