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Spätabtreibung: Immer weniger Ärzte sind bereit dazu

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Spätabtreibung  

"Ärzte drücken sich vor ihrer Verantwortung"

23.06.2009, 16:38 Uhr | Spiegel Online; Beate Lakotta, Spiegel Online

Spätabtreibung: Immer weniger Ärzte sind bereit dazu. Wenn der Fötus behindert ist, kann auch in den letzten Wochen vor der Geburt noch abgetrieben werden.

Wenn der Fötus behindert ist, kann auch in den letzten Wochen vor der Geburt noch abgetrieben werden. (Bild: Imago)

In Deutschland ist Abtreibung auch in den letzten Schwanger- schaftswochen möglich, wenn der Fötus behindert ist - doch viele Ärzte verweigern einen Abbruch aus moralischen Gründen. Psychiaterin Anke Rohde spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über Willkür, gesetzlichen Spielraum und die Folgen für die Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rohde, wer die Debatte um die Neuregelung der Spätabtreibungen verfolgte, konnte den Eindruck bekommen, immer mehr Eltern und Ärzte würden leichtfertig bis kurz vor der Geburt eine Schwangerschaft abbrechen, wenn das Kind behindert ist. Ist das so?

Rohde: Nein, Eltern machen sich diese Entscheidung nach meiner Erfahrung ohnehin nie leicht. Aber seit die Diskussion öffentlich geworden ist, schrecken auch immer mehr Ärzte davor zurück, diesen Eingriff zu machen. Früher gab es Kollegen, denen es reichte, wenn das Kind eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte hatte. Diese manches Mal vielleicht laxe Haltung hat sich ins Gegenteil verkehrt. Selbst Frauen, die ein Kind mit schwersten Behinderungen erwarten, müssen heute manchmal von Pontius zu Pilatus laufen, um einen Arzt zu finden, der die Indikation stellt, und einen zweiten, der den Abbruch durchführt.

SPIEGEL ONLINE: Und das, obwohl ein bundesweites Gesetz diese Eingriffe bis zur Geburt ermöglicht?

Rohde: Ja, und zwar unabhängig von der Art und Schwere der Behinderung. Es geht einzig darum, ob der Arzt zur Überzeugung kommt, dass die Frau durch das Leben mit dem Kind Schaden nehmen kann. Aber das wird regional sehr unterschiedlich gehandhabt. In Bayern und in anderen religiös geprägten Gegenden zum Beispiel werden solche späten Abbrüche nach der 22. Woche einfach gar nicht mehr gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Es hängt vom Wohnort ab, ob man einen späten Abbruch bekommt?

Rohde: Ja. Und auch jede Klinik und jeder einzelne Arzt hat das Recht, die Eingriffe nach eigenen subjektiven Maßstäben zu befürworten oder abzulehnen. Manche machen es nie, andere nur bis zur 22. Woche. Und natürlich ist die Art der Behinderung nicht egal. Der eine Arzt hält das Leben mit einem Kind für unzumutbar, wenn es nur einen halben Arm hat oder einen schweren Herzfehler. Der andere führt den Abbruch nur bei einer schweren geistigen Behinderung durch oder wenn er die Frau für suizidgefährdet hält. Es gibt keine einheitlichen Kriterien. Ich schätze, weit mehr als die Hälfte aller Wünsche nach einem späten Abbruch wird auf diese Weise abgelehnt. Das Fatale daran ist: Es wird völlig willkürlich, ob eine Frau den gesetzlichen Spielraum nutzen kann oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wird das von Ihren Kollegen so klar ausgesprochen?

Rohde: Wohl kaum. Ich kenne Fälle, in denen Paaren beispielsweise in der 19. Woche vom Arzt gesagt wurde: Jetzt darf man keinen Abbruch mehr machen. Bis die herausbekamen, dass das nicht stimmt, war das Kind schon über die 22. Woche hinaus, also in einem Schwangerschaftsalter, wo es noch schwieriger wird, jemanden zu finden, der den Abbruch macht. Die Fairness würde es gebieten, zu sagen: 'Es tut mir leid, ich dürfte Ihnen zwar helfen, aber ich möchte nicht.'

SPIEGEL ONLINE: Es gibt doch auch Kliniken und Pränatalzentren, die das liberaler handhaben: Bonn, Berlin, Hamburg...

Rohde: ...und noch ein paar andere. Aber es werden immer weniger. Das führt dazu, dass mittlerweile Kollegen aus der ganzen Republik ihre Patientinnen bei uns abladen. Dann brauchen sie ihren Namen nicht unter die Indikation setzen, nicht der Hebamme in der Klinik erklären, warum sie schon wieder so einen schlimmen Eingriff machen. Die drücken sich vor ihrer Verantwortung, und wir stehen als die böse Abtreibungsklinik da.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lösung schlagen Sie vor?

Rohde: Die Politik müsste dafür sorgen, dass im Sinne der Gleichbehandlung Frauen in allen Regionen Zugang zu diesen Eingriffen haben. Zum Beispiel, indem nur wenige hochqualifizierte Zentren diese spezielle Diagnostik durchführen dürfen, die dann auch offiziell zuständig sind für die Indikationen und die Abbrüche. Das setzt voraus, dass diese Zentren neutral geführt werden. Die Kollegen dort dürfen als Maßstab nur die körperliche und seelische Gesundheit der Frau sehen, so wie es das Gesetz verlangt, und nicht eine Weltanschauung.

SPIEGEL ONLINE: Entsprechend der Neuregelung müssen Ärzte zukünftig die Frauen vor einer Indikationsstellung beraten. Ist das nicht eigentlich selbstverständlich?

Rohde: Ich weiß nicht, wie ein Arzt überhaupt eine Indikation stellen kann, ohne ausführlich mit der Schwangeren zu sprechen, selbstverständlich auch über die Lebensperspektiven mit dem behinderten Kind. Aber offenbar gab es da ja einen Bedarf. Wenn dadurch jetzt mehr Frauen ihr Recht auf psychosoziale Beratung wahrnehmen, werden sie diese traumatische Situation besser verarbeiten können. Aber wahrscheinlich werden sich nicht mehr Frauen für das Kind entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Heute bleibt Schwangeren dann manchmal nur noch der Flieger nach London oder nach Rotterdam...

Rohde: ...oder nach Israel. Dort verstehen manche Kollegen wohl gar nicht, warum wir so ein Problem mit den späten Abbrüchen haben, weil man im Judentum eine ganz andere Vorstellung davon hat, wann das menschliche Leben beginnt - nämlich erst nach der Geburt. So relativ kann das sein.

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