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"Deutschland wird schwanger": Schwangerschafts-Doku auf Sat.1

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Schwangerschafts-Doku  

Auf Herz und Hoden

03.11.2009, 11:01 Uhr | Christian Buß


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Durchleuchtet bis in die Eierstöcke: In der Reality-Soap "Deutschland wird schwanger" zeigt Sat.1 100 Paare zwischen Wahnsinn und Befruchtung. Eine Doku, bei der Wissenschaft und Voyeurismus nicht immer im richtigen Verhältnis stehen.
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Schwangerschaft nur noch eine Frage des richtigen Equipments?

Ach, waren das Zeiten, als die jungen Frauen in den Werbespots sich noch enthusiastisch über kalorienarme Geflügelwurst unterhielten. Wenn man den jüngsten Produktinformationen im Fernsehen glaubt, wurde der Schlankheitswahn längst von einer Art Gebärwahn verdrängt. Montagabend zum Beispiel lief in den Werbeblöcken auf Sat.1 in "heavy rotation" dieses Filmchen der Firma Clearblue, bei der sich vier attraktive Frauen über ihre jüngsten Aktivitäten in Sachen Fruchtbarkeitstraining unterhielten. Stolz trumpfte eine von ihnen mit dem Clearblue-Fertilitätsmonitor auf, der das Projekt "Baby" mit modernster digitaler Technik vorantreibt. Da erscheint die Schwangerschaft tatsächlich nur noch eine Sache des richtigen Equipments.

Projekt "Baby" für 100 Paare

Die Teilnehmer der vom Sender groß angelegten Doku-Initiative "Deutschland wird schwanger" dürfen allerdings auch ohne medizinischen Hightech-Schnickschnack auf die perfekte Erfassung fruchtbarkeitsrelevanter Vorgänge hoffen. Für sie übernimmt nämlich Sat.1 das "Fertilitätsmonitoring": 100 Paare hat man ein ganzes Jahr lang bei der Planung und der (geglückten oder missglückten) Ausführung des Projekts "Baby" begleitet. Von den ersten lustigen Aufwärmübungen bis zu den letzten verzweifelten Frauenarztbesuchen wird keine Etappe der Familienplanung ausgelassen. Der Reality-Soap-Teilnehmer, hier wird er zum gläsernen Menschen, durchleuchtet bis in die Eierstöcke.

Onanieren für die Familienplanung

Die Sat.1-Moderatorin Britt Hagedorn führt derweil ähnlich sensibel durchs Geschehen wie in ihren Nachmittags-Talks. Stets hat sie in dem Doku-Zehnteiler irgendein süßes Kind auf dem Schoß, während sie Komisches und Tragisches berichtet - so wie im Falle des Pärchens Merle und Sahid, die sich trotz ihres beinahe noch jugendlichen Alters nichts lieber als ein Kind wünschen. Und weil es nun schon seit einem Jahr trotz intensiver Beischlafbemühungen nicht klappt, nehmen sie die Hilfe eines Reproduktionsmediziners in Anspruch, der die beiden erstmal auf Herz und Hoden prüft. Um ein Spermiogramm von Sahid erstellen zu können, wird der junge Mann zum Entsamen in ein kleines Zimmerchen geschickt, in dem Erotikfilme und Herrenmagazine als Stimulanzien zur Verfügung stehen: Onanieren für die Familienplanung. Ein bisschen und wahrscheinlich nicht ganz freiwillig erinnert "Deutschland wird schwanger" da an die frühen Tragikomödien von Woody Allen. Während also Sahid in der Videokabine beim Pornogucken seiner partnerschaftlichen Pflicht nachkommt, fühlt sich Merle draußen vor laufenden Kameras in ihn hinein: Der arme Kerl, ganz allein in diesem kahlen Zimmer! Dann kommt der Liebste leicht derangiert mit gut gefülltem Probetöpfchen aus der Kammer und wird gefeiert wie ein Held. Die Nachbesprechung beim Doktor fällt jedoch alarmierend aus: Auf nur sieben Millionen Spermien pro Milliliter bringt es Sahid, eigentlich müssten es 20 Millionen sein. Was nun? Die Fernsehnation ist eingeladen, mitzuraten und mitzufiebern, wie Sahid sein mangelhaftes Sperma in den nächsten Wochen tunen wird.

Breites Spektrum an familienplanerischen Optionen

Dabei ist die Sendung - adaptiert vom BBC-Hit "Make Me A Baby"- im Prinzip erstmal gar nicht böse: Durch die große Zahl der Teilnehmer wird ein breites Spektrum von familienplanerischen Möglichkeiten aufgezeigt: Das lesbische Pärchen kämpft hier genauso leidenschaftlich um seinen Nachwuchs wie die beiden klassischen Hetero-Bausparer von nebenan; die riesige Patchworkfamilie plant ebenso optimistisch einen letzten definitiven Neuzugang wie das Paar um die Vierzig das lang ersehnte Wunschkind. Alles ist möglich, alles hat seine Berechtigung. Und das besitzt durchaus einen volkspädagogischen Wert in diesen immer noch nicht ganz aufgeklärten Zeiten, in denen eine natürliche Schwangerschaft immer noch höher angesehen wird als eine, bei der medizinisch nachgeholfen wurde.

Mitfiebern bis an die Schmerzgrenze

Deshalb dürfen in der öffentlichen Debatte zum Thema gerne noch ein paar Schamgrenzen fallen. Aber müssen es dann gleich alle sein? Denn was auch passiert - in "Deutschland wird schwanger" ist die Kamera stets dabei. Sie klebt minutenlang an den Gesichtern, wenn Paare desaströse Nachrichten erhalten, und schaut Frauen über die Schultern, wenn sich diese mit gespreizten Beinen befruchtete Eizellen einsetzen lassen. Nein, die kinderliebe Britt Hagedorn und ihr Redakteur sind ganz bestimmt keine Freunde und Helfer. Unnötig grausam zum Beispiel, wie sie das Paar Katharina und Christian zeigen, als diese nach dem dritten, für die beiden fast unerschwinglich teuren In-vitro-Fertilisations-Versuch am Telefon erfahren, dass es schon wieder nicht geklappt hat mit der Schwangerschaft. Sie weint, er geht stur aus dem Raum. Es gibt Momente, an denen arbeiten sich Paare ein halbes Leben lang ab. Und es geht nicht unbedingt schneller, wenn die Fernsehnation Teil daran hat.

"Glücklich sind die Fruchtbaren"

Wissenschaft und Voyeurismus gehen bei Sat.1 also zuweilen eine perfide Verbindung ein. So wird tatsächlich eine weitere neue Etappe des Intimitätsterrors eingeleitet. Kollektive Anstrengungen zum persönlichen Glück wurden ja schon für die Diät-Doku-Soap "Eine Insel wird schlank" auf Kabel 1 verschwitzt in Szene gesetzt, Freud und Leid der Schwangerschaftsvorbereitungen hat ProSieben bereits fürs Promi-Pränatal-Spektakel "Jana Ina & Giovanni" kitschig ins Bild gesetzt. In "Deutschland wird schwanger" aber wird nun das Paradoxon vom Mitfiebern und Herabschauen auf die Spitze getrieben. Denn die Botschaft des eigentlich so freisinnig daherkommenden Formats geht am Ende dann doch in eine Richtung, die sich Werbekunden wie der Fertilisationsoptimierer Clearblue nicht schöner hätten ausdenken können: Glücklich sind die Fruchtbaren.

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