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Bildung: Massive Kritik am PISA-Regime

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OECD am Pranger  

Bildungsexperten attackieren die "PISA-Mafia"

16.05.2014, 10:31 Uhr | Maria M. Held, t-online.de

Bildung: Massive Kritik am PISA-Regime. Seit der PISA-Studie  gibt es immer mehr Tests an Schulen.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Seit der PISA-Studie gibt es immer mehr Tests an Schulen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Der Mann, der seit 13 Jahren Panik unter Eltern, Lehrern und Schülern verbreitet, steht nun selbst massiv in der Kritik. Bildungsexperten aus aller Welt haben dem PISA-Erfinder Andreas Schleicher einen offenen Brief geschrieben. Die Hauptkritik: Die Bildungstests der OECD seien wissenschaftlich fragwürdig und gefährlich für Kinder und Bildung. Erstunterzeichner Andreas Gruschka spricht sogar von der "PISA-Mafia" und einem nicht-kontrollierten Macht-Kartell.

Der PISA-Schock und seine Folgen

Der PISA-Schock setzte im Jahr 2000 ein und hatte massive Auswirkungen: Er setzte Reformen in Gang und definierte den Begriff Bildung neu.

Ausgelöst hat ihn Andreas Schleicher, Erfinder und Chef des OECD-Programms "PISA", dem Programm für International Student Assessment. Es ging ihm darum, Leistungen von Schülern und Schulen international vergleichbar zu machen. Deshalb werden also alle drei Jahre in Schulen von 15-Jährigen fleißig Fragen zu Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen im PISA-Test beantwortet bei der OECD ausgewertet. Danach liegen Ranglisten vor, denen immer ein Aufschrei und aufgeregte Ursachen-Suche folgen, wenn der PISA-Liebling Finnland nicht mehr Top ist, die Chinesen alle überholen und Deutschland versagt.

UMFRAGE: PISA
Beeinflussen die Pisa-Rankings Bildung und Schule negativ?

OECD als globaler Bildungsschiedsrichter

Hektisch wird dann nach Reformen gesucht und Panik gemacht. "Bildungskatastrophe" oder "PISA-Schock" heißen die Schlagworte. Entwicklungsländer und Industrienationen werden über einen Kamm geschert, was der OECD den Vorwurf des Bildungskolonialismus einbringt, der Organisation, die laut Kritiker "zum globalen Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung in der ganzen Welt werden konnte".

Jetzt hat sich der Pädagogik-Professor Heinz-Dieter Meyer den PISA-Frust von der Seele geschrieben. Der Deutsche lehrt an der State University of New York und äußert sich in einem offenen Brief, den mittlerweile 1400 Menschen aus aller Welt unterzeichnet haben, "tief besorgt über die negativen Folgen der PISA-Rankings". Meyer und seine Mitstreiter fordern, den PISA-Zyklus auszusetzen und eine Besinnungspause einzulegen.

Das gefährliche PISA-Regime

Meyers Kritik gipfelt in diesem Satz: "Das neue PISA-Regime mit seinen kontinuierlichen globalen Testzyklen schadet unseren Kindern und macht unsere Klassenzimmer bildungsärmer durch gehäufte Anwendung von Multiple-Choice-Testbatterien, vorgefertigten (und von Privatfirmen konzipierten) Unterrichtsmodulen, während sich die Autonomie unserer Lehrer weiter verringert. Auf diese Weise hat PISA den ohnehin schon hohen Grad an Stress an unseren Schulen weiter erhöht und gefährdet das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern." "Undemokratisch", "fragwürdig", "nicht transparent", das sind massive Vorwürfe. Darum bezeichnet Meyer die Tests als Regime: "Diese Entwicklungen stehen in offenem Widerspruch zu weithin bekannten Prinzipien guter Bildungspolitik und demokratischer Praxis.“  

Meyer fasst die schon lange schwelende Kritik an der Erhebung zusammen. Die Test gelten als ungenau, der Zyklus von drei Jahren provoziere kurzfristige Aktionen, es werde nur Messbares erhoben, was den Focus verschiebe, was Bildung überhaupt umfasse, weg von der moralischen, künstlerischen, staatsbürgerlichen Entwicklung. "Dadurch wird die öffentliche Vorstellung von dem, was Bildung ist und sein soll, in gefährlicher Weise verengt."

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Ventil für lange schwelende Kritik

Zu den Erstunterzeichnern gehört auch Andreas Gruschka. Professor für Erziehungswissenschaften an der Frankfurter Universität. Er sieht den Brief als Ventil, das jetzt viele aus dem akademischen Publikum nutzen, um ihre Kritik offiziell zu machen. Schleicher, den er als "oberlehrerhaft" bezeichnet, weise darin alle Schuld von sich.

Im Interview mit T-Online.de schlägt Gruschka in die selbe Kerbe wie der Autor des Briefes. Auslöser für den Brief und die immense Zahl der Unterzeichner war, so vermutet Gruschka, die "groteske Verlängerung" der PISA-Studien: "Wie steht es um die Alltagskompetenz von Schülern?". Bildungsexperten halten das Niveau des Konzepts und der entsprechenden Studien für sehr flach. Es fehle die Kompetenz zum problemlösenden Denken. Auswirkungen, die jetzt schon bei den heutigen Studenten zu beobachten seien. "Die PISA-Skala ist an Schlichtheit schwer zu überbieten", so Gruschka. Empiriker sind enttäuscht über den krassen Widerspruch zwischen der Berühmtheit der PISA-Rankings und dem, was man wirklich damit erreichen könnte. "Es ist, als ob sie beim Würfeln rausfinden wollten, ob etwas heiß oder kalt ist"

So baut das PISA-Kartell seine Macht aus

Für Gruschka (64) ist klar, die OECD will ihre Macht ausweiten. Bildung fungiere nur unter ökonomischer Anwendbarkeit. "Die PISA-Leute bilden ein Kartell". Laut Gruschka sitzen PISA-Verantwortliche in Positionen, die Gelder verteilen. "Wer ein Projekt zur Lehrerbildung beantragen will, sollte auf einer Linie mit PISA liegen, um Gelder zu erhalten", so seine Meinung. "Das gab es noch nie in Deutschland, dass eine so kleine Gruppe von Forschern mit Macht an so vielen Schaltstellen sitzt, mit einer so umfassenden politischen Macht und Einflussnahme ohne öffentlichen Diskurs und ohne Kontrolle. Eine unglaubliche Machtkumulation. Das ist atemberaubend."

Denn, was viele nicht wissen, die PISA-Macher sitzen oft in Kommissionen und Gremien, die genau die aus den PISA-Studien abgeleiteten Reformen genehmigen und umsetzen. Kritik, so der Frankfurter Experte, sei nicht erwünscht, denn sie werde als geschäftsschädigend empfunden. Dahinter stehen Hunderte von Menschen, deren Jobs davon abhängen, deren Interesse es sei, das "Produkt PISA" am Laufen zu halten. Man bestätige und zitiere sich gegenseitig und untermauere so seinen Einfluss und gaukele Konsens vor.

Vorläufer von PISA mit anderer Zielsetzung

Weitgehend unbekannt ist, dass das Vorläufer-Projekt von der UNESCO betrieben wurde. Der Ansatz war bis in die 70erJahre ein anderer, es ging um Alphabetisierung in aller Welt, um eine Parteinahme für Kinder. Heute, so kritisiert Gruschka, will der "Obertanker OECD eine neue Weltregierung". Ihr Geschäft ist es, "mit Bildungsforschung Politik zu machen unter ökonomischen Aspekten".

Machtfülle im Bereich Bildung

Glaubt man den Experten, hat die OECD unbemerkt und unkontrolliert eine ungeheure Machtfülle im Bereich Bildung angesammelt, ein Feld, das langfristig das gesamte Leben - Arbeitswelt, Chancengleichheit, Wertevorstellungen - bestimmt. Durch den von PISA stimulierten internationalen Wettlauf um Testergebnisse hat die OECD die Macht erhalten, weltweit Bildungspolitik zu bestimmen, ohne jede Debatte über die Notwendigkeit oder Begrenztheit der OECD-Ziele. "Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen und -kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden."  

Keine Transparenz der Millionenausgaben

Die Autoren des Briefs bieten nicht nur Kritik, sondern auch Ideen und Vorschläge an, um die gefährliche PISA-Macht zu entschärfen. Sie wünschen sich Alternativen zu Ranglisten, eine Partizipation aller relevanten Akteure - also neben den Statistikern, Psychometrikern und Ökonomen sollten auch Eltern, Pädagogen, Studenten, Schüler, Bildungsverwaltung, die gesamte Bandbreite von Organisationen, die sich mit Bildung, Gesundheit, Wohlbefinden und Glück von Schülern beschäftigen, einbezogen werden und die Durchführung unabhängig überwacht und beaufsichtigt werden. Sie fordern Kostentransparenz ein, denn nicht zuletzt ist PISA ein wirtschaftlicher Faktor: die Millionenausgaben von Steuergeldern in den Mitgliedsstaaten für die Durchführung seien jedoch nicht durchsichtig, einige Firmen profitierten davon.

Nein zu PISA - den "Open Letter to Andreas Schleicher" präsentiert die Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. unter bildung-wissen.eu/fachbeitraege/nein-zu-pisa-offener-brief-an-andreas-schleicher.html  Dort können Sie diesen Brief nachlesen und unterschreiben.

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