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Konrad P. Liessmann im Interview: "Die Praxis der Unbildung"

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Konrad Paul Liessmann im Interview  

Bildung und Bildungsexperten: "Das schließt einander aus"

24.10.2014, 12:44 Uhr | t-online.de

Konrad P. Liessmann im Interview: "Die Praxis der Unbildung". Der Philosoph Konrad Paul Liessmann streitet gerne um Bildung.  (Quelle: t-online.de)

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann streitet gerne um Bildung. (Quelle: t-online.de)

Sogenannte Bildungsexperten, Medienschaffende, Politiker - alle fordern sie Reformen, wenn es um das Thema Bildung geht. Dabei wissen die meisten gar nicht, was Bildung eigentlich bedeutet, glaubt der österreichische Philosoph und Universitätsprofessor Konrad Paul Liessmann. Sein neues Buch "Geisterstunde - Die Praxis der Unbildung" ist eine Polemik, in der er scharfe Kritik am deutschen Bildungssystem übt - wie auch im Interview mit t-online.de.

t-online.de: "Geisterstunde" - was steckt hinter diesem Buchtitel? Warum beginnen Sie jedes Kapitel mit "Es ist gespenstisch"?

Konrad Paul Liessmann: Weil ich der Meinung bin, dass es im Bildungssystem Fehlentwicklungen gibt, die gespenstische Züge tragen. Diese Phänomene sind wie Geister, die auftauchen. Plötzlich kursieren Begriffe, die keiner mehr zu hinterfragen wagt: Inklusion, Individualisierung, Pisa, Bologna. Das Ganze wird dann in irgendeiner Schul-, Lehrplan- oder Studienreform umgesetzt und kurze Zeit später wieder revidiert. Das ist wie ein Spuk. Kaum ist es da, ist es schon wieder weg.

UMFRAGE - BILDUNG
Welche Schulnote würden Sie dem deutschen Bildungssystem geben?

Denken Sie an die Debatte in Deutschland um G8/G9. Was war das für ein Geschrei. Dann macht man das, verunsichert Eltern und Schüler und kommt nach zwei oder drei Jahren darauf, das war doch nicht so toll. Dann kehren die einen wieder zu G9 zurück, die anderen bleiben dabei, die dritten versuchen vielleicht etwas ganz anderes. Das ist nichts Wirkliches mehr, nur noch Oberfläche. Ein gespenstisches Phänomen.

Wo liegt denn der Fehler? Sind die falschen Leute am Werk?

Medien, Bildungsexperten, Bildungspolitiker haben ganz verschiedene Vorstellungen davon, was falsch läuft. Jeder fordert schnell eine Reform. Das heißt, die Analyse ist schon einmal sehr ungenau und unausgegoren. Das Zweite ist, wir tendieren dazu, anlassbezogene Reformen zu machen: Da ist irgendwo der Fall eines Kindes oder einer Problemschule und schon glauben wir, wir müssen gleich eine große Reform machen. Anstatt erst zu versuchen - was ja das Vernünftige ist - im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten zu schauen, kann ich das lösen oder nicht. Reformen sind immer teurer als mit den vorhandenen Mitteln etwas zu verbessern. Und drittens: Ich glaube, wir können vor allem im Bildungssektor eine Reformgetriebenheit beobachten. Jeder Bildungspolitiker glaubt versagt zu haben, wenn er nicht irgendeine Reform umgesetzt oder zumindest verkündet hat. Das führt dann zu Hektik und kontraproduktiven Entwicklungen.

Veränderung ja, aber wirklich wohl überlegt, gut begründet und vor allem verantwortungsvoll denen gegenüber, die sie dann durchführen und erleiden müssen. Bildungspolitiker treten zurück oder gehen in Pension, Bildungsexperten sitzen an Schreibtischen, die müssen nicht in die Schule, aber damit umgehen müssen dann die Schüler, Studenten, Lehrer und Professoren.

Was ist Bildung überhaupt? Welche Kulturtechniken brauchen wir?

Wir haben inzwischen den Bildungsbegriff dermaßen ausgeweitet, dass alles, was irgendwie mit Lernen oder mit Sozialisation zu tun hat, "Bildung" genannt wird. Natürlich muss man die Kulturtechniken beherrschen. Natürlich ändern sich diese Kulturtechniken auch, aber nicht von heute auf morgen und nicht jeden Tag: Schreiben, lesen, sich artikulieren können sind nach wie vor wichtig, ebenso Fremdsprachen und die Grundregeln der Mathematik. Das ist nicht Bildung, aber Bildung baut darauf auf. Bildung hat ja damit zu tun, was ich mir mit diesen Kulturtechniken an Wissen von der Welt und Wissen über mich aneignen kann.

Ich verstehe Bildung in einem wörtlichen und engen Sinn: nämlich die Formung, genauer Selbstformung des Menschen. Welche Persönlichkeit werde ich? Wie bin ich in der Welt? Welches Bild habe ich von der Welt? Was in diesen Bildungs- und Selbstbildungsprozess einfließt, welches Wissen und Kenntnisse, welche Fähigkeiten wir entwickeln, welche Talente entfaltet werden, welche Anregungen ich bekomme und aufgreifen kann - das sind die entscheidenden Bildungsfaktoren und Bildungserlebnisse. Das Dumme und zugleich Schöne ist, dass sich diese nicht organisieren, steuern und evaluieren lassen.

Schleicher, Hüther, Precht, Sie nennen die Bildungsexperten, die sie kritisieren, beim Namen.

Ich glaube nicht an die romantische, ideologische Vorstellung wie Gerald Hüther, dass alle Neugeborenen hochbegabt sind, denn dann verliert der Begriff der Hochbegabung jeden Sinn. Der besagt ja, dass es eine Differenz gibt zwischen dem Hochbegabten und dem Durchschnittlichen. Das beruhigt aber natürlich viele, die glauben, auch mein Kind ist hochbegabt und wenn nichts daraus wird, dann ist immer die Schule schuld. Es ist eine Legende, dass die fünfjährigen Kinder zu 80 Prozent kreativ und neugierig sind, dann in die Schule kommen und dort wird das alles systematisch zerstört. Solche Begriffe wie "Talentvernichtungsindustrie" halte ich für unangemessen und zutiefst ungerechtfertigt gegenüber den Lehrern, die sich tagtäglich unter zum Teil extrem schwierigen Bedingungen um diese Kinder kümmern.

Es mag immer negative Beispiele geben, aber man muss schon darauf achten, nicht aus jedem Einzelfall eine Regel zu machen. Das werfe ich diesen Bildungsexperten vor, die gerne mit generalisierenden Behauptungen Aufmerksamkeit erzeugen.

Könnte man den Pisa-Test einfach abschaffen? Könnte man einfach wieder zurück?

Natürlich könnte man auf Pisa verzichten. Pisa hat eine bestimmte Funktion gehabt. Und das war in manchen Bereichen vielleicht auch heilsam. Man muss die Tests aber nicht alle drei Jahre durchführen. Bildungssysteme haben nicht diese Geschwindigkeit, alle zehn Jahre einmal würde reichen. Pisa ist ja auch durch die Bildungsforschung selbst kritisiert worden, es gibt so viele Gütekriterien, die man an einen internationalen Vergleichstest stellen muss, die Pisa aber nicht erfüllt. Außerdem werden aus Pisa immer falsche Schlussfolgerungen gezogen. Nämlich: Pisa sei ein Test, in dem Schulsysteme, ja ganze Bildungssysteme getestet werden. Nein, Pisa ist ein Test, in dem getestet wird, wie ein bestimmter Typ Schüler Pisa-Aufgaben lösen kann. Das mag hin und wieder ganz interessant sein, aber als Dauerbeschäftigung ist das zu teuer und zu aufwändig.

Vor allem finde ich problematisch, dass Pisa dazu geführt hat, dass man Bildung auf diese drei Dimensionen reduziert, die in einer nochmals reduzierten Form von Pisa getestet werden: ein bestimmtes naturwissenschaftliches Wissen, eine bestimmte Form von Lesekompetenz, ein bestimmtes mathematisches Wissen und das war es dann. Erweiterte kommunikative Kompetenzen, sprachliche Ausdruckskraft, Fremdsprachenkenntnisse, historisches Wissen, kulturelles Verständnis -  das taucht ja bei Pisa alles nicht auf. Wenn ich Pisa zum Maßstab für Bildung mache, und alles darauf konzentriere, dass ich im nächsten Pisa-Test gut abschneide, dann werden alle anderen Dinge, die aber essenziell für Bildung sind, unwichtig.

Wie sollte man mit den Pisa-Tests also fortfahren?

Es gab ja vor kurzem einen internationalen Aufruf von Wissenschaftlern und Pädagogen, den Pisa-Test für eine gewisse Zeit auszusetzen. Der Aufruf wurde aber mehr oder weniger ignoriert. Er hat zwar in Fachkreisen für Aufsehen gesorgt, aber in der Bildungspolitik ist er nicht einmal beachtet worden. Das zeigt mir, wie mit Kritik umgegangen wird. Diese Pisa-Gemeinde ist eine abgeschlossene Welt, eine quasi-religiöse Gemeinde, da gehört man entweder dazu oder man ist Ketzer. Man diskutiert nicht mehr mit Kritikern, und das finde ich höchst fragwürdig, weil hinter Pisa ja angeblich wissenschaftliche Ansprüche stehen.

Ich glaube, dass man problemlos ein Moratorium durchführen könnte, also die Tests für eine gewisse Zeit aussetzen. Ein Überdenken, das den Bildungseinrichtungen Zeit gibt, sich zu beruhigen, zu überlegen, welche Bildungsinhalte wichtig sind, auch jenseits der Kompetenzen, die durch Pisa getestet werden - dann sind wir in fünf bis sieben Jahren vielleicht so weit, dass wir einen Test konstruieren können, der auch andere Maßstäbe beinhaltet. Das würde also niemandem schaden, aber viel nützen, vor allem viel Geld sparen. Die Pisa-Tests, die von privaten Test-Konsortien erstellt werden, sind ja ziemlich teuer.

Die Bildungsexperten - brauchen wir die überhaupt?

Wir brauchen keine Bildungsexperten - wir brauchen Bildung. Man könnte auch sagen, wir brauchen gebildete Bildungsexperten, aber das schließt einander offenbar aus.

Das Interview führte Maria Magdalena Held.

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