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Therapien im Mutterleib: Wie Ungeborene auf Schmerzen reagieren

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Ungeborene  

Wie Ungeborene auf Schmerzen reagieren

23.03.2009, 11:25 Uhr | Spiegel Online

Therapien im Mutterleib: Wie Ungeborene auf Schmerzen reagieren. Wissenschaftler sind noch uneins, wie Ungeborene auf Schmerzen reagieren.

Wissenschaftler sind noch uneins, wie Ungeborene auf Schmerzen reagieren. (Bild: dpa)

Lebensrettender Eingriff: Mitunter müssen Ärzte Kinder schon vor ihrer Geburt operieren. Doch Nadel und Skalpell hinterlassen vermutlich schon ab der Mitte der Schwangerschaft seelische Narben. Eine Schmerztherapie bekommen dennoch längst nicht alle Ungeborenen.

Fötale Medizin hilft und bereitet Schmerzen

Blutentnahmen, Injektionen, Überwachung mit Elektroden - statt nur den warmen Körper der Mutter zu spüren, kommen Frühgeborene oft schon mit kalter Technik in Kontakt. Mitunter müssen Ärzte sogar noch früher eingreifen, um das Überleben des Kindes zu sichern - fötale Medizin heißt das Arbeitsfeld von Ärzten, die Babys noch vor ihrer Geburt therapieren. Doch während die Mediziner den Kindern helfen, bereiten sie ihnen auch Schmerzen. Wie die Babys ihn allerdings wahrnehmen, ist unter Wissenschaftlern auch nach jahrelanger Forschung noch umstritten.

Nur ruhigstellen, um Bewegungen zu verhindern

Doch vor gut zwei Jahrzehnten dachten Ärzte, Säuglinge würden erst im Laufe ihrer ersten Lebensmonate empfindlich gegen Stiche und Schnitte werden. Erst dann sei es nötig, sie unter Narkose zu operieren. Weil ihr Nervensystem noch nicht ausgereift sei, so die Annahme damals, müsse man sie nur ruhigstellen, um ungewollte Bewegungen zu verhindern.

Besonders empfindlich für Stress und Stöße?

Heute glauben Wissenschaftler, dass Kinder im Mutterleib oder Frühgeborene besonders empfindlich sind für Stress und Stöße. Der Grund: Ihnen fehlen offenbar noch die Mechanismen, die harmlose oder leichte Schmerzen unter Kontrolle halten. Sie entwickeln sich vermutlich erst im Laufe der ersten Lebensjahre.

Betäubung reduziert Stress

Nicholas Fisk, Spezialist für fötale Medizin am Center for Clinical Research der Queensland University in Australien hat herausgefunden, dass Föten schon in der 18. Schwangerschaftswoche mit einem starken Ausstoß von Stress-Hormonen auf Nadeln reagieren, die in die Gebärmutter geschoben werden. Sofort fließt mehr Blut ins Gehirn, wo die Eindrücke der Hautsensoren des Ungeborenen verarbeitet werden. Wird es aber betäubt, bleibt der Stress, den beispielsweise eine Bluttransfusion auslöst, im Normalbereich.

Umstritten: Schmerzen erst im letzten Drittel?

Ob die Empfindungen der Ungeborenen allerdings jenen Schmerzen entsprechen, die Erwachsene empfinden, bleibt unter Anästhesisten und Kinderärzten umstritten. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2005 kommt zu dem Schluss, dass der heranwachsende Körper Schmerzen erst im letzten Schwangerschaftsdrittel spürt. Spitzenkonzentrationen von Stresshormonen seien reine Reflexe, so die Autoren. So etwas könne man auch bei klinisch toten Patienten nach der entsprechenden Stimulation messen. Der Startpunkt für den Schmerz liege frühestens nach der 23. Schwangerschaftswoche. Erst wenn die Nervenleitung von den Hautsensoren über Rückenmark und Zwischenhirn in die Großhirnrinde komplett ist, könne der Fötus ein Gefühl für eigene und fremde Reize entwickeln.

Dauerschlaf bis zur Geburt?

Andere Beobachtungen widersprechen dieser Ansicht mit der Begründung, auch Menschen mit einer Hydranenzephalie, bei der das Gehirn hauptsächlich aus Gehirnflüssigkeit und kaum aus Nervengewebe besteht, hätten durchaus Gefühle für ihre Umwelt und reagieren auf positive und negative Reize.

Einlullende Substanzen

Der Neuseeländer David Mellor hat sich mit der Schwangerschaft von Tieren beschäftigt und vertritt einen ganz anderen Standpunkt: Weil das den Fötus umspülende Fruchtwasser einlullende Substanzen enthalte, sei es überflüssig, nach einem Zeitpunkt während der Schwangerschaft zu fragen, an dem die Schmerzrezeption beginnt. Adenosin vermindere die Hirntätigkeit, Pregnenolon lindere Schmerzen, und Prostaglandin D2 fördere den Schlaf. Die gesamte Schwangerschaft über werde das Ungeborene im Mutterleib somit ruhiggestellt - erst bei der Geburt sei es mit dem Dauerschlaf vorbei.

40 Wege Schmerz zu messen

Dann aber geht es beim Menschen richtig los: Schnellere Atmung, verzogenes Gesicht, Weinen und die Veränderung der Gehirnströme deuten bei Säuglingen darauf hin, dass es ihnen nicht egal ist, wie man mit ihnen umgeht. Sunny Anand, Professor für Kinderheilkunde, Anästhesie, Pharmakologie und Neurobiologie an der Universität von Arkansas hat sich zeitlebens mit der Fragestellung beschäftigt, wann ein Kind zum ersten Mal Schmerzen erfährt. Anand spricht von mehr als 40 Wegen, den Schmerz von Neugeborenen zu messen.

Schmerz gräbt sich ins Gedächtnis

Der "Berner Schmerzscore für Neugeborene" etwa misst eine Kombination von neun verschiedenen Stress-Zeichen wie Weinen, unruhiger Schlaf oder blasse Hautfarbe, aber auch Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung des Bluts. Wer schon in den ersten Tagen seines Lebens so viel Leid ertragen muss, dem gräbt sich der Schmerz tief in sein Gedächtnis ein.

Ängste, Depressionen oder Abstumpfung

Auch Anna Taddio von der University of Toronto in Kanada hat sich mit dem Schmerzgedächtnis von Kindern beschäftigt. Viele Jungen - in Deutschland sind es rund 15 Prozent - werden beschnitten. Wie die Kinderärztin herausfand, schreien Babys bei einer späteren Impfung viel länger, wenn man sie bei der Entfernung der Vorhaut nicht mit einer schmerzstillenden Creme behandelt. Ängste und Depressionen oder Abstumpfung beobachten Kinderärzte immer wieder bei Kindern, die ganz früh unvorbereitet gepiekst, geschnitten oder intubiert wurden.

Überreaktion bei späteren Reizen

Möglicherweise reicht dieses Schmerzgedächtnis noch weiter in die Entwicklung des ungeborenen Kindes zurück in eine Zeit, in der ein Fötus den Schmerz zwar noch nicht spürt aber dennoch darauf reagiert. Sunny Anand vermutet, dass entsprechende Eindrücke schon vor der 20. Woche zu fehlerhaften Nervenverbindungen und damit zu einer Überreaktion bei späteren Reizen führen.

Narkose bei Eingriffen vor der Geburt noch kein Standard

Im Deutschen Zentrum für Fetalchirurgie in Bonn operiert Thomas Kohl Kinder, die zum Beispiel einen offenen Rücken haben, noch im Mutterleib. Auch er hält eine Vollnarkose bei solchen Eingriffen für wichtig. "Natürlich müssen wir bei der Wahl der Narkose das Risiko für die Mutter berücksichtigen", sagt Kohl. Außerdem haben bestimmte Narkosemittel Nebenwirkungen und können etwa bei der Schwangeren zu starken Beschwerden führen. Dennoch, so der Chirurg, sei eine angemessene Narkose noch immer kein Standard bei Eingriffen vor der Geburt. Das zeigt auch eine Untersuchung, die vor gerade einmal vier Jahren durchgeführt wurde: Damals wurden Schmerzen bei Neugeborenen weder erfasst oder dokumentiert - und dementsprechend auch nicht immer therapiert.

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