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Verkehrserziehung: "Susi ist tot" - Stuntshow als Verkehrserziehung

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Kinder auf dem Fahrrad  

"Susi ist tot" - Stuntshow als Verkehrserziehung

02.01.2014, 13:56 Uhr | Margret Hucko, Spiegel Online

Verkehrserziehung: "Susi ist tot" - Stuntshow als Verkehrserziehung. Stuntman Mario Eichendorf riskiert immer wieder Zusammenstöße mit Autos - um Kindern die Gefahren im Verkehr vor Augen zu führen. (Quelle: Stunt- & Fun Concept Germany)

Stuntman Mario Eichendorf riskiert immer wieder Zusammenstöße mit Autos - um Kindern die Gefahren im Verkehr vor Augen zu führen. (Quelle: Stunt- & Fun Concept Germany)

Früher kam der Verkehrskasper in die Schule, heute darf es gerne ein Stuntman sein. Mario Eichendorf fliegt mit Fahrrädern über Autos, damit Kinder beim Radeln Helme tragen. Und Action, bitte!

"Susi ist tot", sagt Justin mit belegter Stimme. Er schnappt nach frischer Winterluft. Mit aufgerissenen Augen sucht der Grundschüler den Boden ab, nimmt seine Hand an den Kopf und zieht seine Strickmütze noch ein Stück tiefer ins Gesicht. Als könnten die weichen Maschen die Kinderseele schützen. Justin, neun Jahre alt, ist soeben Zeuge eines schweren Zusammenpralls geworden. Vor der Grundschule in Dorf Mecklenburg in der Nähe von Wismar knallte der Radfahrer Mario Eichendorf mit dem Kleinkind Susi auf dem Gepäckträger in einen roten Lada Baltic. Mit Tempo 50 war der Wagen plötzlich aus einer Seitenstraße herausgezogen.

Susis lange blonde Haare kleben auf dem Asphalt. Es fließt kein Blut, aber ihr Körper hängt merkwürdig verdreht über einem Fahrradsitz. Neben ihr liegt ein Mann. Reglos. Er trägt ein kariertes Hemd, schwarze Hose, Fahrradhelm. Arme und Beine streckt er wie ein Käfer von sich.

Stuntman riskiert Kopf und Kragen für Kinder

"21, 22, 23", zählt Mario Eichendorf lautlos, den Kopf immer noch auf dem Boden. Dann legt er wie ein Duracell-Häschen los, springt auf. Ein kleines Wunder. Eine Wiederauferstehung in Sekundenschnelle. Eben noch flog er spektakulär über die Motorhaube des Ladas. Kopf zuerst, Schulter und Rücken rollten über das kalte Blech. Alles nur Show. Mario Eichendorf ist Stuntman von Beruf. Ausbildung zum Tischler, Judo als Hobby, die Action-Schauspielerei brachte sich der Familienvater selbst bei. In der DDR kaufte er von der Hochschule Degen, trat als Musketier in Kampfshows auf, heute arbeitet er für Piratenspektakel und als Double im Fernsehen. Seit Jahren setzt er sich für die Verkehrserziehung von Kindern ein. Dafür hält Eichendorf seine Knochen hin.

"Der Kopf ist voll auf den Boden geknallt"

Die Kinder der Grundschule Dorf Mecklenburg reden, hüpfen, verharren. Aufgeregt, entsetzt, erleichtert. Ein bunter Mix an Gefühlen - so vielfältig und überraschend wie die Bestandteile einer Asia-Gewürzmischung. Der 52-Jährige greift zum Mikrofon. "Unsere Spielzeugpuppe Susi", erklärt Eichendorf mit rauer Stimme, "stellt ein typisches Kleinkind dar." Mit Fahrradhelm wäre sie ins Krankenhaus gekommen, hätte Prellungen gehabt und Knochenbrüche, erzählt er den Kindern. "Knochen heilen wieder." Doch Susi trug keinen Helm. Bei einem realen Unfall wäre das Mädchen ums Leben gekommen. Eichendorf verschweigt die harte Wahrheit. Aber die Kinder wissen es auch so. "Der Kopf ist voll auf den Boden geknallt", rekonstruiert Justin den Unfall mit der Puppe.

Eichendorfs Auftritt an diesem kalten Dezembertag verfolgt einen höheren Sinn: Er will die Kinder erziehen, Fahrradhelm zu tragen. "Die müssen schon mal schockiert werden, damit sie wissen, worum es geht", sagt auch eine Lehrerin mit kurzen roten Haaren. Erst heute sei ein Mädchen aus der vierten Klasse ohne Helm und ohne Licht aus dem Nachbardorf zur Schule geradelt - bei dichtem Nebel. "Die wird das nie mehr machen", glaubt Schuldirektor Uwe Reuer, der den Einsatz von Eichendorf lobt.

Stuntman zertrümmert mit Ellbogen die Scheibe

Der Stuntman nimmt erneut Anlauf mit einem alten Herrenrad. Einige Kinder schreien, die älteren klatschen und feuern Eichendorf an. Zwei Mädchen mit pinkfarbenen Mützen gehen zwei Schritte zurück. Magdalena, braune Haare, braune Augen, gesteht ihrer Freundin, dass sie sich fürchtet. Eichendorf hat angekündigt, frontal in den Lada zu krachen. "Gleich geht die Scheibe kaputt. Bitte nicht", fleht Magdalena und kuschelt sich an ihre Schulkameradin. Sie presst ihre Hände auf die Ohren.

Eichendorf strampelt entspannt auf das Fahrzeug zu. Kurz bevor er in die Windschutzscheibe fliegt, stehen die Pedale waagerecht. Er drückt sich ab. Wie ein menschliches Knäuel landet er auf der Haube. Wo sind die Arme? Der Kopf? Die Beine? Alles geht viel zu schnell fürs menschliche Auge. Später verrät der Stuntman, dass er mit dem Ellbogen das Frontglas zertrümmert hat.

Kopfverletzungen bei jedem vierten Fahrradunfall

Jeder weiß, dass es besser ist, einen Fahrradhelm zu tragen. Doch das Wissen schützt vor Leichtsinn nicht. Nach Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft erleiden Radfahrer bei 26 Prozent aller schweren Unfälle Verletzungen am Kopf. Nur Arme und Beine sind mit 37 und 30 Prozent noch häufiger betroffen. Anders als Arm- oder Beinbrüche enden Verletzungen am Kopf meist tödlich. Doch Fahrradverbände wehren sich gegen eine allgemeine Helmpflicht. Wird das Tragen zum Muss, drohe die Akzeptanz des Fahrrads zu schwinden, sorgen sie sich.

Auch Politiker üben aus diesem Grund nur mäßigen Druck aus. Denn in ihren Verkehrskonzepten der Zukunft spielt das Fahrrad eine tragende Rolle. Nur mit weniger Autos auf der Straße erreichen Großstädte die strengen Anforderungen der EU für saubere Luft. Deshalb hat auch die schwarz-rote Regierung in Berlin das Tragen eines Helmes nur vage in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. Man wolle darauf hinwirken, dass mehr Radler künftig Helm tragen, heißt es darin.

Jette aus der zweiten Klasse bekennt sich schon jetzt zum Kopfschutz. "Ich würde immer einen Fahrradhelm tragen", erklärt sie. Nicht etwa, weil Stuntman Mario sie überzeugt hätte. Mehr aus eigener Erfahrung: "Ich selbst bin beim Bergauffahren schon einmal gestürzt. Aber das war gar nicht schlimm", erzählt sie. Dank Helm.

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