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Bildung und Arbeitswelt müssen sich ändern

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Kritik am Bildungssystem  

"Unser System ist autoritär und autistisch"

06.11.2013, 15:13 Uhr | Maria M. Held, t-online.de

Bildung und Arbeitswelt müssen sich ändern. "Es braucht einen, der das Bildungssystem zertrümmert." -Arbeitswelt-Experte Thomas Sattelberger (Quelle: Aplhabet)

"Es braucht einen, der das Bildungssystem zertrümmert."- Arbeitswelt-Experte Thomas Sattelberger (Quelle: Aplhabet)

Regisseur Erwin Wagenhofer suchte sich für seine Film-Dokumentation "Alphabet. Angst oder Liebe" "starke Stellvertreter", die aus ihrer Sicht die Bildungskonzepte unserer Zeit kritisieren. Wagenhofer befragte in Asien, Europa und den USA. Bildungsexperten, Schüler, Studenten, Unternehmer und Neurologen. Thomas Sattelberger ist einer von ihnen. "Es braucht einen, der die Bildungsstrukturen zertrümmert", sagt der frühere Vorstand bei Telekom, Conti und Lufthansa im Film. Heute ist er in einigen zivilbürgerlichen Projekten aktiv und setzt sich für einen Wandel von Bildung und Arbeitswelt ein. Im Interview mit t-online.de erklärt er seine Beobachtungen und seine Idee von Talent und Potenzial.

t-online.de: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Erwin Wagenhofer in der Kino-Dokumentation "Alphabet"?

Thomas Sattelberger: Ich war wohl der einzige Wirtschaftsvertreter, der sich diesem Thema so weit geöffnet hat. Denn das muss man deutlich sagen: Beim Thema Bildung reden zwar viele mit, aber Menschen mit einer klaren Radikalität, findet man nicht viele.

t-online.de: Im Film sagen Sie, es braucht jemanden, der die Bildungsstrukturen zertrümmert…

Thomas Sattelberger: Mir war wichtig, die Mechanismen aufzuzeigen. Auf der einen Seite selbstgekürte Elitenbildung und auf der anderen Seite die fehlende Vielfalt, die Ausgegrenzte hervorbringt. Daher dieser Satz. Das ist ja nur die logische Konsequenz, dass durch evolutionäre Formen der Veränderung im System sich wenig ändert, das probieren wir ja schon seit vielen Jahren. Und da tut sich kaum etwas.

t-online.de: Sie schreiben in ihren Artikeln oft von Talenten und Potenzial. Hatten Sie selbst schon immer diese Einstellung, dass die Orientierung an der puren Effizienz der größte Irrtum ist, dass man stattdessen Talente suchen und, dass man Gelegenheit geben muss, diese zu entfalten?

Thomas Sattelberger: Dieses rückwärtsgerichtete, rein auf Effizienz ausgerichtete Bildungssystem kann man ja nicht glorifizieren. Enge Output-Orientierung ist ja nicht nur autoritär, sondern autistisch. Es sind aber nicht alle Reformen zu verdammen, sondern einige Reformen haben nicht gegriffen, und einige sind nicht weit genug gegangen.

In den 68ern gab es den Slogan: Unter den Talaren steckt der Muff von tausend Jahren. Das System lüftet sich nicht aus. Und jemand, der nicht auslüftet, sondern immer nur mit sich selbst beschäftigt ist, der pflegt organisationalen Autismus. Innovationsorientierte Systeme sind offen, sie lieben Vielfalt, sie erneuern sich selbst und sind fehlertolerant.

t-online.de: Bildung ist als Thema in den Medien angekommen. Es gibt einige Meinungsführer in TV-Talkshows. Glauben Sie, dass sich beim Thema Bildung langsam etwas in Bewegung setzt? Dass man die Bildung mehr auf die Talente und die Förderung der Menschen ausrichtet? Auch in Richtung lebenslanges Lernen?

Thomas Sattelberger: Ich halte nichts von Bildungspäpsten, denn das sind dann auch die Verkünder von Heilslehren, von denen wir so viele hatten. Ich erlebe viele Lehrerinnen und Lehrer, die diesen Heilsbringern fast sektiererisch folgen. Das verhindert eher die Diskussion um Diversität und darum, wie man dorthin kommt. Da gibt es nicht nur den einen Weg.

Verändert sich etwas? Ich habe mit Frau Margret Rasfeld von der preisgekrönten Evangelischen Schule Berlin Zentrum lange diskutiert, dass natürlich ihre Schule als private Schule eine ganz andere Logik haben kann als das klassische staatliche Schulsystem. Deswegen darf man sich nicht zu stark beeindrucken lassen von den teilweise innovativen Reformaktivitäten außerhalb des traditionellen Bildungssystems, das gilt übrigens auch für private Hochschulen. Die zeigen aber eines, nämlich was ginge, wenn die Strukturen andere wären, also wenn Schulen unabhängiger wären, wenn mehr Management- und Beteiligungsstrukturen der Lehrer direkt und unmittelbar in der Schule vorhanden wären - mehr Flexibilität in der Gestaltung der Rahmenlehrpläne. Jetzt komme ich wieder zu meinem alten Thema: Es ist eine ordnungspolitische Thematik. Es geht um eine strukturelle Reform des Bildungswesens, und dies machen nicht die Bildungspäpste, dort muss man in den Diskurs mit denen gehen, die Macht haben, damit Veränderung eingeleitet wird. Und das ist die Herausforderung für selbstbewusste Lehrer.

t-online.de: Wer müsste in Diskurs treten? Wer muss aktiv werden?

Thomas Sattelberger: Alle! Vor allem selbstbewusste Lehrerverbände, Gewerkschaften, Eltern und Schülerorganisationen, Politiker, es gibt ja kaum ein System, das so viele Akteure hat wie das Schulsystem. Man kann solch eine Veränderung - und das zeigen ja die ganzen Reformversuche der letzten Jahre - nicht gegen die Interessen der Stakeholder betreiben. Und im Augenblick ist das noch eine sehr lehrergetriebene und politikgetriebene Thematik. Hier spielt sehr stark die Ideologie mit herein. Die Dominanz dieser zwei Parteien - Lehrer und Politik - ist nicht gut.

t-online.de: Der Film zeigt ja einige diese Exoten aus dem Schul- und Bildungsystem - denken Sie, es gehen Impulse von "Alphabet" aus?

Thomas Sattelberger: Literatur und Kunst sind ja auch immer wieder geistige Waffen, um Diskussionen anzuregen, gerade der Film, der Wort und Bild eindrücklich zusammenfasst, um ein Thema diskursfähiger zu machen. Was das Thema Diskurs angeht, da gilt es natürlich auch, die Graswurzelbewegungen zu stärken. Auf der Bildungstagung "Visionsummit" in Berlin habe ich das mit Sorge betont, dass Lehrer auch nicht aus ihren Silos herauskommen und mit anderen, die für eine offenere Gesellschaft eintreten, zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Agenda zu erarbeiten. Diese Themen Graswurzelbewegung und Diskurs sind sehr wichtig, genauso wie das Gewinnen der Mächtigen für Reformprojekte. Da gibt es ja immer wieder Fenster der Gelegenheiten in der politischen Arena. Der Film ist da natürlich ein wichtiges Ferment.

t-online.de: Der Film ist ja Teil einer globalisierungskritischen Trilogie: Banken - Nahrungsmittelindustrie - Bildung. Das Schwierige hier ist, wer ist der Adressat, bei den ersten waren es die Banken und die Konzerne, wer ist es im Bereich Bildung?

Thomas Sattelberger: In dem Film geht es ja nicht um Bildung, es geht darum, wie Gehirne und Herzen geformt werden. Es geht nur um einen  Teil der Bildung, um den heimlichen Lehrplan, nicht um den offiziellen. Der inoffizielle Lehrplan hat etwas mit Normierung und Ausrichtung und Indoktrination zu tun.

t-online.de: Mr. Pisa, Herr Schleicher, ist ja sehr begeistert gewesen von den chinesischen Strukturen. Glauben Sie, die Pisa-Tests sind zielführend? Braucht es diese Vergleichbarkeit?

Thomas Sattelberger: Wie alles in der Welt, ist vieles gut, wenn es nicht zum Exzess gemacht wird, und das Thema Pisa hat doch im guten Sinne bei uns eine Nachdenklichkeit ausgelöst darüber, warum andere im Ergebnis erfolgreicher sind als wir. Es wird dann problematisch, wenn man aus dem Messen, Zählen, Wiegen heraus nur kopiert, was andere machen und vergisst, dass Sozialisation, Kultur und Bildung ganz intensiv an historische Hintergründe geknüpft sind. Damit spiegeln sie ganz besondere Realitäten einer Bevölkerung, eines Volkes, eines Landes wider. Wenn dann aus dem Thema Pisa auch noch ein Wettbewerb entsteht, 'höher, schneller, weiter, mehr', dann haben sie einen Hamster im Rad. Dieses Sich-Vergleichen ist ja an sich nichts Schlechtes, sich im Exzess zu vergleichen und blind zu kopieren, und dann zu sagen, jetzt machen wir daraus kontinuierliche Leistungssteigerung, das ist ein Problem.

t-online.de: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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