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Ex-Schulleiter: "Es wird Schulen zu viel reingequatscht"

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Ex-Schulleiter Ulrich Knoll im Interview  

"Die Schüler sind das geringste Problem"

29.09.2014, 17:12 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Ex-Schulleiter: "Es wird Schulen zu viel reingequatscht". Ex-Schulleiter Ulrich Knoll wünscht sich mehr Eigenständigkeit für deutsche Schulen. (Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

Ex-Schulleiter Ulrich Knoll wünscht sich mehr Eigenständigkeit für deutsche Schulen. (Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

Ulrich Knoll war viele Jahre Lehrer, danach Schulleiter. Heute schreibt der 64-jährige Pädagoge Bücher über seine Erfahrungen als Lehrer. Sein aktuelles Buch heißt "Schuljahr: Der ganz normale Wahnsinn". Mit Humor skizziert er den Mikrokosmos Schule und lässt seine Hauptfigur Knorr den einen oder anderen Kampf mit rechthaberischen Lehrern, schwierigen Eltern und einfältigen Bürokraten ausfechten. Sein Ziel: Schule gestalten und nicht nur verwalten. t-online.de hat sich mit Knoll über das deutsche Schulsystem unterhalten. Er ist überzeugt, dass die Schüler "das geringste Problem" sind.

t-online.de: Herr Knoll, Sie bezeichnen Ihr aktuellstes Buch als ihr persönlichstes. Was haben Herr Knorr und Herr Knoll denn miteinander gemeinsam? 

Ulrich Knoll: Die ersten drei Buchstaben. Nein, im Ernst, es ist eine Zusammenschau von über 20 Jahren Schulleitung und 20 Jahren als Lehrer. Das Buch ist fiktiv und natürlich übertrieben, aber es hat einen wahren, verdichteten Kern. Dabei geht es nicht um eine bestimmte Schule und auch nicht um ausgesuchte Kollegen. Auch wenn der ein oder andere trotzdem glaubt, sich wiederzuerkennen.

Sind die Szenen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, tatsächlich so übertrieben und absurd? Oder doch erschreckend viel näher an der Wirklichkeit als man vielleicht zugeben möchte?

UMFRAGE - LEHRER
Gerhard Schröder bezeichnete Lehrer einst als "faule Säcke". Teilen Sie diese Aufassung?

Das Lesen sollte Spaß machen. Aber ich wäre kein Pädagoge, wenn ich nicht gleichzeitig auch ein bisschen den Blick schärfen wollte für Toleranz. Denn hinter jeder ersten Wahrheit steckt immer eine zweite. Da entstehen gerade im Bereich Schule oft Irritationen. Manches ist anders als es auf den ersten Blick aussieht und vieles scheitert einfach an Systemzwängen.

Sie haben einiges an Kritik am Schulsystem ironisch verpackt. Welcher Punkt lag Ihnen dabei besonders am Herzen?

Jeder Schüler hat Talente, aber es sind nicht immer die, die in einem genormten System zutage kommen. Es gibt sehr viele Schüler, die andere Fähigkeiten haben als mathematisches oder sprachliches Talent und auf die sollten wir viel mehr eingehen, sie mehr fördern. Für ein Lernen der Zukunft braucht man eine gewisse Anerkennungskultur. Zum Beispiel im musischen und sportlichen Bereich. 

Hinzu kommt: In anderen Ländern können sich Lehrer und Schulleitungen viel mehr um pädagogische Aspekte kümmern. Wir aber stecken in einem System fest, in dem die Verwaltung und manchmal unsinnige Vorgaben viele Energien binden. Selbst sinnvolle Dinge wie Evaluationen bringen ja nichts, wenn später wieder kein Geld zur Verfügung gestellt wird, um die Erkenntnisse umzusetzen.

Ich finde, es wird zu viel reglementiert, einfach zu viel reingequatscht. Wenn eine Schule mehr Autonomie hat, ihre Entscheidungen selbst treffen kann, wenn sie ihre Lehrer selbst einstellen könnte und mehr investiert würde, dann könnte man sich auch mehr um die eigentlichen Aufgaben kümmern. Die ja immer komplexer werden, man denke nur an das Thema Inklusion.

Die Realschule am Europakanal in Erlangen, an der Sie lange Zeit Direktor waren, gilt als eine der erfolgreichsten Schulen überhaupt in Bayern. Unter anderem wurde der Deutsche Schulpreis für Unterrichtsqualität verliehen. Wie viele Ihrer eigenen Ideale konnten Sie umsetzen? 

Eine ganze Menge. Ich habe immer versucht, mich nicht zu verbiegen, authentisch zu bleiben und als Schulleiter im Rahmen meiner Möglichkeiten das Pädagogische zu betonen. Dazu gehört auf der einen Seite ein tolles Kollegium, das mitzieht. Dazu gehört aber auch, diesem Kollegium einen Freiraum zu lassen und Verantwortung zu übertragen, statt es dauernd zu "schulregeln".

Ein gutes Kollegium kommt nicht von irgendwo. Finden Sie nicht auch, dass bei einem Beruf, der so nah dran ist am Menschen, andere Fähigkeiten mehr zählen sollten als reines Wissen, das man vermitteln kann? Fähigkeiten, die an der Uni oft nach wie vor leider nur eine untergeordnete Rolle spielen?

Das Problem ist, dass wir den jungen Leuten nicht schon früher in ihrem Studium die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren. Und ich rede hier nicht von einem Praktikum, in dem der Student seine Zeit im Klassenzimmer absitzt. Ein rein intellektueller Typ, der sehr verkopft studiert, ist sicher nicht die geeignete Person für eine Klasse. Egal, ob er einen Schnitt von 1,0 hat oder nicht. Das allerdings stellt sich oft viel zu spät heraus.

Ein Grund mehr, wie ich finde, den Schulen stärker die Möglichkeit zu geben, sich ihr Personal selbst auszusuchen. Warum soll ich als Schule jemanden durchzerren, der zwar gute Noten hat, aber nicht in mein Profil passt? Gerade im Bereich Schule ist der "Human Factor" so wichtig. 

Wenn wir in Deutschland von Schule sprechen, dann sprechen wir von gefühlt tausend verschiedenen Systemen und Möglichkeiten. Je nach Bundesland können da gravierende Unterschiede sein. Wie denken Sie über diesen Föderalismus?

Ich hab es nie verstanden und festgestellt, dass es im Ausland auch nicht vermittelbar ist. Wir strukturieren unsere Schulen so, dass die Kinder Probleme bekommen, wenn eine Familie von einem Bundesland ins andere zieht. Grundsätzlich gilt: Unser Schulsystem bräuchte irgendwann auch einmal ein bisschen mehr Ruhe und Gelassenheit.  

Die Hauptfigur in ihrem Buch kritisiert immer wieder, dass "von oben" Dinge entschieden werden. Glauben Sie, dass die Rektoren der Schulen nicht mehr bewirken könnten, wenn sie gemeinsam gegen unsinnige Regelungen vorgehen würden, statt sich auf die ihnen eigene Weise irgendwie damit zu arrangieren?

Sie könnten schon. Das aber ist eine Zeit- und Kräftefrage. Dazu wäre es schon von Vorteil, sich nicht mit dem dauernden Formalkram rumplagen zu müssen. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich nicht mehr wie ein Schulleiter, sondern nur noch wie ein Verwalter fühlt. Oft bekommt das Kultusministerium Probleme vor Ort ja gar nicht mit, weil Schulleiter ihre Schule nicht schlecht dastehen lassen wollen und Probleme daher verschweigen.

Ein Kernbegriff, den ich aus dem angelsächsischen für mich übernommen habe, ist: "school is the heart of the community". Nötig wäre ein offenes System, in dem alle Beteiligten mehr aufeinander zugehen und voneinander, aber zum Beispiel auch von Älteren, profitieren. An unseren Schulen fehlt es zum Beispiel an Sozialpädagogen und Psychologen.

Mal ehrlich, Herr Knoll, mögen Sie engagierte Eltern?

Ich mag sie, aber ich muss auch sagen, dass manche schwierig sind. Zum Beispiel die Turbokapitalisten, die erwarten, dass nur ihr Kind mit seinen Leistungen und Fähigkeiten im Mittelpunkt steht. Oder aber auch die Problemfälle, die Schule für alles verantwortlich machen und mit Schuldzuweisungen kommen. Das kann auch nerven. Dabei können Eltern so viel einbringen, und hier rede ich nicht nur vom Kuchen für das Schulfest. Sie stellen den Kontakt nach außen dar, ihr Wissen kann, zum Beispiel im Rahmen von berufsbildenden Maßnahmen, genutzt werden.

Noch eine letzte Frage: Die Jugend von heute - ist sie wirklich so viel schlimmer als früher?

Nein, ganz sicher nicht. Ich sag Ihnen was: Die Schüler sind das geringste Problem. Natürlich gibt es Konfliktfälle, aber auch mit denen kann man reden und Lösungen finden. Junge Menschen arbeiten gerne mit authentischen, kompetenten und humorvollen Lehrern zusammen. Aber ich muss mich halt auch kümmern als Pädagoge. Und kümmern dürfen, statt zu ertrinken in organisatorischem Kram.

Das Interview führte Simone Blaß.

Buch: "Schuljahr. Der ganz normale Wahnsinn: Erlebnisse eines Schulleiters", von Ulrich Knoll. Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf.

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