06.06.2013, 15:53 Uhr | Jenni Zwick, t-online.de
"Familie gründen? Wie spießig!" Hippie-Braut Uschi wagte das bürgerliche Experiment. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images - Symbolfoto)
Ungeplant schwanger und viel zu jung für eine Familie. Uschi (Name geändert) und ihr Freund hatten ganz andere Lebensperspektiven, als sie vor mehr als 30 Jahren ein Baby bekamen. Familie - das klang bürgerlich und spießig, und das wollten die "Alternativen" auf keinen Fall werden:
Wir hatten unseren ersten gemeinsamen Urlaub geplant und eigentlich war klar, dass wir vor der Reise noch "die Pille" in der Apotheke holen mussten. Wir haben es nicht gemacht und uns über Verhütung zwar noch unterhalten, aber keinerlei Konsequenzen gezogen. Ich erinnere mich auch, dass ich ein Kind wollte, ein irrationaler und nur kurz eingestandener Wunsch, den ich nicht ausgesprochen habe. Nach dem Urlaub war klar: Ich war schwanger. Es ist zwar schon über dreißig Jahre her, doch an das Gefühl, als ich erfuhr schwanger zu sein, kann ich mich immer noch erinnern. Heimliche, verdeckte Freude, aber vor allem Erklärungsnot meinem Freund gegenüber, der sich uns als Eltern überhaupt nicht vorstellen konnte; wir verstanden uns als "Alternative", wollten eigentlich noch eine große Reise machen, und wollten vor allem nicht bürgerlich leben. Dazu noch das Gefühl von Unreife und die Vorwegnahme der Kritik von außen: Wir als Eltern?
Ich war mit meinem Freund noch nicht lange zusammen, er war drei Jahre älter als ich. Wir beide hatten unser Elternhaus verlassen und waren nach Berlin gezogen, wo damals der Puls der Zeit schlug. Dort haben wir uns kennen- und lieben gelernt. In einer Zeit, in der wir viel unterwegs waren und das Großstadtleben in vollen Zügen genossen. Er hatte eine Ausbildung, ich wollte eigentlich noch mein Abitur machen aber wir beide wussten noch nicht - und vor allem planten noch nicht -, wohin uns unser Lebensweg treiben würde. Unsere Eltern waren natürlich gar nicht erfreut - in den 70ern war eine ungeplante Schwangerschaft noch immer eine unangenehme Geschichte - zumindest auf dem Land. Wahrscheinlich war es für uns beide aus diesem Grund auch klar, dass wir heiraten müssen. Die vermeintliche Sicherheit, die Krankenversicherung, war ein weiterer vorgeschobener Grund für unsere Hochzeit. Irgendwie wollten wir den Konventionen dann doch entsprechen.
Wir heirateten ohne großes Aufsehen, er trug Jeans, ich hatte ein weißes Hippie-Kleid an. Wir wohnten zu diesem Zeitpunkt schon zusammen und die Schwangerschaft verlief normal. Ich freute mich auf das Kind, ein Schwangerschaftsabbruch kam trotz meiner Jugend nicht in Frage. Bei der Geburt waren wir beide überfordert, vor mehr als dreißig Jahren war es noch neu, dass der Vater mit im Kreißsaal war und wir waren wenig vorbereitet auf das, was uns erwartete - zwischen den Wehen unterhielten wir uns über Kochrezepte. Als unsere Tochter dann auf der Welt war, begann das Alltagsleben und wir schafften es nicht, ein Lebenskonzept zu entwickeln, das unseren Träumen und der Realität angemessen war, unsere Liebe ging verloren. Er war viel unterwegs oder brachte seine Freunde mit ins Haus. Ich hatte das Gefühl, dass sich für ihn nichts geändert hat und entweder saß ich allein zu Hause und kümmerte mich ums Kind oder ich bewirtete zusätzlich noch seine Gäste. Obwohl wir uns beide ein anderes Leben gewünscht hatten, verfielen wir doch schnell in das Rollenmuster unserer Eltern, das in dieser Zeit noch als Norm galt. Die Trennung und Scheidung kam ein Jahr nach der Geburt unserer Tochter.
Doch mein Ex-Mann kümmerte sich weiterhin um unsere Tochter und nahm sie an den Wochenenden zu sich. Er versuchte ein verantwortungsvoller Papa zu sein, der auch mich weiterhin unterstützte. Ich liebte meine Tochter und kam alleine besser klar als mit Partner. Zu stark fühlte ich mich während unserer Ehe an das Verhältnis meiner Eltern erinnert, das wollte ich nicht. Wir lebten noch drei Jahre in Berlin, bis ich mich neu verliebte und mit meiner Tochter nach Süddeutschland zog - zu einem neuen Mann, in eine neue Stadt. Da auch mein Ex-Mann mit seiner neue Partnerin nach Süddeutschland umzogen, sahen sich meine Tochter und er mindestens alle drei Monate, später, als sie alleine Zug fahren konnte, mindestens an einem Wochenende im Monat und in den Ferien. Der Kontakt von mir zu meinem Ex-Mann war immer respektvoll und freundlich, was für die Entwicklung meiner Tochter sehr wichtig war.
Mittlerweile habe ich drei Kinder, die alle schon "aus dem Haus“ sind und ich freue mich darüber, dass ich damals den Mut hatte, in dieser Lebensphase schon ein Kind auf die Welt zu bringen und ich bin froh und dankbar, dass sich die Kinder in ihrem Leben so eingerichtet haben, dass sie zufrieden sind.
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06.06.2013, 15:53 Uhr | Jenni Zwick, t-online.de
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