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Mutterkuchen wörtlich nehmen: Wenn Eltern die Plazenta verzehren

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Mutterkuchen  

Mythen und Fakten rund um die Plazenta

16.01.2015, 10:28 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Mutterkuchen wörtlich nehmen: Wenn Eltern die Plazenta verzehren. Die Plazenta versorgt das Baby während der Schwangerschaft. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Plazenta versorgt das Baby während der Schwangerschaft. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Dass Eltern die Plazenta gerne nach der Geburt mit nach Hause nehmen möchten, um später darauf ein "Lebensbäumchen" zu pflanzen, ist in unseren Breitengraden durchaus nicht ungewöhnlich. Auch in anderen Kulturen gibt es zahlreiche Bräuche rund um den Mutterkuchen. Meist wird er als Teil des Kindes gesehen, sozusagen als geistiger Zwilling und in einer Zeremonie vergraben. Oder, wie im Jemen, an die Vögel verfüttert. Etwas ungewöhnlich allerdings ist ein Brauch, der immer mehr um sich zu greifen scheint: das rituelle Verspeisen der Plazenta, das auch Vegetariern erlaubt ist. Rezepte von der Plazenta-Lasagne bis hin zum Mutterkuchen im wahrsten Sinne des Wortes finden sich im Internet reichlich.

Viele Säugetiere fressen nach der Geburt ihrer Jungen die Plazenta. Auf der einen Seite geht man davon aus, dass das Tier so Nährstoffe zu sich nimmt, die sich im Mutterkuchen befinden und zum anderen verhindert das Auffressen natürlich Verwesungsgeruch, der Raubtiere anziehen könnte.

Nährstoffe für sich nutzen

Raubtiere müssen wir ja eher weniger fürchten, aber die Nährstoffe im Mutterkuchen sind ein entscheidendes Argument derer, die ihn nach der Geburt verspeisen. Angeblich soll die Mutter selbst das Gewebe als wohlriechend und auch im rohen Zustand als wohlschmeckend empfinden. Dass die Milchbildung durch den Verzehr angeregt und die Rückbildung beschleunigt werden soll, ist dabei ein nicht unerheblicher Nebeneffekt.

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Werden in unseren Kliniken Seelen im Müll entsorgt?

Völkerkundler wissen längst, dass die Plazenta schon seit Jahrtausenden einen besonderen Stellenwert quer durch die Kulturen hat. Die so genannten "Nachgeburtsbestattungen" waren in Ägypten genauso üblich wie in Australien, China oder eben in unseren Gefilden. Der Grund für diese Bräuche ist die Vermutung, dass in der Plazenta ein Stück der menschlichen Seele verbleibt: ein geistiger Zwilling sozusagen - und man mit diesem achtsam umgehen müsse.

Von den 60ern bis Anfang der 80er Jahre waren Kosmetikprodukte mit Plazentasubstanz "in". Man hoffte auf die verjüngende Wirkung der Wachstumshormone, und Cremes mit Namen wie Hormocenta oder noch eindeutiger Placentubex fehlten in kaum einem Spiegelschrank. Mit dem Auftreten von AIDS verschwanden diese Produkte vom Markt. Einen deutlich besseren Ruf haben da Globuli, die man sich aus dem eigenen Mutterkuchen machen lassen kann und die später dem Kind homöopathisch beste Dienste leisten sollen oder auch das Mutterfett und das vielseitig einsetzbare Plazentapulver.

Die Plazenta hat eine lebenswichtige Rolle

Die Plazenta, auch Nachgeburt genannt, ist am Ende der Schwangerschaft etwa ein halbes Kilo schwer, zwei bis vier Zentimeter dick, schwammig, mit einem Durchmesser von 15 bis 20 Zentimetern. Bestehend aus mütterlichen, aber auch embryonalem Gewebe ist dieses Organ zehn Monate lang eine Lebensquelle für das Baby. Der Mutterkuchen, der durch seine Form tatsächlich ein bisschen wie ein Kuchen aussieht, versorgt das Ungeborene mit Sauerstoff und Nahrung und schützt es vor schädlichen Stoffen und Einflüssen. Zusätzlich werden durch ihn Stoffwechselprodukte entsorgt und Hormone produziert. Manche Krankheiten, aber auch das Rauchen, können die Funktion der Plazenta stören.

Der Mutterkuchen kann nicht alle Schadstoffe filtern

Das embryonale Blut ist nur durch eine dünne Wand vom mütterlichen Blut getrennt. Was von der Natur durchaus sinnvoll gestaltet ist. Zum Beispiel dann, wenn Mutter und Baby unterschiedliche Blutgruppen haben oder verschiedene Rhesusfaktoren. Durch diese Plazentaschranke werden viele, aber lange nicht alle Gift- und Schadstoffe ausgefiltert, bevor sie zum Baby gelangen können.

Was erklärt, warum einige wenige Medikamente auch in der Schwangerschaft erlaubt sind, Alkohol aber nicht, da er diese Schranke ungehindert passieren kann. Und auch manche Bakterien und Viren schaffen es, sich durch die Membran zu drängen. Rötelnviren zum Beispiel können bei nicht ausreichendem Impfschutz der Mutter über die Plazenta zum ungeborenen Kind gelangen. Was schlimme Folgen haben kann.

Die Nachgeburt ist wichtig

Ist das Baby erst einmal da, ist für die meisten Frauen die Geburt vorbei. Bei ihrem ersten Kind sind sie dann oft überrascht, dass auch die Plazenta noch geboren werden muss und auch das durchaus noch mal ein bisschen schmerzhaft sein kann. Bei der Nachgeburt werden der Mutterkuchen, die Reste der durchschnittenen Nabelschnur sowie die Eihäute vom mütterlichen Körper abgestoßen. Zwei Signale zeigen den Geburtshelfern, dass sich die Lösung der Plazenta ankündigt: zum einen erneute Wehen und zum anderen, der Drang zu pressen.

Der Mutterkuchen löst sich von der Gebärmutterwand und gleitet, wenn alles gut läuft, durch den Geburtskanal heraus. Wobei die Hebamme hier oft ein wenig nachhilft, zum Beispiel durch Druck auf den Bauch. Für die Geburtshelfer ist der Zustand des Mutterkuchens sehr aussagekräftig, er wird daher gründlich untersucht. Wird die Plazenta zum Beispiel nicht vollständig ausgeschieden, dann kommt es zu starken, nicht stillbaren Blutungen und es muss eine Ausschabung gemacht werden.

Eine Fehllage der Plazenta muss gut beobachtet werden

Wenn alles so läuft, wie es soll, dann nistet sich die befruchtete Eizelle und damit auch die daraus entstehende Plazenta im oberen Teil des Uterus ein. Manchmal an der Vorder-, manchmal an der Rückwand. Beides ist völlig normal, hat nur zur Folge, dass man das Kind etwas früher oder später spürt. Bei einer von 200 Schwangeren kommt es aber zu einer ungünstigen Lage. Der Grund dafür können bereits durchgeführte Kaiserschnitte oder Ausschabungen sein, Operationen an der Gebärmutter, aber auch eine rasche Schwangerschaftsfolge oder frühere Fehlgeburten.

Eine Fehllage des Mutterkuchens nennt man Placenta praevia, wobei die Fachleute hier noch einmal vier Unterteilungen vornehmen, je nach Sitz. Von einer Plazenta praevia spricht man aber erst nach der 24. Schwangerschaftswoche, denn bis dahin ist ein Wachsen nach oben noch durchaus möglich. Passiert das nicht, so kann die Schwangerschaft trotzdem einen relativ problemlosen Verlauf nehmen. Allerdings mit engmaschigerer Überwachung und einem Kaiserschnitt.

Stürzt eine Frau während der Schwangerschaft oder erleidet sie einen Schlag auf den Bauch, dann kann sich die Plazenta vorzeitig ablösen. Es handelt sich dann um einen lebensgefährlichen Notfall.

Eine legale Form des Kannibalismus oder doch nur eine Legende?

Ein Mutterkuchen, bei dem alles in Ordnung ist, erinnert ein wenig an frische Leber. Doch nicht immer sieht die Plazenta so aus, wie sie aussehen soll. Es kann zu Verkalkungen des Gewebes kommen, sie kann Löcher haben oder an sich ungünstig aufgebaut sein. All dies ist nicht ungefährlich für das ungeborene Kind.

Bei einem solchen Mutterkuchen vergeht übrigens auch eingefleischten Plazentaparty-Fans anscheinend der Appetit. Auf den einschlägigen Seiten wird daher dann von Plazenta-Carpaccio abgeraten. Und selbst Tom Cruise, der in einem Interview behauptet haben soll, dass er fest vorhabe, den Mutterkuchen seiner Tochter zu verspeisen, hat dies später als "lächerlich" abgetan. Letztendlich bleibt es ja auch jedem selbst überlassen, ob er einen Baum darauf pflanzt, Mutterfett zubereitet oder es sich einfach schmecken lässt. Rein gesetzlich gesehen gehört die Plazenta nämlich den Eltern - und die können damit machen, was sie wollen.

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