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Pisa-Studie: Brauchen unsere Kinder wirklich Pisa?

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Pisa-Studie  

Brauchen unsere Kinder wirklich Pisa?

03.12.2013, 12:01 Uhr | cst, mmh, t-online.de

Pisa-Studie: Brauchen unsere Kinder wirklich Pisa?. Beim  Pisa-Test 2012 landeten die deutschen Schüler wieder im Mittelfeld. (Quelle: dpa)

Beim Pisa-Test 2012 landeten die deutschen Schüler wieder im Mittelfeld. (Quelle: dpa)

Wie wollen wir unsere Kinder haben? Dass sie bei Tests gut abschneiden, schnell lernen, ihre Ausbildung früh beenden, damit sie möglichst schnell dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, und Deutschland in internationalen Vergleichen gut da steht? Oder wollen wir Kinder, die auch mal in Frage stellen, was in der Schule eigentlich gelehrt wird, die Zeit haben, ein Problem in Ruhe durchdenken, die lernen, wie man sich eine eigene Meinung bildet, diese formuliert und verteidigt? Die Frage, wie und was unsere Kinder lernen sollen, ist nicht neu, sie wird - seit Deutschland beim ersten Pisa-Test 2000 nur mittelmäßig abschnitt - in regelmäßigen Abständen gestellt. Und natürlich lässt sich die Frage auch nicht eindeutig beantworten. Gestellt werden muss sie trotzdem.

Auffällig ist, dass bei internationalen Vergleichen Schüler aus asiatischen Ländern wie Singapur, China, Korea oder Hongkong stets auf den vorderen Plätzen zu finden sind. Woran liegt das? Zum einen wird in asiatischen Ländern eine vollkommen andere Schul- und Lernkultur gelebt. Die Gruppe und ihr gutes Gesamtabschneiden stehen im Vordergrund, der Einzelne zählt wenig. Im "Spiegel" äußert sich Maike Vollstedt dazu, die über die Mathe-Ausbildung an Schulen in Deutschland und Hongkong promoviert hat: Es gebe hauptsächlich lehrerzentrierten Frontalunterricht, mündliche Mitarbeit fließe kaum in die Bewertung ein, was zählt, sind die Ergebnisse der Klausuren.

Noch mehr "aus allen Kindern herausholen"

Zum anderen ist Bildung allen wichtig. Das mag banal klingen, ist aber ein Schlüssel des Erfolgs. Für ein gutes Abschneiden in der Schule setzt sich oft die ganze Familie ein, auch finanziell, wie der Filmemacher Erwin Wagenhofer in seinem Dokumentarfilm "Alphabet" eindrucksvoll zeigen konnte. Für Prüfungsvorbereitung und Nachhilfe wird in China viel gezahlt - Hausaufgaben sind dort inzwischen ein Wirtschaftsfaktor. Wagenbach begleitete für seinen Film den Pisa-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, der sich begeistert durch eine chinesische Eliteschule führen lässt, die die Schulzeit um zwei weitere Jahre verkürzt, um noch mehr "aus allen Kindern herauszuholen". Natürlich gebe es auch Negatives daran, so räumt der deutsche Bildungsexperte ein, der weltweit unterwegs ist, aber hier gehe der Leistungsdruck doch auch mit jeder nur denkbaren Unterstützung einher. "Hier sieht man, wo die Reise hingeht."

Wenn aus Halt Kontrolle wird

Die Kehrseite des Leistungsdrucks: Der chinesischen Junge, der im Schulbus vor Müdigkeit fast umkippt, während dessen Oma stolz den Stapel Urkunden und Medaillen für beste Leistungen im Sport und bei der Mathematik-Olympiade zeigt. "In China beschreiben wir Kinder als Drachen, denen Eltern und Schulen Halt geben", philosophiert der Pädagoge Yang Dongping, "aber zu oft ist es Kontrolle", bedauert er. Der Universitätsprofessor ist unglücklich über die Leistungsoptimierung und den neuen Konkurrenzkampf in Chinas Schulen, der in der Mathematik-Olympiade gipfelt. Meinung ist nicht erwünscht, Kreativität kommt zu kurz, Dinge werden nicht hinterfragt in diesem System. Es gibt nur standardisiertes, kontrolliertes Denken.

Aber was wird aus den hervorragenden Schülern, wenn sie nach der Schule an die Universität und ins Berufsleben wechseln? Im Arbeitsleben gibt es keine genormten Fragen und Anforderungen, für die man sich durch Pauken vorbereiten kann. Der emeritierte Mathematikprofessor Peter Deuflhard arbeitet in Peking. Dem "Spiegel" sagte er: "In meinen ersten Vorlesungen in China habe ich die Studenten immer am Ende gefragt, ob es Anregungen oder Fragen gibt. Niemand habe sich getraut, etwas zu sagen. Ein offenes Gespräch von Student zu Professor oder vom Angestellten zum Chef - das sei in China schwierig. In diesem Punkt ist Asien wohl ganz anders als der Westen."

Messen, Zählen, Wiegen

Ist es wirklich nötig, das Lernverhalten und die Lernergebnisse von Schülern weltweit zu vergleichen? Der ehemalige Personalvorstand der Telekom, Thomas Sattelberger, sagt dazu: "Wie alles in der Welt, ist vieles gut, wenn es nicht zum Exzess gemacht wird, und das Thema Pisa hat doch im guten Sinne bei uns eine Nachdenklichkeit ausgelöst darüber, warum andere im Ergebnis erfolgreicher sind als wir. Es wird dann problematisch, wenn man aus dem Messen, Zählen, Wiegen heraus nur kopiert, was andere machen und vergisst, dass Sozialisation, Kultur und Bildung ganz intensiv an historische Hintergründe geknüpft sind. Damit spiegeln sie ganz besondere Realitäten einer Bevölkerung, eines Volkes, eines Landes wider. Wenn dann aus dem Thema Pisa auch noch ein Wettbewerb entsteht, 'höher, schneller, weiter, mehr', dann haben sie einen Hamster im Rad. Dieses Sich-Vergleichen ist ja an sich nichts Schlechtes, sich im Exzess zu vergleichen und blind zu kopieren, und dann zu sagen, jetzt machen wir daraus kontinuierliche Leistungssteigerung, das ist ein Problem."

Deutsche Schüler schneiden nicht gleichmäßig ab

Schon innerhalb Deutschlands schneiden Schüler bei Vergleichen keineswegs homogen ab. Immer wieder zeigt sich ein Nord-Süd-Gefälle, wobei die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg traditionell die schlechtesten Ergebnisse erzielen. Süddeutsche Schüler sind ihren norddeutschen Kollegen bis zu anderthalb Jahre im Schulstoff voraus. Betreibt man Ursachenforschung, kristallisiert sich immer wieder heraus, dass in Deutschland, viel mehr als in anderen Ländern, der Bildungserfolg der Kinder vom Elternhaus abhängig ist. Die Erkenntnis ist keineswegs neu, und wird mit jeder Vergleichsstudie wieder nachgewiesen.

Das Geheimnis der ostdeutschen Schüler in Mathe

Auch beim letzten innerdeutschen Schulvergleich, bei dem die mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen von Neuntklässlern untersucht wurden, war die Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft ein Hauptergebnis. Zudem zeigte sich, dass die ostdeutschen Bundesländer deutlich besser abschnitten als die westdeutschen - mehr Unterrichtsstunden und besser ausgebildete Lehrer hatten nachweislich bei den ostdeutschen Schülern zu besseren Ergebnissen geführt. Der Schulforscher Hans Anand Pant verwies darauf, dass Mathematik und Naturwissenschaften in der Schulen der ehemaligen DDR mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht worden sei. Auch heute noch würden an den ostdeutschen Schulen in diesen Fächern mehr Unterrichtsstunden erteilt als im Westen. Der Großteil der heute in den neuen Ländern unterrichtenden Mathelehrer ist noch zu DDR-Zeiten ausgebildet worden. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Stephan Dorgerloh (SPD), kündigte daraufhin eine bessere Zusammenarbeit der Bundesländer bei der Lehrerausbildung an.

Wie bei den asiatischen Schülern zeigt sich: wer mehr Matheunterricht erhält, schreibt bessere Noten. Das ist jedoch keine bahnbrechende Erkenntnis, bestimmt würde jedes Fach, das man "mit besonderer Aufmerksamkeit bedenkt" zu besseren Ergebnissen führen. Wir brauchen aber ausgewogen ausgebildete Kinder. Dass man am deutschen Schulsystem viel verbessern kann, steht außer Frage. Ob es dafür wirklich notwendig ist, auf internationale Vergleiche zu schielen, schon weniger. Vielleicht sollten alle noch einmal überlegen, was für unsere Kinder wirklich wichtig ist.

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