Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Schulkind >

Neues Schulfach Wirtschaft: Kritiker schlagen Alarm

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Kritiker schlagen Alarm  

Wirtschaft soll in Baden-Württemberg Pflichtfach werden

08.01.2016, 16:26 Uhr | Silke Asmußen, t-online.de

Neues Schulfach Wirtschaft: Kritiker schlagen Alarm. Schüler lernen mit einer Schuldenwaage finanzielles Grundwissen. Die roten Holzklötze auf der Waagschale stehen für die zahlreichen Ausgaben eines Privathaushalts wie Miete, Kredite, Auto,Telefon. Auf der anderen Seite der Waage (nicht im Bild) liegen gelbe Holzklötze für die Einnahmen wie Gehalt und Kindergeld. (Quelle: imago/epd)

Schüler lernen mit einer Schuldenwaage finanzielles Grundwissen. Die roten Holzklötze auf der Waagschale stehen für die zahlreichen Ausgaben eines Privathaushalts wie Miete, Kredite, Auto,Telefon. Auf der anderen Seite der Waage (nicht im Bild) liegen gelbe Holzklötze für die Einnahmen wie Gehalt und Kindergeld. (Quelle: epd/imago)

Beim Wirtschafts- und Finanzwissen deutscher Schüler hapert es entschieden. Mit einem neuen Pflichtfach Wirtschaft will Baden-Württemberg 2016 gegensteuern. Weil aber die Stiftung eines großen Verlegers mit im Unterrichts-Boot sitzt, warnen Experten vor einseitiger Lobbyarbeit.

Von Ökonomie und Finanzen haben viele Jugendliche in Deutschland kaum eine Ahnung. Eine aktuelle Jugendstudie des Bundesverbandes deutscher Banken zeigt: Vier von zehn Schülern haben schlechte oder gar keine Wirtschaftskenntnisse.

Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Rund ein Drittel der Befragten interessiert sich demnach stark für wirtschaftliche Themen. Und die große Mehrheit (81 Prozent) wünscht sich mehr davon im Unterricht, 73 Prozent explizit ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft. An der Analyse der GfK Marktforschung im Auftrag des Bankenverbandes haben 651 repräsentativ ausgewählte 14- bis 24-Jährige in Deutschland teilgenommen.

Neues schulformübergreifendes Pflichtfach

Ein grundsätzliches Problem ist: Bildungspolitik ist hierzulande Ländersache und wird entsprechend unterschiedlich gehandhabt. Baden-Württemberg will 2016 vorangehen: Im Südwesten soll in Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen ab Klassenstufe sieben sowie im Gymnasium ab Klassenstufe acht das neue Pflichtfach "Wirtschaft, Berufs-und Studienorientierung" auf dem Stundenplan stehen.

Ziel des Vorstoßes sei, "dass junge Menschen die verschiedenen Akteure im Wirtschaftsleben kennen und wirtschaftliche Zusammenhänge in der Gesellschaft besser verstehen, kritisch hinterfragen und einordnen können", erklärt das Kultusministerium. Außerdem sollen Schüler besser bei der Berufswahl unterstützt werden. Es geht also um die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses für die Zusammenhänge in der Wirtschaft bis hin zu einer Einschätzung von Finanzprodukten.

Unterstützung bei Berufs- und Studienwahl

Neu ist ein Schulfach Wirtschaft nicht. Die Experten des Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg schreiben in einer Stellungnahme: Das Fach gebe es in Niedersachsen seit zehn Jahren, ebenso in Bayern, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und auch in Baden Württemberg. Ein Novum sei lediglich die "flächendeckende und einheitliche Einführung an allen Schulformen des allgemeinbildenden Schulwesens". Schon in den 1970er Jahren sei in Nordrhein-Westfalen ein Fach Wirtschaftslehre gelehrt worden, das dann durch das Fach Sozialwissenschaften abgelöst worden sei. Das IÖB lobt dennoch die "eindeutige Verankerung der Berufs- und Studienorientierung im Fächerkanon".

Banker springen in die Lücke

Wo an den Schulen bisher noch zu wenig wirtschaftliches Wissen vermittelt wird, springen Finanzinstitute in die Lücke und informieren etwa in Berufsschulen über die richtige Geldanlage - wie der Vermögensverwalterverband VuV. Die Deutsche Bank wiederum bietet im Rahmen der "Initiative finanzielle Allgemeinbildung" nach eigenen Angaben mehr als 1300 Referenten an, die mit Schülern über Wirtschafts- und Finanzthemen sprechen und Situationen aus ihrem Bankalltag schildern. Die Jugendstudie des Bankenverbandes belegt aber, dass das nicht ausreicht.

DGB kritisiert lebensferne Bildungspläne

Massive Kritik an der Neuerung in Baden-Württemberg kommt von den Gewerkschaften. Im Mittelpunkt der vorgelegten Bildungspläne stünden noch immer modellhafte ökonomische Denkschemata - ohne an die konkrete Lebenssituation der Jugendlichen anzuknüpfen, sagt etwa Nikolaus Landgraf, DGB-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg.

So fehlt nach Ansicht des DGB in dem Lernplan vor allem eine wirklichkeitsnahe Darstellung von Unternehmen, außerdem erschienen die Anforderungen der Arbeitswelt als unabänderlich. Schüler sollten aber gerade lernen, dass soziale Kontexte veränderbar seien.

Hingegen würden Unternehmerpersönlichkeiten und Unternehmertum breiten Raum einnehmen, obwohl sich Schulabgänger selten schon in jungen Jahren selbstständig machten. Das Fazit des DGB: Der Eindruck einer Imagekampagne sei naheliegend.

Experte rügt Unterrichtsmaterial vom "Handelsblatt"

Ein weiterer kritischer Aspekt: Starker Unterstützer des baden-württembergischen Vorhabens ist die Stiftung des Verlegers Dieter von Holtzbrinck. Sie plädiert für Wirtschaft als Schulpflichtfach, lässt etwa in ihrer Broschüre "Wirtschaft verstehen lernen" Schüler zu Wort kommen, die positive Erfahrungen mit dem Wahlfach Wirtschaft gemacht haben. "Wir haben zum Beispiel eine Schülerfirma gegründet", erzählt darin eine Jugendliche. Das Produkt: Unterwäsche mit Schiller-Zitaten darauf. Für das Startkapital hätten die Jugendlichen ihren Verwandten Aktien verkauft – und mit der Unterwäsche am Markt schließlich guten Umsatz gemacht: "Am Ende konnten wir jedem Aktionär eine Dividende von 2,50 Euro pro Aktie auszahlen", wird die junge Frau zitiert.

Lehrbroschüren mit "marktliberaler Ausrichtung"

Der Haken daran: Zu den Holtzbrinck-Medien gehört auch das "Handelsblatt", das Material für die Unterrichtseinheit "Handelsblatt macht Schule: Unsere Wirtschaftsordnung" in den baden-württembergischen Klassenzimmern liefern soll. Till van Treeck, Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen, hat dieses unter die Lupe genommen. Sein Urteil fällt äußerst skeptisch aus: "Die Darstellung wirtschaftspolitischer Debatten ist in weiten Teilen als einseitig zu bewerten. In der Gesamtschau ist die Materialiensammlung durch eine marktliberale Ausrichtung geprägt."

Der Ökonom bemängelt zudem die einseitige, unkritische Ausrichtung der Unterrichtseinheit. "Moralisch inspirierte Kritik an sozialer Ungerechtigkeit" werde nur vereinzelt präsentiert. Die benutzten Statistiken bewertet van Treeck zum Teil sogar als irreführend.

Neuer Lehrstuhl zur Lehrerausbildung in Tübingen

Anlass zu Kritik gibt ein weiterer Aspekt: An der Tübinger Universität wird zum Wintersemester 2016 eine Professur für Wirtschaftsdidaktik eingerichtet, um Lehrer für den Wirtschaftsunterricht fit zu machen – finanziert von der Holtzbrinck-Stiftung. Das bestätigte Antje Karbe, Pressereferentin der Eberhard Karls Universität Tübingen, auf Nachfrage von t-online.de. Das Berufungsverfahren werde gerade ausgeschrieben.

Kultusministerium bügelt Vorwürfe ab

Hat etwa eine starke Lobby die Bildungspolitik im Südwesten unter ihre Fittiche genommen? Das zuständige Kultusministerium lässt solche Vorwürfe nicht gelten. Im November hat Kultusminister Andreas Stoch gemeinsam mit Vertretern der Arbeitnehmer, Arbeitgeber, der Wohlfahrtspflege, Sozialpartnern und Kammern einen Verhaltenskodex zur Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft unterzeichnet, den sogenannten Code of Conduct.

In einer Pressemitteilung stellte der Minister klar: "Insbesondere bei der Einführung des neuen Fachs Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung legen wir von Beginn an großen Wert darauf, dass die Inhalte ausgewogen und multiperspektivisch dargestellt werden." Mit dem Code of Conduct verpflichteten sich alle Bildungspartner ausdrücklich zu Transparenz, Neutralität und Ausgewogenheit. Nur das Interesse der Schülerinnen und Schüler stehe im Mittelpunkt.

Stoch verteidigt den Pakt mit der Wirtschaft: Es sei Aufgabe der Schule, eine gute Informationsgrundlage zu schaffen, damit junge Menschen entscheiden könnten, welcher Beruf, welche Ausbildung oder welches Studium am besten zu ihren Interessen und Begabungen passten. "Hier leisten die Angebote außerschulischer Partner im Rahmen des schulischen Unterrichts einen wichtigen Beitrag", betont der Minister. Um die Transparenz der Angebote zu gewährleisten, müsse etwa bei Unterrichtsmaterialien ersichtlich sein, wer die Autoren, Herausgeber und Unterstützer des Angebots seien. Produktwerbung oder einseitige Darstellungen in den Angeboten sind demnach nicht erlaubt.

Millionen junge Menschen überschuldet

An allen Schulformen zu lehren, wie Wirtschaft und Unternehmen funktionieren, worauf beim Umgang mit Geld, Bankgeschäften oder Investitionen zu achten ist – der Vorstoß hat sicherlich Berechtigung. Immerhin sind rund 6,7 Millionen Privatpersonen in Deutschland über 18 Jahren überschuldet, besagt der Schuldneratlas 2015 der Creditreform Wirtschaftsforschung. Darunter sind 1,7 Millionen Menschen unter 30 Jahren.

Dass in Baden-Württemberg eine Lobby jedoch deutlich als Sponsor eines Schulpflichtfachs auftritt, hinterlässt trotz aller Neutralitätsversicherung des Kultusministeriums ein "Geschmäckle". Die Umsetzung des Plans wird weiterhin kritisch beobachtet werden.

In unserer "Eltern-Welt" finden Sie alles, was Eltern bewegt: Jetzt Fan werden und mitdiskutieren!

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Die besten Videos des Jahres 2016 
Historischer Panzer fährt nach 70 Jahren wieder

Mit großer Not startet der 520-PS-starke Motor zu neuem Leben. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Nur heute und nur für die 1.000 schnellsten Besteller

tolino page eBook-Reader zum Schnäppchenpreis von nur 49.- € statt 69.- € bei Weltbild.de. Shopping

Shopping
iPhone 7 32 GB im Tarif MagentaMobil L mit Handy

Nur 99,95 €¹. Nur online: 24 Monate 10 % sparen! bei der Telekom Shopping

Vernetzung
Christmas Shopping: Jetzt 15,- € Gutschein sichern!

Nur bis zum 14.12.16. Erfahren Sie mehr zur Aktion auf MADELEINE.de.

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal