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Andreas Schleicher: Bildungserfolg weiterhin vom sozialen Kontext abhängig

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Interview mit Andreas Schleicher  

Deutschland muss mehr für Bildungsgerechtigkeit tun

23.11.2016, 10:17 Uhr | dpa

Andreas Schleicher: Bildungserfolg weiterhin vom sozialen Kontext abhängig. Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development). (Quelle: dpa)

Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development). (Quelle: dpa)

Schlechte Testergebnisse von deutschen 15-Jährigen in Kernfächern lösten vor 15 Jahren den Pisa-Schock aus. Danach wurde im deutschen Bildungssystem viel reformiert. Pisa-Koordinator Schleicher erteilte dafür Lob, aber auch Kritik, weil einige Hausaufgaben noch immer nicht gemacht wurden.

Deutschlands Bildungssystem hat aus dem Pisa-Debakel vor 15 Jahren gelernt - und das ist auch gut so. Diese Ansicht vertritt seit Jahren Andreas Schleicher, der Koordinator für das "Programm for International Student Assessment" (Pisa) in Paris. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur warnt der OECD-Direktor davor, mit dem Reformeifer nachzulassen - Bremsspuren gebe es schon. Am 6. Dezember präsentiert Schleicher die Ergebnisse der sechsten Pisa-Studie.

Wie stellt sich das Bildungssystem in Deutschland derzeit für Sie dar? Gibt es zu viele Reformen, wie manche befürchten?

Andreas Schleicher: In den ersten Jahren nach dem Pisa-Schock ist unglaublich viel in Bewegung gekommen in Deutschland. Die Reformen haben sich in den ersten Jahren danach deutlich ausgezahlt. Es ist also sicher nicht so, dass es hier zu viele Reformen gegeben hat. Vielleicht gab es manchmal einen Mangel an strategischer Ausrichtung. Insgesamt hat diese Dynamik das Land wirklich nach vorn gebracht. Man muss aber leider sagen, dass der Schwung in den vergangenen Jahren wieder abgeflaut ist - und das ist langfristig sehr schade.

Wo sehen Sie Defizite?

Die verbesserten Leistungen Deutschlands bei den Pisa-Tests der Nuller-Jahre sollten Ansporn sein, so weiterzumachen. Es gibt keinen Grund, warum Deutschland sich nicht an den leistungsstärksten europäischen Bildungssystemen orientieren sollte. Aber dafür bleibt noch viel zu tun, gerade auch bei der Chancengerechtigkeit.

Bei diesem heiklen Thema ist Deutschland also noch nicht weit genug?

Ich beziehe mich auf die Pisa-Studien der vergangenen Jahre: Demnach ist hierzulande weiterhin der Bildungserfolg zu stark vom sozialen Kontext abhängig. Die Gruppe der leistungsschwachen Schüler ist für ein Land wie Deutschland immer noch zu groß. Man muss aber sehen, dass kein Bildungssystem langfristig erfolgreich sein kann, ohne Chancengerechtigkeit sicherzustellen.

Wie wir mit den schwierigsten Schülern, den Schülern mit den schlechtesten Ausgangsbedingungen, umgehen - das sagt etwas über uns selbst aus. Es geht dabei nicht nur um die Frage, ob diese Jugendlichen später alle einen Beruf finden.

Sie vertreten seit langem die Ansicht, dass die besten Lehrer in die schwierigsten Klassen gehören. Sind deutsche Lehrer da womöglich zu bequem, nicht stressbereit genug?

Dem einzelnen Lehrer in Deutschland kann man das sicher nicht anlasten. Es geht darum, wie ein Bildungssystem mit seinen Ressourcen umgeht, wie es diese Ressourcen dort zur Verfügung stellt, wo sie am meisten gebraucht werden. Es muss bessere Perspektiven für Lehrer geben, die Herausforderungen annehmen.

Das ist so in Asien, wo kein Karriereweg nach oben führen kann, wenn sich ein Lehrer nicht auch um die schwierigsten Klassen und Schulen bemüht. Da ist das Zusammenspiel zwischen Herausforderungen und Ressourcen zumindest im Ansatz berücksichtigt. Man sollte in Deutschland also nicht sagen: Die Lehrer müssen sich selbst darum kümmern.

Gibt es dieses Manko auch in anderen europäischen Ländern?

Absolut. Frankreich steht da vor noch deutlich größeren Herausforderungen. Diese ergeben sich zum Teil aus der Vergangenheit. Wenn Sie mal 100 Jahre zurückgehen: Damals hatten wir wenig Ressourcen für Bildung, brauchten aber auch nur wenige gut ausgebildete Menschen in der Gesellschaft. Da war es effizient, diejenigen zu fördern, bei denen es am leichtesten war.

Heute leben wir aber in einer Zeit, wo wir alle Menschen brauchen. Es gibt auch immer weniger Raum für Menschen ohne gute Bildung, sich einzubringen. Daher ist der Ansatz der Inklusion aller kein Luxus, sondern pure Notwendigkeit geworden - und eine Kernaufgabe von Bildungspolitik.

Apropos Eingliederung: Wo steht Deutschland nach Ihrem Eindruck bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise im Bildungsbereich?

Zunächst einmal: Der Ansatz, den Deutschland gewählt hat für die Integration von Flüchtlingen in sein Bildungssystem, wird in aller Welt bewundert. Das ist eine Herausforderung unbekannten Ausmaßes. Dass dabei nicht alles ideal gelaufen ist, weiß jeder.

Dass zum Beispiel reine Integrations- oder Willkommensklassen keine Ideallösung sind, ist ebenfalls bekannt. Das sind halt Lösungen, die aus der Not geboren wurden. Aber insgesamt ist Deutschland auf dem richtigen Weg, auch wenn man langfristig noch viel mehr machen muss.

Es gibt Befürchtungen, durch diese Herausforderung könne es bei Pisa für Deutschland bald wieder bergab gehen. Zu Recht?

Dass sich der Flüchtlings-Effekt auf die Pisa-Resultate auswirkt, ist statistisch gar nicht möglich. Da ist der Anteil von Geflüchteten viel zu klein, um für ein Land wie Deutschland signifikante Veränderungen im Gesamtergebnis zu bewirken.

Was mir auch nicht passt bei solchen Befürchtungen, ist die Annahme: Alle Flüchtlinge können nichts. Wenn man unter vergleichbarem sozialen Kontext nachschaut, finden wir unter Flüchtlingen genauso viele Hochbegabte wie bei Schülern ohne Migrationshintergrund. Das sollte man berücksichtigen.

Mit Blick auf den 6. Dezember: Muss sich Deutschland auf einen neuen "Pisa-Schock" wie 2001 vorbereiten?

Ich darf dazu jetzt noch nichts sagen. Nur soviel: Hinter Pisa steckt keine Magie. Pisa spiegelt wider, was im Klassenzimmer passiert und was ein Bildungssystem tut. Die Länder, die viel getan haben, sehen verbesserte Leistungen - und die Länder, wo wenig passiert, die sehen auch wenig Gutes.

Zur Person: Andreas Schleicher (52), ein in Hamburg geborener Bildungsforscher bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris, ist für viele "der Pisa-Papst". Als Internationaler Koordinator leitet er das Programme for International Student Assessment (Pisa). Nach vielen kritischen Äußerungen über das deutsche Bildungssystem hat er in den vergangenen Jahren Reformbemühungen gelobt, warnt jedoch davor, nun nachzulassen.

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