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Unterrichtsausfall: Streit um schöngerechnete Statistik

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Aufreger-Thema Unterrichtsausfall  

Eine Million Stunden fallen aus - pro Woche

16.02.2015, 15:59 Uhr | dpa

Unterrichtsausfall: Streit um schöngerechnete Statistik. Leere Klassenzimmer wegen Unterrichtsausfall - kein Einzelfall an deutschen Schulen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Leere Klassenzimmer wegen Unterrichtsausfall - kein Einzelfall an deutschen Schulen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Unterrichtsausfall ist der klassische Aufreger für Millionen Eltern. Bildungsverbände lasten den Ländern unvollständige Statistiken an, denn in den Ministerien werden die Ausfall-Stunden anders erfasst und gewichtet. Ein Streitfrage ist, was Vertretungsunterricht leisten muss.

In Brandenburg gab es in diesem Winter mehrere hundert Zeugnisse mit Leerstellen: An etwa 20 Schulen blieben Fächer wie Physik oder Biologie ohne Noten - wegen zahlreicher Unterrichtsausfälle. Ein Extremfall, dessen Wiederholung der Potsdamer Bildungsminister Günter Baaske (SPD) mit mehr Lehrerstellen verhindern will. Aber auch in Berlin ist die Debatte über ausgefallene oder ohne qualifizierten Fachunterricht vertretene Schulstunden im Gange. Dort ärgern sich Eltern und Verbände über angeblich schöngerechnete Statistiken.

Mehr Ehrlichkeit gefordert

Der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, verlangt von den Kultus- und Bildungsministerien der Länder mehr Ehrlichkeit: Es genüge nicht, nur die Stunden statistisch zu erfassen, die etwa wegen Erkrankung eines Lehrers ersatzlos gestrichen seien, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Die Ministerien wollen nur wissen: Wie oft wurden die Kinder heimgeschickt, wann war gar kein Lehrer in der Klasse?", kritisiert Meidinger. "Als Elternteil interessiert mich aber doch auch, ob eine Mathematikstunde gar nicht wirklich erteilt wurde, weil ein Kunstlehrer als Ersatz vor der Klasse stand, ob also gar kein Fachunterricht stattfand."

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Jede Woche fallen eine Million Stunden aus

Bei Schulstunden ohne Fachlehrer werde Unterrichtsausfall "tausendfach" verdeckt, so der Verbandschef. In Deutschland entfielen pro Woche knapp eine Million Stunden - gut acht Prozent des Unterrichts. Meidinger räumt ein, dass seine Zahlen auf Schätzungen beruhen, "die aber erheblich näher an der Realität sind als jede Statistik eines Ministeriums".

Zur Abhilfe verlangte Meidinger, selbst Leiter eines Gymnasiums im bayerischen Deggendorf, "mobile und integrierte Reserven" von Lehrern, um Stundenausfall abfedern zu können.

Länder haben eine andere Statistik

Die Länder hängen das Thema tiefer, und sie geben andere Statistiken heraus, wie eine dpa-Umfrage ergab. Überwiegend wird die Unterrichtsversorgung als einigermaßen gut bezeichnet - es werde viel für eine ausreichende Bereitstellung von Lehrern und auch für deren Gesundheitszustand getan. Die von den Bildungsbehörden genannten Ausfallquoten lagen - falls aktuell ermittelt - meist zwischen zwei und drei Prozent. Thüringen und Sachsen waren knapp darüber.

Mit klaren Worten positioniert sich der Sprecher des Mainzer Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle: "Die Hochrechnungen zum Unterrichtsausfall waren noch nie nachvollziehbar, weil noch nie - zumindest in den vergangenen 20 Jahren, die ich überblicke - jemand diese Angaben mit konkret erhobenen statistischen Daten untermauern konnte."

Was ist Unterrichtsausfall?

"Ist es vielleicht schon Unterrichtsausfall, wenn nicht der vorgesehene Fachlehrer in der Klasse anwesend ist, aber trotzdem Unterricht in dem Fach stattfindet?", fragt Karle mit ironischem Unterton. "Oder ist es Unterrichtsausfall, wenn der Fachlehrer fehlt, aber stattdessen Unterricht in einem anderen Fach oder Projektarbeit stattfindet?" Aus Sicht der Ministerien seien Zweifel an der Statistik unberechtigt: "Die Daten kommen direkt aus den Schulen und werden von der Schulaufsicht und vom Statistischen Landesamt zusammengefasst."

Ursache: "Mangel an Fachlehrernachwuchs"

Ursache für Stundenausfall sei "der Mangel an Fachlehrernachwuchs", sagt Karle, "zum anderen fällt Unterricht aus wegen Erkrankungen, Weiterbildungen von Lehrkräften, Klassenfahrten oder ähnlichen Auslösern." Selbst bei einem Vertretungslehrerpool oder mehr Geld zur Einstellung von Aushilfskräften lasse sich Unterrichtsausfall nie ganz vermeiden.

"Eltern können in der Realität diese Zahlen nicht nachvollziehen"

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses Berlin, Norman Heise, sieht beschwichtigende Aussagen seiner Bildungsbehörde ("2,1 Prozent der wöchentlich zu erteilenden Unterrichtsstunden ausgefallen") kritisch: "Eltern können in der Realität diese Zahlen nicht nachvollziehen. Ob getrickst wird, möchten wir nicht unterstellen. Wir beobachten jedoch, dass die Kriterien zur Erfassung von Ausfall und Vertretung nicht alle Formen von Ausfall und Vertretung berücksichtigen." Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bezweifelt, dass die offiziellen Zahlen realistisch sind, und fordert eine zehnprozentige "Vertretungsreserve" für Berlins Schulen.

Telefon-Hotline als Seismograf

In Niedersachsen gibt es eine Telefon-Hotline für Eltern. Sie sei "für das Kultusministerium eine Art Seismograf, um entsprechend reagieren zu können. Da hier schon seit vielen Monaten nur sehr vereinzelt Anrufe auflaufen, gehen wir nicht davon aus, dass momentan Unterricht in großem Stil ausfällt", sagte eine Sprecherin.

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