Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Schulkind >

"Hart aber fair" schweift bei Bildungs-Talk zu weit ab

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

"Hart aber fair"  

"Die Schule kann doch nicht noch Bankberater und Mieterverein sein"

05.05.2015, 12:38 Uhr | Tanja Zech, t-online.de

"Hart aber fair" schweift bei Bildungs-Talk zu weit ab. Unternehmer Florian Langenscheidt fordert bei "Hart aber fair" einen radikalen Umbau des Bildungsprogramms. (Quelle: dpa)

Unternehmer Florian Langenscheidt fordert bei "Hart aber fair" einen radikalen Umbau des Bildungsprogramms. (Quelle: dpa)

Zu viel Goethe und zu wenig Google - kommt praktisches Wissen in den Lehrplänen deutscher Schulen zu kurz? Das war gestern die Ausgangsfrage bei "Hart aber Fair". Gute Denkanstöße, aber zu weit vom Thema abgeschweift, lautet das Urteil für diese WDR-Talkrunde.

Lehrpläne und Didaktik, föderales Bildungssystem und Schulstress, Bewertung von Grundschülern, OECD und Pisa-Studie - Moderator Frank Plasberg stopfte zu viele Schulprobleme auf einmal in 75 Minuten Sendezeit.

Der Tweet, den die Schülerin Naina aus Köln im Januar absetzte, lieferte Plasberg die Steilvorlage für den Einstieg ins die Debatte: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann `ne Gedichtanalyse schreiben, in vier Sprachen."

UMFRAGE - BILDUNG
Welche Schulnote würden Sie dem deutschen Bildungssystem geben?

Um die Aussage zu untermauern, wurde eine Video-Umfrage vom dem Schulhof eines Gymnasiums eingespielt. Was sind Kaltmiete, Dispokredit, Steuererklärung? Die Schüler konnten es nicht erklären, hatten allenfalls eine vage Idee.

Ist damit der Beweis erbracht, dass deutsche Schulen Generationen von Alltags-Analphabeten unvorbereitet in die Lebenswirklichkeit entlassen? Darüber diskutierten zwei konservative Vertreter des Bildungssystems, zwei wortgewandte Journalisten und ein umtriebiger Unternehmer aus der Dynastie eines Lehrbuchverlags.

Miet- und Finanzberatung ist nicht Aufgabe der Schule

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, verteidigte die klassischen Bildungsinhalte. Wie man eine Versicherung oder einen Mietvertrag abschließt, könnten die Kinder zu Hause lernen, oder im Internet. "Es kann doch nicht die Aufgabe der Schule sein, auch noch Bankberater und Mieterverein zu sein." Schule solle leisten, was Eltern nicht leisten könnten, nämlich eine breite naturwissenschaftliche und kulturelle Bildung, auf der Schüler alles weitere aufbauen können.

"Das Weltwissen liegt doch im Internet"

Der bedächtige Bildungsbewahrer stieß auf forschen Unternehmergeist: Verleger Florian Langenscheidt forderte einen "radikalen Umbau" des Bildungsprogramms nach einer einfachen Formel: Ein Drittel das Schulstoffs rausnehmen - Inhalte, die sowieso schnell veralten - und praxisnahe Inhalte reinpacken, beispielsweise zum Umgang mit Geld.

Mit den heutigen Möglichkeiten könne Lernen interessanter, emotionaler und von Zeit und Ort losgelöst gestaltet werden. "Das geschieht in Deutschland zu wenig, da verspielen wir ein Stück Zukunft."

Darin steckten zwei gute Ansätze, die leider nicht in der Talkrunde vertieft wurden: Mit welchen Methoden können Lehrer trockenen Lernstoff beleben und mit dem Alltag verknüpfen, den Schülern vermitteln, was literarische Klassiker, mathematische Formeln und historische Ereignisse mit ihrem Leben zu tun haben?

Stattdessen verflachten die Argumente zu Polemik. "Wir treiben Kindern den Spaß am Lernen systematisch aus, indem wir immer noch den Nürnberger Trichter ansetzen", klagte Langenscheidt und bezog sich damit auf die Vorstellung, dass sich Wissen ohne großen Aufwand aneignen lässt. Dabei sei doch das gesamte Weltwissen im Internet vorhanden, sogar Goethe lasse sich mit Google doch viel besser erschließen.

Google ersetzt nicht den Wissensvermittler

Dabei ignoriert der Unternehmer, dass ein Trichter auch eine nützliche Funktion hat, nämlich die Flut der Informationen zu kanalisieren. Dass sich Schüler in Eigeninitiative das "Wissen der Welt" aneignen, ist eine naive Vision. Google kann den Wissensvermittler nicht ersetzen. Berechtigt ist jedoch die Kritik an der Didaktik des Eintrichterns. 

Moderatorin Barbara Eligman wand ein, dass schnell eingetrichtertes Schulwissen verpufft. Es sei traurig, dass Schüler jahrelang Französisch lernten, ohne einfachste Alltagssätze sprechen zu können. "In Frankreich im Café bestellen die dann 'one Coke, please'".

Nachhilfe-Kumpel im Internet

In der Weite des Internets können Schüler den Youtube-Kanal "MrWissen2go" entdecken. Moderator Mirko Drotschmann hat Geschichte studiert und als Redakteur und Reporter für die ZDF-Kindersendung "Logo" gearbeitet.  Im Internet tritt Drotschmann als Nachhilfe-Kumpel auf und verspricht, Themen wie den "Grexit" in 15-Minuten-Videos "garantiert verständlicher zu erklären als das, was eure Lehrer euch erzählen."

Seine zahlreichen Fans freuen sich, dass sie kompakte Infos bei einer Cola konsumieren können, statt 20 Seiten im Lehrbuch lesen zu müssen. Der jugendlich wirkende Drotschmann, Jahrgang 1986, ist der Gegenentwurf zum strengen, grauen Pauker.

In einem Punkt waren sich die Talkgäste einig: Lehrer müssen Begeisterung mitbringen. Das lässt sich von außen leicht fordern, doch nicht zu unterschätzen ist, dass auch die Lehrer in den Mühlen der Bildungspolitik aufgerieben werden.

Föderale Bildungspolitik

Hinzu kommt: Bildungspolitik ist in Deutschland kein einheitliches Gefüge, sondern ein Mosaik aus bildungspolitischen Programmen von 16 Bundesländern.

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) verteidigte vehement die historisch bedingte föderale Struktur, räumte aber ein, dass Angleichungen nötig seien. "Aber nur Schritt für Schritt". Die Kultusministerkonferenz habe sich immerhin schon auf einheitliche Abituraufgaben in den Kernfächern geeinigt. Es sei unrealistisch, alles in einem großen Ruck zu reformieren. "Ansonsten gäbe es in 15 von 16 Bundesländern großen Krawall, wenn sich alle auf ein System einigen müssten."

Überhaupt fiel Rabe in der Debatte als reformscheuer Bremser auf, mahnte zur "Vorsicht mit den vielen kühnen Ideen", bat darum, die "Schulen auch einmal in Ruhe zu lassen."

Umstrittene Lehrmethode in Hamburg gestoppt

Für eine Vollbremsung erhielt Rabe allerdings Beifall: Hamburg ist laut "Hart aber fair" das einzige Bundesland, in dem die umstrittene Lehrmethode "Lesen durch Schreiben" aus den Schulen verbannt wurde.

Dabei erschließen sich Erst- und Zweitklässler mit illustrierten Anlauttabellen (B wie Banane) die Schreibweise von Wörtern und sollen ohne Rechtschreibfrust drauflos schreiben. Das Ergebnis sind Sätze wie "Der könik grif zum telefon." Die korrekte Schreibweise sollen die Kinder später lernen, korrigierende Eingriffe der Eltern sind ausdrücklich unerwünscht.

Darüber hat sich Moderatorin Eligmann bei ihren drei Kindern hinweggesetzt. "Ich wollte sie nicht für etwas loben, was ich nicht gutheißen kann. Warum sollen sie es nicht gleich richtig lernen?"

Schulsenator Rabe kann das Verbot der Methode in seinem Wirkungskreis gut begründen. Seine Sorgenkinder sind die Schüler aus bildungsfernen Schichten und aus Zuwandererfamilien, deren Eltern falsch eingeprägte Schreibweisen nicht korrigieren können. "Ihnen nimmt man die Bildungschancen."

Auch Rechtschreibung ist ein Alltagswissen, das in der Schule nicht zu kurz kommen darf.

Sie finden uns auch auf Facebook - jetzt Fan unserer "Eltern-Welt" werden und mitdiskutieren!

Liebe Leserinnen und Leser, leider können wir bei bestimmten Themen und bei erhöhtem Aufkommen die Kommentarfunktion nicht zur Verfügung stellen. Warum das so ist, erfahren Sie in einer Stellungnahme der Chefredaktion.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Brutale Methode 
Therapie mit langer Nadel nichts für schwache Nerven

Diese Behandlung ist garantiert nichts für zartbesaitete Menschen. Video

Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal