Startseite
Sie sind hier: Home > Eltern > Schwangerschaft >

Wohin mit dem Nabelschnurblut? Werdende Eltern müssen entscheiden

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Schwangerschaft und Geburt: Nabelschnurblut  

Gesundheit aus dem Eisfach

03.03.2011, 09:38 Uhr | Dorothee Schulte, t-online.de

Wohin mit dem Nabelschnurblut? Werdende Eltern müssen entscheiden. Stammzellen bleiben bei minus 196 Grad Celsius über viele Jahre funktionsfähig. (Quelle: imago)

Stammzellen bleiben bei minus 196 Grad Celsius über viele Jahre funktionsfähig. (Quelle: imago)

Das Blut aus der Nabelschnur enthält medizinisch wertvolle Stammzellen. Private Nabelschnurbanken bieten an, es nach der Geburt auf Kosten der Eltern einfrieren zu lassen und preisen dies als eine biologische Lebensversicherung für Neugeborene. Doch was ist an dieser Versprechung dran?

Biologische Lebensversicherung oder Geschäft mit der Angst?

Stammzellen aus der Nabelschnur seien Lebensretter, Wunderheiler, Jungbrunnen für das Alter. So oder ähnlich klingt Werbung privater Nabelschnurbanken. Und deshalb sollten Eltern das Blut aus der Nabelschnur nach der Geburt für ihr Kind einfrieren lassen. "Immer mehr fürsorgliche und aufgeklärte Eltern nutzen diese Chance“, heißt es in einer Broschüre eines privaten Anbieters. Das suggeriert, diejenigen die sich dagegen entscheiden, seien nicht fürsorglich und nicht aufgeklärt. Umsonst ist diese "Fürsorglichkeit“ allerdings nicht. Durchschnittlich etwa 2000 Euro kostet das Lagern des Blutes für die ersten 20 Jahre. Das ist für Eltern zu diesem Zeitpunkt viel Geld - oftmals stehen Anschaffungen wie Kinderwagen, Wickeltisch oder auch ein größeres Auto an. Das Angebot der privaten Blutbanken ist daher umstritten. Die Einen sprechen von einer Art "biologischen Lebensversicherung“, die Anderen, so zum Beispiel die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, von einem "Geschäft mit der Angst“. Viele Eltern sind verunsichert. Wer hat denn nun Recht?

Nabelschnurblut enthält viele Stammzellen

Fakt ist: Mit Stammzellen behandeln Ärzte schon heute über 70 verschiedene Krankheiten. Stammzellen sind sozusagen die Zellfabrikanten unseres Körpers. Wenn sie sich teilen, bilden sie jeweils eine neue Stammzelle und eine andere, weiterentwickelte Zelle. Sie befinden sich zum Beispiel im Knochenmark. Im Körper von Ungeborenen wandern die blutbildenden Stammzellen am Ende der Schwangerschaft durch das Blut aus der Leber in das Knochenmark. Daher enthält auch die Nabelschnur besonders viele der wertvollen Zellen und nach dem Abnabeln bleiben einige davon in der Nabelschnur zurück.

Nabelschnurstammzellen haben, weil sie noch sehr jung sind, gegenüber anderen Vorteile: Sie sind besser verträglich und können viele verschiedene Zellarten bilden. Sie werden außerdem risikolos für Kind und Mutter direkt nach der Geburt entnommen, mithilfe von flüssigem Stickstoff eingefroren und sind dann bei Bedarf jederzeit verfügbar. Neben der Möglichkeit, das Blut für einen eventuellen Eigenbedarf einfrieren zu lassen, können Eltern es jedoch auch - für sie kostenfrei - an öffentliche Blutbanken spenden. Dort steht es dann der Allgemeinheit zur Verfügung.

So lauten Stellungnahmen

Bereits in der Schwangerschaft müssen Eltern sich entscheiden, was mit dem Nabelschnurblut passieren soll. Wenn Nabelschnurzellen aber so wertvoll sind, was spricht dann - außer den Kosten - dagegen, sie für das eigene Kind einfrieren zu lassen?

Die deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation (DAG-KBT) schreibt in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2008: "Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Kind oder später beim Erwachsenen eigene Nabelschnurstammzellen zur Behandlung von Tumor- oder sonstigen Erkrankungen sinnvoll angewandt werden können, ist extrem gering.“ Andere Stellungnahmen europäischer und amerikanischer Organisationen lauten ähnlich.

Auch die Statistik zeigt: In den vergangenen 20 Jahren haben Ärzte tausende Transplantationen von Nabelschnurblut aus öffentlichen Banken durchgeführt. Im Gegensatz dazu haben nur rund 200 bis 300 Kinder ihr eigenes Nabelschnurblut bekommen - und das häufig im Rahmen von Studien. Das ist noch ein hoch geschätzter Wert - andere Angaben sprechen von deutlich weniger Fällen. Dabei lagern in privaten Blutbanken schätzungsweise etwa fünf Mal so viele Einheiten Nabelschnurblut wie in den öffentlichen.

Stammzellen können Spuren bestimmter Krankheiten in sich tragen

Eigene Zellen sind nämlich in vielen Fällen nur sehr fraglich für eine Behandlung geeignet, weil sie unter Umständen Spuren einer Krankheit bereits in sich tragen. Das ist zum Beispiel bei bestimmten Formen von Leukämie der Fall. Hier haben fremde Zellen sogar noch einen Vorteil: Sie bekämpfen die nach einer Chemotherapie eventuell im Blut verbliebenen Krebszellen. Ärzte sprechen von einem "Anti-Leukämie-Effekt“. Transplantationen fremder Zellen haben allerdings das Risiko gefährlicher Abstoßungsreaktionen. Deshalb verabreichen Ärzte bei solchen Therapien Medikamente, die die körpereigene Abwehr unterdrücken.

Auch Knochenmark enthält Stammzellen

Die Nabelschnur ist aber keinesfalls die einzige Stammzellenquelle. Schon sehr viel länger gewinnen Ärzte die Zellen auch aus Knochenmark oder Blut von Erwachsenen. Wenn ein Kind also im Laufe seines Lebens tatsächlich einmal von seinen eigenen Stammzellen profitieren würde, könnten die eventuell auch zu einem späteren Zeitpunkt entnommen werden. Und gespendetes Nabelschnurblut steht dem Kind selbst gleichermaßen zur Verfügung wie der Allgemeinheit. Wie lange die tiefgefrorenen Zellen aus der Nabelschnur sich halten, ist allerdings noch nicht geklärt. Forscher gehen zwar davon aus, dass sie bei minus 196 Grad Celsius theoretisch unbegrenzt haltbar sind. Das gilt aber nur, wenn keine Temperaturschwankungen entstehen, zum Beispiel durch Öffnen der Lagerungstanks.

Kranke Geschwister können profitieren

Auf der anderen Seite können unter Umständen kranke Geschwister von privat eingelagerten Zellen profitieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind die Zellen eines Bruders oder einer Schwester verträgt, liegt bei 1:4. Allerdings bieten auch öffentliche Blutbanken an, das Blut gerichtet zu lagern, also zum Beispiel für ein leukämiekrankes Geschwisterkind - und das für die Eltern kostenfrei.

Zum Wegschmeißen zu schade

Dass Nabelschnurblut zu schade zum Wegschmeißen ist, darüber sind sich eigentlich alle Experten einig. In manchen Fällen raten allerdings Hebammen dazu, die Nabelschnur nach der Geburt auspulsieren und so das Blut dem Neugeborenen zu Gute kommen zu lassen. Häufig landet es aber auch trotz seiner wertvollen Zellen tatsächlich im Müll, denn öffentliche Blutbanken haben nicht in jeder Geburtsklinik die Erlaubnis, das Blut zu gewinnen. Das liegt vor allem an den hohen Kosten für Entnahme, Transport und Aufbewahrung der Zellen.

Doch selbst wenn eine Spende möglich ist: Das in der Nabelschnur verbliebene Blut enthält oft zu wenige Zellen, um wirksam damit behandeln zu können. Öffentliche Blutbanken verwerfen daher das Blut in zwei Drittel der Fälle, private Anbieter frieren die Präparate in fast allen Fällen ein. Um ihr Angebot zu erweitern, ist die Deutsche Nabelschnurblutbank (DNSB) vor einiger Zeit eine Kooperation mit der privaten Nabelschnurblutbank Vita 34 eingegangen. Dieses Unternehmen darf die Zellen in fast allen deutschen Geburtskliniken entnehmen. Inzwischen wurde diese Zusammenarbeit wieder beendet, da "die durch Vita 34 gewonnen  Präparate nicht immer den Anforderungen oder auch dem Bestimmungszweck eines öffentlichen Anbieters, wie der DNSB entsprachen. Darüber hinaus bestehen grundlegende Unterschiede hinsichtlich der Interessen und des Bestrebens einer öffentlichen Nabelschnurblutbank gegenüber einem kommerziellen Anbieter", so die DNSB.

Kombinierte Lösungen

Bei einigen privaten Blutbanken ist eine kombinierte Lösung möglich. Das heißt, Eltern können das Blut für ihr eigenes Kind einlagern und gleichzeitig in ein Spendenregister aufnehmen lassen. Bei Bedarf können sie ihr Einverständnis zu einer Spende geben und bekämen dann die Kosten nachträglich erstattet. Hier würde aber "von den Eltern oder später vielleicht dem Spender selbst kurzfristig eine Entscheidung gefordert, die sie offenbar vorher ohne Zeitdruck nicht treffen konnten oder wollten. Das ist ethisch und organisatorisch nicht akzeptabel“, sagt Dr. Carlheinz Müller, der ärztlicher Leiter des Zentralen Knochenmarkspender-Registers (ZKRD).

Was bringt die Zukunft?

Zurzeit setzen Ärzte Stammzellen fast ausschließlich dafür ein, Störungen der Blutbildung zu behandeln. Private Nabelschnurbanken werben aber gerne mit eventuellen zukünftigen Möglichkeiten des Nabelschnurblutes. Die daraus gewonnenen Stammzellen bilden nämlich nicht nur Blutkörperchen, sondern auch andere Gewebearten. Forscher bilden im Labor heute schon Herzklappen, Haut, Knochen oder Blutgefäße aus Stammzellen. Doch der Weg vom Labor bis zu einer Behandlung von Menschen ist weit. Und inwieweit die Nabelschnurzellen wirklich für solche Einsätze geeignet sind, ist zumindest strittig. Professor Gesine Kögler, Leiterin der öffentlichen Nabelschnurblutbank in Düsseldorf, glaubt nicht daran: "In den tiefgefrorenen Präparaten von Nabelschnurblut haben wir in Düsseldorf bisher nur blutbildende Stammzellen in ausreichend hoher Anzahl nachgewiesen.“ Man könne Zellen, die auch andere Gewebe bilden, nur aus frischem Nabelschnurblut gewinnen - dies sei für den individuellen Zweck aber zu teuer und nur für selektive Gewebe wie zum Beispiel Knochen oder Knorpel eine Möglichkeit, sagt sie.

Die kommerziellen Blutbanken sind natürlich interessiert daran, solche Forschungen voranzubringen und fördern finanziell und wissenschaftlich klinische Studien über Therapien mit dem eigenen Nabelschnurblut. Zum Beispiel mit Kindern, die einen Hirnschaden erlitten haben. In München läuft derzeit eine Studie, in der jugendliche Diabetes-Patienten ihre Nabelschnurzellen erhalten. Eine ähnliche, amerikanische Studie zeigte 2009, dass sich weder Blutzuckerwerte noch Insulinbedarf eindeutig verbesserten, nachdem Kinder mit ihren eigenen Nabelschnurzellen behandelt wurden.

Also letztlich doch keine Frage der Fürsorglichkeit?

Zwar kann niemand Eltern die Entscheidung abnehmen, aber zusammenfassen scheint doch sicher zu sein: Leben retten wird das nach der Geburt in der Nabelschnur verbleibende Blut zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt viel eher, wenn es der Allgemeinheit zur Verfügung steht. So empfiehlt auch die deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation in ihrer Stellungnahme: "Mütter von gesunden Neugeborenen und ihre Familien sollen wissen, dass es nach dem heutigen Stand des Fachwissens kein Versäumnis darstellt, das Nabelschnurblut des Kindes nicht einzufrieren. Wer diese Maßnahme im individuellen Fall durchführen lassen will und sie selbst finanziert, sollte über ihren derzeit spekulativen Charakter sachlich korrekt aufgeklärt sein.“

Achtung: Verkappte PR im Internet

Wer im Internet unabhängige Informationen sucht, muss aufpassen. Hinter vielen Auftritten verbirgt sich Werbung. So behauptet beispielsweise "nabelschnurblut-experten.de“ von sich selbst, das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Doch tatsächlich finden sich eher einseitige Informationen. Hinter dem Internetauftritt steckt nämlich eine private Nabelschnurbank. Das zeigte der zeitweise dort im Impressum vorhandene Hinweis: "Mit freundlicher Unterstützung von Vita 34“. Ähnlich sieht das bei "nabelschnurblut4you.de“ und vielen weiteren Internetseiten aus. Und auch hinter dem seriös klingenden Namen "Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz - Info Gesundheit e.V. (BGV)“ verbirgt sich allem Anschein nach anderes, als auf den ersten Blick vermutet. Der Verein wirbt in seinen angeblich unabhängigen Informationsbroschüren auffällig für Produkte von Pharmaunternehmen und auch für Vita 34. Die Stiftung Warentest sagt über den BGV: "Es deutet einiges darauf hin, dass dies keine neutrale Verbraucherinformation, sondern verkappte PR ist“.

 

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Dumme Idee 
Sprung auf Hai zeugt nicht gerade von Intelligenz

Diese Aktion hätte auch gerne in die Hose gehen können. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Auf flachen Sohlen - Schuhe für die kühle Jahreszeit

Angesagte Stiefel, trendige Schnürer, klassische Stiefeletten u.v.m. jetzt entdecken bei BAUR.

Shopping
Mit dem Multitalent wird jedes Kochen zum Erlebnis

Krups Multifunktions-Küchenmaschine HP5031: Ihr Partner für kreative Kochideen! bei OTTO.de

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de

Anzeige
shopping-portal