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Entbindung  

Entspannte Umgebung reduziert medizinische Eingriffe

09.07.2009, 12:57 Uhr | t-online.de

Seit 2007 nimmt die Geburtenrate stetig zu.Seit 2007 nimmt die Geburtenrate stetig zu. (Bild: Imago)Die Gestaltung des Kreißsaals einer Geburtenstation hat wesentlichen Einfluss auf den Verlauf der Geburt. Dieses alte Hebammenwissen bestätigten nun Wissenschaftler der University of Toronto in der Fachzeitschrift "Birth". Sie ersetzten in ihrer Untersuchung die Entbindungsbetten zweier Spitäler durch Doppelmatratzen und eine Wohlfühlumgebung und beobachteten, ob das zu Änderungen im Geburtsverlauf führte. Die Maßnahmen hatten Erfolg: Nicht nur die Zufriedenheit der Frauen und ihrer Betreuungspersonen verbesserte sich, sondern es sank auch die Notwendigkeit, eine Infusion des Wehenhormons Oxytocin zu verabreichen.#

Freie Bewegung in den Wehen

Für das Experiment wurden 62 hochschwangere Frauen, die zuvor Bereitschaft zur Teilnahme bekundet hatten, bei der Aufnahme in die Geburtenstation per Zufall entweder in einen herkömmlichen Kreißsaal oder in einen speziell eingerichteten Raum eingewiesen. Dieser enthielt statt dem Entbindungsbett eine Doppelmatratze mit mehreren großen Kissen und auf das notwendige Minimum reduziertes Beleuchtung, daneben gab es eine große Auswahl von Entspannungsmusik, Wasserplätschern und andere Beruhigungselemente. "Die Entfernung des Entbindungsbettes signalisierte den Frauen, dass dieses nicht der einzige Ort des Gebärens ist. Frauen sollten somit die Fähigkeit behalten, sich während der Wehen frei zu bewegen, einen engen Kontakt mit den betreuenden Personen zu haben und dabei Ruhe und Vertrauen zu entwickeln", erklärt Studienleiterin Ellen Hodnett, Professorin für Krankenpflege.

Überwältigend positive Reaktionen

Tatsächlich sorgten die Maßnahmen dafür, dass die Frauen während der Wehenzeit mobiler waren. 65 Prozent der im adaptierten Raum Gebärenden sagten, dass sie weniger als die Hälfte dieser Zeit liegend verbrachten, im normalen Kreißsaal waren es nur 13 Prozent. Oxytocin wurde um 28 Prozent weniger verabreicht. Die Reaktion auf die Räumlichkeit war überwältigend positiv, da die Frauen sich über die Möglichkeiten der Mobilität und der Hilfen zur Bewältigung der Wehen freuten. Sie gaben auch an, bessere Einzelbetreuung und Unterstützung von den Hebammen erhalten zu haben. "Diese Untersuchung hinterfragt die Voraussetzungen für das typische Design des Kreißsaals", so Hodnett. "Die Geburtsumgebung scheint das Verhalten aller Anwesenden zu bestimmen - der gebärenden Frau, des Personals als auch des Kindes." Da die Vergleichsmenge der Studie klein war, soll bald die Ergänzung durch eine große, randomisierte Kontrollstudie folgen.

Weniger Unterstützung notwendig

Dass die Geburtsumgebung eine hohe Bedeutung für den Ablauf der Geburt hat, betont auch Renate Großbichler-Ulrich, Präsidentin des österreichischen Hebammen-Gremiums. Eine angenehme Atmosphäre hilft der Frau, sich auf den natürlichen Geburtsvorgang einzulassen. Mutter und Kind können so besser selbst arbeiten und es kommt weniger auf Wehenmittel oder andere Unterstützung von außen an", so die Geburtshelferin im pressetext-Interview. Alle Spitäler würden bereits Alternativen zum Entbindungsbett anbieten, es liege jedoch an den Frauen, diese in Anspruch zu nehmen.

Gesellschaftliche Strömungen

Der Umgang mit der Geburt war in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von gesellschaftlichen Strömungen bestimmt. "Die späten 70er Jahren brachten eine Hochtechnisierung und Verwissenschaftlichung der Geburt, die bei den Frauen jedoch eine große Unzufriedenheit auslöste. Als Reaktion darauf setzte in den 80er Jahren eine von der Frauenbewegung beeinflusste 'Sanfte Welle' ein, bei der man weitgehend auf Schmerz- und Wehenmittel verzichtete", so Großbichler-Ulrich. Im Moment liege die Betonung auf Selbstbestimmung und Planbarkeit, was sich in den steigenden Kaiserschnitt-Raten wiederspiegele. Großbichler-Ulrich nimmt das derzeitige Krankenhaus-Finanzierungssystem durch Leistungspunkte dafür in die Pflicht, dass die normale Geburt trotz augenscheinlicher Vorteile nicht verstärkt gefördert werde. "Wie viel eine Geburt real kostet, ist bisher kaum erforscht", so die Hebammen-Sprecherin.

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