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Jutta Allmendinger im Interview: Das muss sich ändern

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Jutta Allmendinger im Interview  

Wie das Bildungssystem endlich unseren Kindern gerecht wird

23.12.2013, 17:33 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Jutta Allmendinger im Interview: Das muss sich ändern. Soziologin Jutta Allmendinger bemängelt die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. (Quelle: David Ausserhofer)

Soziologin Jutta Allmendinger bemängelt die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. (Quelle: David Ausserhofer)

Chancengleichheit Fehlanzeige! Zu dieser ernüchternden Erkenntnis über das deutsche Bildungssystem kommt die renommierte Soziologin und Vorsitzende des "Wissenschaftszentrum Berlin" Jutta Allmendinger in ihrem neuesten Buch "Schulaufgaben - wie wir das Bildungssystem verändern müssen, um unseren Kindern gerecht zu werden". In der Streitschrift geht die Expertin auf knapp dreihundert Seiten mit den pädagogischen Strukturen und Prinzipien hart ins Gericht.

Das kritische Fazit von Jutta Allmendinger: Ein Schulsystem, welches Kinder nach sozialer Herkunft gruppiert, Begabungen ignoriert und nicht wenige Jugendliche in eine perspektivlose Zukunft entlässt, bedarf dringend einer grundlegenden und umfassenden Reformierung. Im Interview mit der Elternredaktion von t-online.de erklärt die Autorin, was schief läuft in deutschen Klassenzimmern, warum Probleme nur halbherzig angegangen werden und welche Maßnahmen nötig wären, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen und unser Bildungssystem aus der Sackgasse zu führen.

Was läuft in unserem Schulsystem falsch? Was kritisieren Sie am meisten?

Allmendinger: Kinder werden zu früh und auf Dauer nach unterschiedlichen Schulformen getrennt. Wir entziehen ihnen so Möglichkeiten, voneinander und miteinander zu lernen. Wir schotten die verschiedenen sozialen Kreise voneinander ab und wundern uns dann, dass sie immer weiter auseinanderdriften und die Ungleichheit in Deutschland zunimmt.

Wo liegen die Gründe dafür? Warum haben Kinder hierzulande in der Schule häufig nicht dieselben Chancen?

Mehr als in allen weit entwickelten Ländern bleibt in Deutschland der Bildungsweg eines Kindes abhängig von der sozialen Herkunft. Bei der Geburt eines Kindes lässt sich schon ziemlich genau vorhersagen, wie weit er oder sie es im weiteren Leben bringen wird. Eine Mobilität gibt es praktisch nur in eine Richtung: von oben nach unten, nicht aber von unten nach oben. 

Wie kann das System auch nach oben durchlässiger werden und auch leistungsschwächere Kinder aus nichtprivilegierten Elternhäusern "mitnehmen"?

Durch frühe Förderung, auch sprachliche Förderung. Und durch eine intensive Betreuung von Kindern, die zu Hause keine so starke Unterstützung bekommen haben. Je früher wir hier ansetzen, umso größer sind die Erfolge. Wir müssen die Übergänge zwischen den Bildungseinrichtungen, wie die von der Primarschule zur weiterführenden Schule, besser gestalten – und Kinder sollten viel später auf unterschiedliche Schulformen verteilt werden als heute.

Warum trauen sich die Verantwortlichen nicht, das heiße Eisen "ungerechtes Bildungssystem" anzupacken, obwohl die Probleme seit Jahren bekannt sind?

Bildungsarmut hat keine Lobby. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war der Unterschied in der Wahlbeteiligung nach Bildung und sozialem Status so hoch wie bei der letzten Bundestagswahl. Gut gestellte Eltern wollen außerdem die Privilegien ihrer Kinder sichern. Sie sträuben sich oft, ihre Kinder gemeinsam mit sozial schlechter gestellten Kindern unterrichten zu lassen. Von dieser Seite kommen nur verbale Willensbekundungen, aber keine konkreten Handlungen. Es wird sich nur dann etwas ändern, wenn wir uns alle verantwortlich fühlen. Es gibt viele Beispiele, die uns zeigen, wie und warum Schule gelingen kann, man denke nur an die Schulen, die mit dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet wurden. Was dort mit Erfolg erprobt wurde, müssen wir endlich übertragen auf die Schule insgesamt.

Inwieweit ist die föderale Schulpolitik mitverantwortlich für das mittelmäßige Abschneiden unserer Kinder in internationalen Vergleichsstudien?

Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern und die Schuldenbremse stellen gerade ärmere Bundesländer vor fast unlösbare Aufgaben. So finden sich in den Stadtstaaten sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund, die eine wesentlich intensivere Sprachschulung als andere Kinder brauchen. Das ist zunächst teuer, zahlt sich aber mittelfristig aus, da diese Kinder später in bessere Jobs kommen können und weniger auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Deshalb sollte der Bund hier helfend eingreifen können durch zusätzliche Mittel. Die Unterschiede in den Bildungssystemen der Bundesländer haben aber auch den Nachteil, dass sie die regionale Mobilität bremsen können.

Sollten Sitzenbleiben und Hausaufgaben ein Relikt der Vergangenheit sein?

Die Forschung zeigt, dass Hausaufgaben nur dann helfen, wenn die Arbeiten inhaltlich kommentiert und besprochen werden. Dies tun viele Eltern, die selbst über eine entsprechende Bildung verfügen. Die meisten Lehrer haben dafür schlicht keine Zeit. Damit haben Hausaufgaben aber eine sozial selektive Wirkung und unterstützen nicht jene, die Hilfe am meisten brauchen. Die Wiederholung einer Klasse hilft ebenfalls nur in Einzelfällen, kostet dagegen viel Geld und Zeit. Statt Sitzenbleiben und Hausaufgaben brauchen wir Ganztagsschulen mit guten Curricula und eine differenzierte Förderung aller Talente.

Welche Rolle spielen die Pädagogen dabei? Inwieweit müsste sich ihre Ausbildung an die neuen Bedingungen anpassen?

Die pädagogische Lehrerausbildung muss verbessert werden - für alle Altersstufen. Dies ist die Voraussetzung für gute Kindertagesstätten, Ganztagsschulen und ein gemeinsames Lernen der Kinder. Es muss eine Pädagogik der Vielfalt eingeübt werden. Wir wollen ja keinen Einheitsbrei, sondern eine auf die individuellen Fähigkeiten des Kindes ausgerichtete, maßgeschneiderte Förderung. Davon profitieren alle Kinder und alle Eltern.

Wie könnte eine Umstrukturierung des Schulsystems am besten finanziert werden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Zunächst eine Umverteilung von Geldern innerhalb des Systems: Wir geben in Deutschland für Kinder in der Sekundarstufe II mehr aus als für Kinder in der Grundschule. Das müssen wir umdrehen. Eine frühe Förderung bringt viel mehr. Zweitens sollten wir mehr Lehrkräfte im Brennpunktschulen konzentrieren, zu Lasten von Schulen in reicheren Stadtteilen. Drittens sollten wir Ressorts und Akteure im Bindungssystem besser miteinander verbinden, das spart Geld. Letztlich wird aber der Bund auch einige Schulen mitfinanzieren.

Gibt es woanders ein Schulsystem, an dem sich die Bildungspolitiker hierzulande orientieren könnten?

Wir können viel von den Erfahrungen anderer Länder lernen. Deutschland ist ja eine große Ausnahme, nicht die Länder, von denen wir so oft reden. In den skandinavischen Ländern zum Beispiel werden Kinder bis zum Alter von 16 Jahren zusammen unterrichtet. Danach wählen die Jugendlichen eine berufliche Ausbildung oder hängen noch zwei bis drei weitere Schuljahre an. Was bei uns oft übersehen wird: In diesen Ländern gibt es sehr viel weniger leistungsschwache Schüler, aber auch viel mehr sehr leistungsstarke Schüler als in Deutschland. Es ist ein Märchen, dass Förderung der Schwächeren die Stärkeren benachteiligt. Das sehen wir auch vor unserer eigenen Haustür. In Deutschland machen uns immer mehr Modellschulen vor, wie es geht. Da braucht der Blick erst gar nicht in die Ferne schweifen.

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