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Abtreibung: Immer weniger Frauen brechen Schwangerschaft ab

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Zahl der Abtreibungen in Deutschland sinkt

16.03.2011, 12:01 Uhr | Simone Blaß, dpa

Abtreibung: Immer weniger Frauen brechen Schwangerschaft ab. Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland ist im Jahr 2010 weiter gesunken. (Bild: imago)

Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland ist im Jahr 2010 weiter gesunken. (Bild: imago) (Quelle: imago)

Immer weniger Frauen in Deutschland brechen eine Schwangerschaft ab. Seit der gesetzlichen Neuregelung vor 14 Jahren haben noch nie so wenige Frauen abgetrieben wie 2010. Rein statistisch kamen im vergangenen Jahr auf 10.000 Frauen im gebärfähigen Alter (unter 45 Jahren) 71 Abtreibungen. 1996, im Jahr der gesetzlichen Neuregelung, waren es 76 und 2004 sogar 78. Seither geht die Quote ständig zurück, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete.

300 Abtreibungen weniger als im Vorjahr

Insgesamt wurden 2010 rund 110.400 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland gemeldet - 0,2 Prozent oder 300 weniger als im Vorjahr. Fast drei Viertel der Frauen waren zwischen 18 und 34 Jahren alt. Minderjährige machten vier Prozent aus. Dabei sank die Zahl der abgebrochenen Teenager-Schwangerschaften binnen eines Jahres um 400 auf rund 4500. Fast acht Prozent der Frauen, die eine Schwangerschaft beendet haben, waren über 40 Jahre alt. Für 40 Prozent der Schwangeren aller Altersklassen wäre es das erste Kind gewesen.

Mehr als 97 Prozent der gemeldeten Abtreibungen wurden nach der Beratungsregelung vorgenommen. Die meisten Schwangerschaftsabbrüche (72 Prozent) wurden mit der Absaugmethode (Vakuumaspiration) durchgeführt, bei 15 Prozent wurde das Arzneimittel Mifegyne verwendet.

Folgen für die Psyche

Nur in sehr wenigen Fällen findet der Abbruch aus medizinischen oder gar kriminologischen Gründen - also zum Beispiel aufgrund einer Vergewaltigung - statt. Das heißt, zumindest auf den ersten Blick, fast alle Frauen haben sich frei entschieden. Doch dieser Entscheidung gehen meist nicht nur enorme seelische Kämpfe voraus, auch die Folgen für die Psyche darf man nicht unterschätzen.

Frauen in ihrem seelischen Schmerz auffangen

Den meisten Frauen geht es nach einer Abtreibung körperlich bald wieder gut. Viele sind im ersten Moment irgendwie erleichtert, dass nach dem oft sehr schwierigen Prozess der Entscheidung nun alles vorbei ist und vermeintlich das Leben so weitergehen kann wie zuvor. Doch das wird es nicht, zumindest dann nicht, wenn der Trauer kein Raum gegeben wird, da ist sich Reinhard Klein von der Beratungsstelle "Aus-WEG?!" sicher. Denn eine Abtreibung kann neben seltenen körperlichen auch psychische und psychosomatische Folgen haben, die manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte später erst auftauchen und oft zunächst gar nicht mit dem für manche Frauen traumatischen Erlebnis in Verbindung gebracht werden. "Das Thema 'seelische Folgen' einer Abtreibung kommt in der Ausbildung von Ärzten und Therapeuten nicht vor, weil es angeblich eben nicht vorkommt. Unsere Erfahrung ist da allerdings eine ganz andere und wir bemühen uns, die betroffenen Frauen in ihrem seelischen Schmerz aufzufangen", so der Vorsitzende des Vereins 'Hilfe zum Leben' aus Pforzheim.  

"Viele werden zur Abtreibung gedrängt"

Auch Freya Zechmair von "pro familia" in Bamberg kennt Fälle, in denen ein Schwangerschaftsabbruch als traumatisch empfunden wird und seelische Folgen hat. "Meist gibt es dann im Vorfeld bereits Hinweise darauf. Zum Beispiel, dass eine Frau die rationalen Gründe stark abspaltet von der emotionalen Seite. An sich ein ganz normaler Abwehrmechanismus, der aber im Konflikt durchaus ein Zeichen sein kann, dem wir nachgehen. Denn wenn eine Frau nach dem Motto 'Augen zu und mit dem Kopf durch' an eine Abtreibung herangeht, dann kann das durchaus dazu führen, dass das Erlebnis danach schlechter verarbeitet wird. Ein gewisses Gefühl der Trauer ist normal, aber das Gefühl der Erleichterung sollte zunehmen bei einem Abbruch, der von einer Frau autonom entschieden wurde, den die Frau also wirklich will." Reinhard Klein bezweifelt aber, dass sich die Betroffenen wirklich frei entscheiden können: "Viele werden zur Abtreibung gedrängt, manche sogar gezwungen, eine positive Unterstützung von ihrem Umfeld erhalten sie nicht."

Trauer, Reue, Schuld und Verlustgefühle

Der Schwangerschaftsabbruch ist ein Thema, das die Gemüter erhitzt und das immer auch mit dem Thema Glauben zu tun hat und damit, wann neues Leben wirklich entsteht und wie viel Wert es hat. Eine Beratung vorausgesetzt, ist eine Abtreibung in Deutschland ohne medizinischen oder kriminologischen Grund bis zum Ende der zwölften Woche nach der Empfängnis zugelassen. Kaum eine Frau wird sich aber die Entscheidung, eine Schwangerschaft abzubrechen, wirklich leicht machen. Für die meisten ist es eine schmerzliche Erfahrung und nicht wenige kämpfen danach mit Trauer, Reue, Schuld und Verlustgefühlen.

Zu wenig Aufklärung über mögliche seelische Folgen?

Eine Tatsache, der, so Reinhard Klein, in unserer Gesellschaft nicht genug Rechnung getragen wird. Er sieht einen Großteil des Problems darin, dass die Beratungsstellen und auch die Frauenärzte mögliche seelische Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs nicht oder nur zu selten zur Sprache bringen. "An dieser Stelle wird nach unserer Erfahrung nicht genug informiert. Theoretisch muss jeder Arzt seinen Patienten bei einer Operation über jede noch so kleine Möglichkeit einer Folge aufklären. Wir haben aber noch nie gehört, dass das in diesem Fall tatsächlich je gemacht wurde. Uns ist wichtig, klar und eindeutig über die möglichen Folgen aufzuklären, denn was Frauen unserer Ansicht nach in dieser Situation brauchen, ist eine positive Einstellung zum Kind und eine Mut machende Unterstützung. Wir sind überzeugt davon, dass, würden sich alle Frauen outen, denen es nach einer Abtreibung psychisch schlecht ging, es eine neue Diskussion zum Paragraphen 218 geben würde und das will anscheinend keiner."

Freya Zechmair, die Leiterin der Schwangerenberatungsstelle in Bamberg, sieht das anders: "Wir sprechen bei der Beratung mit den Frauen immer über beide Seiten und arbeiten hier mit speziellen Beratungstechniken, für die wir auch geschult werden. Schließlich handelt es sich um einen Ambivalenzkonflikt. Wie wäre es mit dem Kind, was wäre, wenn der Abbruch durchgeführt wird. Wir lassen die Frauen die Situationen erspüren und schauen, welche Gefühle, welche Gedanken auftauchen. Hier geht es darum, zu spüren, was will ich wirklich, selbst wenn es momentan eigentlich so gar nicht in mein Leben passt."

Die Diplom-Sozialpädagogin und systemische Familienberaterin weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Beratungsstellen dazu sogar gesetzlich verpflichtet sind. "Ich als Beraterin muss aber neutral sein und darf die Frau nicht durch Suggestivfragen beeinflussen. Es ist absolut in Ordnung, wenn eine Frau für sich weiß, dass sie sich eher erleichtert als traurig fühlen wird. Natürlich kann eine Abtreibung massive seelische Folgen haben, aber es kommt immer auf die Entscheidungsgrundlage der Frau an. Eine gewisse Trauerreaktion muss man erwarten, aber da gibt es deutliche Unterschiede und nicht jeder Schwangerschaftsabbruch führt automatisch zu einer posttraumatischen Belastungsreaktion."

Folgen zeigen sich noch Jahre später

Die Umstände sind hier oft entscheidend, genau wie die Beeinflussung von außen. Durch den Mann, den Frauenarzt, die Familie und Freunde, aber auch durch die gesellschaftlichen Erwartungen an sich. Da kann es passieren, dass eine Frau durch die Entscheidung gegen das Kind etwas verliert, was nie mehr wiederzugewinnen ist und sie die Entscheidung oft Jahre später sehr bereut, zum Beispiel weil sich keine weiteren Kinder einstellen wollen, und sie eine verpasste Lebenschance betrauert. Oder auch, weil sie schwanger ist und ihr jetzt der Begriff des 'werdenden Lebens' ganz besonders bewusst wird, so dass sich rückwirkend Schuldgefühle einstellen. Viele Frauen reagieren noch Jahre nach einem Schwangerschaftsabbruch extrem auf bestimmte Situationen: Zum Beispiel auf den Kontakt zu schwangeren Frauen oder auf die Wiederholung von Jahrestagen wie dem errechneten Geburtstermin des abgetriebenen Kindes oder dem Tag der Abtreibung selbst.

Man spricht hier gelegentlich vom PAS, dem Post Abortion Syndrom, zu dem unter anderem folgende psychische und psychosomatische Symptome gezählt werden: Depressionen, Angstzustände, Essstörungen, Migräne, Schlafstörungen, selbstzerstörerische Tendenzen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber auch Unterleibsbeschwerden, Störungen im Sexualleben und Magen-Darm-Probleme. Natürlich treten diese Symptome nie gleichzeitig auf, jede Frau reagiert anders auf seelische Belastung. Oft dauert es Jahre oder Jahrzehnte und manchmal gelingt es selbst mit therapeutischer Hilfe nicht, die Ursache zu finden und den Zusammenhang zu erkennen.

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