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Allein zum Spielplatz gelaufen - Eltern angeklagt

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Totaler "Kinderschutz" in den USA  

Wer Kinder in den USA allein lässt, ruft die Polizei auf den Plan

18.10.2016, 10:29 Uhr | dpa

Allein zum Spielplatz gelaufen - Eltern angeklagt. Danielle und Alexander Meitiv aus Silver Spring (USA) wurden wegen Kindesvernachlässigung angeklagt, weil sie ihre damals sechs und zehn Jahre alten Kinder alleine von einem knapp zwei Kilometer entfernten Spielplatz nach Hause gehen ließen. (Quelle: dpa/Gene Luttenberg/Privat)

Danielle und Alexander Meitiv aus Silver Spring (USA) wurden wegen Kindesvernachlässigung angeklagt, weil sie ihre damals sechs und zehn Jahre alten Kinder alleine von einem knapp zwei Kilometer entfernten Spielplatz nach Hause gehen ließen. (Quelle: Gene Luttenberg/Privat/dpa)

Ab wann dürfen Eltern ihre Kinder allein lassen? Das Sicherheitsbedürfnis der Eltern und zunehmende Selbstständigkeit der Kinder sollten sich die Waage halten. Dazu gehört auch, dass Kinder Risiken eingehen dürfen. Doch in den USA wird dies kritisch gesehen - dort steht schnell das Jugendamt vor der Tür.

Mit dem Fahrrad um den Block fahren, alleine den Hund ausführen oder einfach mal am Spielplatz vorbeischauen, um mit anderen zu bolzen? Für viele Kinder in den USA ist das kaum möglich. Ein strenger Kinderschutz – und ab der Mittelschicht steigende Ängste der Eltern – setzen dem kindlichen Freiheitsdrang enge Grenzen.

Wegen Kindesvernachlässigung angeklagt

Vor wenigen Wochen machte der Fall einer Mutter Schlagzeilen, die in ihrem Urlaubsort in Delaware am frühen Abend Essen für die Familie kaufen wollte und ihre acht- und neunjährigen Sprösslinge kurz allein ließ. Als sie zurück ins Ferienhaus kam, wartete dort die Polizei. Die Mutter wurde festgenommen, wegen Kindesvernachlässigung angeklagt und nur gegen 500 US-Dollar Kaution freigelassen. Ein Passant hatte die Kinder, die mit den Hunden der Familie kurz rausgegangen waren, alleine gesehen und die Polizei gerufen.

Wenn aus Schutz Zwang wird

Ein krasser, aber kein einzelner Fall. Kinder haben in den USA eine starke Lobby und ihr Schutz ist hoch angesiedelt. So können Aktionen, die aus europäischer Sicht harmlos erscheinen, in den USA für Verantwortliche oder Eltern harte rechtliche Konsequenzen bis hin zu längeren Gefängnisstrafen haben.

In vielen US-Bundesstaaten machen Eltern sich strafbar, wenn sie Kinder unter zwölf Jahren auch nur kurze Zeit allein zu Hause lassen. Ein Baby in der Kinderschale schlafend im Auto lassen, während man das Geschwisterkind flugs im Kindergarten ablädt? Keine gute Idee. Auch Kinder unter zwölf allein zur Schule oder für eine halbe Stunde auf den Spielplatz um die Ecke gehen zu lassen, kann Eltern handfeste Probleme bereiten und sofort das Jugendamt auf den Plan rufen.

Beaufsichtigung rund um Uhr

Aber das Thema hat, wie so vieles in den USA, unterschiedliche Facetten: Nicht überall sind Passanten so wachsam und Eltern so extrem behütend wie in wohlhabenderen Gegenden, wo es Norm ist Kinder fast rund um die Uhr zu beaufsichtigen und mit dem Auto von Termin zu Termin zu chauffieren.

Das andere Extrem: grobe Vernachlässigung

Ein paar Blocks weiter schon kümmert es unter Umständen kaum jemanden, wenn Kinder allein unterwegs sind oder im Park spielen. Und am anderen Ende des Spektrums gibt es immer noch Hunderttausende Kinder, die unbemerkt von Nachbarn und Behörden unter Missbrauch und grober Vernachlässigung leiden.

Allein zum Spielplatz gehen: Klage wegen Kindesvernachlässigung 

Von Vernachlässigung kann bei Familie Meitiv aus Silver Spring, einem grünen, ruhigen Vorort von Washington DC, nicht die Rede sein. Doch auch die Meitivs wurden 2015 wegen Kindesvernachlässigung angeklagt, weil sie ihre damals sechs und zehn Jahre alten Kinder alleine von einem knapp zwei Kilometer entfernten Spielplatz nach Hause gehen ließen. Gleich mehrfach griff die Polizei die Kinder auf. Bis der Gerichtsstreit zugunsten der Familie ausging, wurden die Meitivs immer wieder vom Kinderschutzdienst überwacht.

Der Heimweg war extra eingeübt

Dabei hatten Alexander und Danielle Meitiv ihre Kinder bewusst allein gehen lassen und den Heimweg auch eingeübt. Als Mitglieder der "Free Range Kids"-Bewegung wollen sie ihren Kindern mehr "Auslauf" und größere Freiheiten zugestehen. "Wir alle sind doch selbst sehr viel freier aufgewachsen früher", sagte Danielle Meitiv.

"Free Range Kids" als Gegenbewegung

Ins Leben gerufen wurde "Free Range Kids" von Lenore Skenazy aus New York City. Sie wurde 2008 schlagartig berühmt, als sie im Web dokumentierte, dass sie ihren neunjährigen Sohn in Manhattan alleine U-Bahn fahren ließ - und sich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt sah.

"Dahinter steckt die Angst der Erwachsenen"

"Mir ist klar geworden, dass wir uns ständig um unsere Kinder sorgen, jede einzelne Sekunde an jedem einzelnen Tag", sagt Skenazy. "Amerikanische Eltern werden von einer zweifachen Angst verfolgt: Dass ihre Kinder entführt und ermordet werden - oder dass sie es nicht nach Harvard schaffen." Auch Danielle Meitiv glaubt: "Dahinter steckt die Angst der Erwachsenen vor einer unsicheren, kaum planbaren Zukunft. Aber: Das hat absolut nichts mit der Sicherheit ihrer Kinder zu tun."

Statistisch werden Verbrechen seltener...

Ab Mittelschicht aufwärts sind diese Sorgen in der Tat weit verbreitet. Eine Studie der Universität Berkeley fragte jetzt, warum viele Eltern so riesige Angst davor haben, ihre Kinder allein zu lassen - obwohl laut Statistik immer weniger Verbrechen passieren. Die Antwort der Forscher: Weil es gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird. Diese soziale Norm der intensiven Kinderbehütung, inklusive der moralischen Empörung über Eltern, die ihr nicht folgen, sei relativ neu, erläutert Studienautorin Ashley Thomas.

... gefühlt nehmen die Gefahren zu

In der repräsentativen Studie bewerteten mehr als 1300 Befragte unter anderem die Gefahr für ein achtjähriges Kind, das 45 Minuten mit Buch zum Schmökern und Eltern-Nummer auf dem Handy alleine in einem Café wartete. Das Ergebnis: Die Risiken wurden deutlich höher eingeschätzt, wenn die Eltern das Kind bewusst zurückgelassen hatten, etwa um kurz etwas zu erledigen, als wenn dies unfreiwillig geschehen war. Interessanterweise war dabei die Empörung über abwesende Mütter noch größer als über Väter, die kurz fortgegangen waren.

Lesen Sie hier, wie die Aufsichtspflicht in Deutschland gehandhabt wird.

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