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Gymnasium darf behinderten Jungen Henri ablehnen

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Inklusion  

Land entscheidet: Gymnasium darf behinderten Jungen ablehnen

18.05.2014, 07:48 Uhr | dpa

Gymnasium darf behinderten Jungen Henri ablehnen. Viertklässler Henri

Viertklässler Henri. Henri wird nicht auf das Gymnasium wechseln. Foto: Uwe Anspach/Archiv (Quelle: dpa)

Der geistig behinderte Junge Henri darf nicht auf sein Wunsch-Gymnasium in Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) wechseln. Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) entschied, den Beschluss des Gymnasiums gegen die Aufnahme des Elfjährigen in die fünfte Klasse nicht aufzuheben.

Die Eltern hatten monatelang für die Aufnahme des Viertklässlers an dem Gymnasium gekämpft. Sie wollten, dass ihr Sohn nach den Sommerferien wie die meisten seiner Mitschüler dorthin wechseln darf - auch wenn er dem Unterricht geistig nicht folgen kann. Die Schule hatte ihre Ablehnung damit begründet, es gebe nicht die nötigen Rahmenbedingungen für den gemeinsamen Unterricht mit geistig Behinderten.

Entscheidung gegen das Wahlrecht der Eltern für eine Schule

Die Entscheidung des Ministers zur Schulwahl des Kindes mit Down-Syndrom war mit Spannung erwartet worden, weil Grün-Rot im Koalitionsvertrag versprochen hat, Eltern von behinderten Kindern ein Wahlrecht einzuräumen. Demnach sollen sie im Rahmen der Inklusion nach Beratung selbst entscheiden können, ob ihr Kind eine Sonderschule oder eine reguläre Schule besucht.

UMFRAGE
Wird in Deutschland genug für die Inklusion von Behinderten unternommen?

Der Fall hatte bundesweit Aufsehen erregt, weil die Umsetzung der sogenannten Inklusion Behinderter - unter anderem die Integration an Regelschulen - auch andernorts nicht problemfrei läuft. Deutschland hat sich aber zur Inklusion verpflichtet.

Ist Henri ein Einzelfall?

Stoch hatte unlängst davor gewarnt, aus dem Wunsch der Familie von Henri einen symbolischen Fall zu machen. Von diesem Einzelschicksal hänge nicht ab, ob die Integration von behinderten Schülern an Regelschulen gelinge. Immerhin gebe es landesweit bereits 400 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Gymnasien.

Inzwischen hat auch eine zweite weiterführende Schule Henri abgelehnt.

Die Entscheidung von Kultusminister Stoch ist hoch politisch, weil die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg im Koalitionsvertrag versprochen hat, Eltern von behinderten Kindern ein Wahlrecht einzuräumen.

Politisch brisant: Fokus auf das Gelingen von Inklusion

Der Fall zeigt, wie viele offene Fragen der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern in der Praxis aufwirft. Das Thema Inklusion haben alle Länder auf der Agenda. Doch bei den Feinheiten hakt es. Die Inklusion körperlich behinderter Kinder ist an vielen Gymnasien längst Normalität, auch an der Wunschschule von Henris Eltern. Doch im Walldorfer Fall geht es um einen geistig Behinderten, der wohl nie Abitur machen könnte. Mutter Ehrhardt weiß das, aber darum geht es ihr nicht. "Wir möchten einfach unsere inklusive Klasse fortsetzen, hier am Ort", sagt sie.

Doch einfach schien nichts in den vergangen Wochen. Und auch nach der Entscheidung des Kultusministeriums ist unklar, wie es mit Henri weitergeht. Der einzige Kompromiss war für Ehrhardt bislang die Realschule im selben Schulzentrum, doch die entschied sich ebenfalls gegen ihren Sohn. Und auch hier möchte das Kultusministerium nicht auf Zwang setzen. Inklusion um jeden Preis soll es auch nicht sein.

Gradmesser für Schulen und Gesellschaft

Das Thema ist bundesweit ein Aufreger - für beide Seiten. Viele Unterstützer von Henris Eltern werfen Skeptikern Behindertenfeindlichkeit vor und dem Walldorfer Gymnasium Dünkel. Eine Petition für den Gymnasialbesuch des Jungen hat mehr als 25.000 Unterstützer. Die Gegenpetition bringt es auf immerhin gut 3700. Hier heißt es: "Henri sollte für sein und das Wohl aller nicht auf das Gymnasium gehen." Viele sehen in dem Fall einen Gradmesser, wie weit die Gesellschaft in Sachen Inklusion schon ist.

"Debatte ist enttäuschend verlaufen"

Nicht sehr weit, findet Henris Grundschulleiter Werner Sauer. "Was mich gestört hat ist, dass Leute zu Wort kommen, die gar nichts von der Sache verstehen", sagt er. "Es wurde gleich schweres Geschütz aufgefahren. Da sind Gräben aufgerissen worden." Die Debatte sei sehr enttäuschend verlaufen.

"Es ist eine ganz scheinheilige Diskussion: Man möchte Inklusion, aber man schafft nicht die Voraussetzungen dafür." Es seien viele Vorurteile hochgekommen, etwa, dass behinderte Kinder den Unterricht aufhielten und leistungsstärkere Schüler ausbremsten, sagt Sauer. Der Zugewinn an Sozialkompetenz für die Kinder sei kaum Thema gewesen. Sauer ärgert sich, dass er vier Jahre lang Vorarbeit geleistet hat und jetzt keine Lösung für Henri in Sicht ist. "Es kann nicht nach der Grundschule einfach zu Ende sein."

Das Walldorfer Gymnasium ist seit Wochen in der Defensive. Nach der Entscheidung ist die Vorsitzende des Elternbeirats erleichtert. Die Anfeindungen gegen die Schule seien nur schwer zu ertragen und sehr verletzend gewesen. Momentan sei das Gymnasium einfach noch nicht dafür ausgestattet, ein Kind mit einem anderen Bildungsziel als dem Abitur zu unterrichten, sagt Regina Roll. In einigen Jahren sehe das sicher ganz anders aus.

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