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Immer weniger Entbindungsstationen: Experte im Interview

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Experte glaubt: künftig mehr Geburten im Auto

07.02.2012, 15:40 Uhr | dpa

Im niedersächsischen Kreis Diepholz hat im Dezember die letzte Entbindungsstation schließen müssen, weil die Ärzte fehlen. In Deutschland ist das kein Einzelfall, für niedergelassene Gynäkologen lohnt sich die Arbeit wegen der hohen Versicherungsprämien oft nicht mehr. "Dadurch hat sich die Situation in Deutschland verschärft", sagt der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, Christian Albring, in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa in Hannover. Auf dem Land müssten Frauen deshalb für die Geburt viele Kilometer weit fahren. Dadurch bestehe die Gefahr, dass mehr Kinder in Autos auf die Welt kämen - ohne professionelle Hilfe.

Ist die Situation im Kreis Diepholz ein Sonderfall?

Albring: Nein, es gibt noch mehr weiße Flecken in Deutschland. Das ist vor allem in den ländlichen Gebieten der Fall, wo wenige Geburten sind. Es gibt aber keine Regionen, die besonders betroffen sind, sondern es hängt stark von der Situation ab und auch vom Engagement des Krankenhausträgers. Ein kirchliches Haus entscheidet vielleicht anders als ein rein monetär ausgerichtetes Haus, wenn die Zahl der Entbindungen zurückgeht und sich die Abteilung dadurch nicht mehr rentiert.

Was ist der Grund für das Sterben der Geburtskliniken?

Albring: Die Versicherungsprämien sind gewaltig gestiegen. Die liegen bei 24.000 bis 45.000 Euro im Jahr. Das bedeutet, bei einem Umsatz von 160 Euro pro Geburt müssen die Ärzte sehr viel arbeiten, um überhaupt auf Null zu kommen. Dadurch hat sich die Situation in Deutschland verschärft. Über 50 Prozent der Belegärzte - also niedergelassene Gynäkologen, die Geburtshilfe in Krankenhäusern übernehmen - haben mittlerweile aufgehört. Man könnte das Problem natürlich beheben, indem die Krankenhausträger die Prämie übernehmen. Aber das ist von der Philosophie des Hauses abhängig.

Was sind die Folgen, wenn Schwangere viele Kilometer weit für eine Entbindung fahren müssen?

Albring: In Zukunft wird es wieder zu Geburten im Auto oder Taxi kommen. Das ist für die Mutter nicht unbedingt von Übel, obwohl sie dadurch auch gefährdet sein kann. Aber bei dem Kind kommt es manchmal schon auf zwei, drei Minuten an. Wenn es keinen Sauerstoff bekommt, ist es für die Zukunft geschädigt. Insofern muss sich die Gesellschaft überlegen, ob sie das zulassen will oder nicht, dass Frauen 40 bis 50 Kilometer weit für die Geburt fahren müssen.

Gibt es dadurch mehr Kaiserschnitte?

Albring: Noch ist es nicht so, dass es eine prophylaktische Entbindung gibt, um einen Geburtstermin einzuhalten oder das Risiko zu senken. Es ist nicht erlaubt, so zu verfahren. Ich glaube aber, dass es dazu kommen kann, vor allem bei Risikopatientinnen.

Sind Frauen in großen Geburtskliniken, die in der Woche viele Entbindungen haben, besser versorgt als in kleinen Häusern?

Albring: Bezogen auf Risikoentbindungen ist diese Aussage richtig. Aber bei normalen Entbindungen stimmt das nicht. Es gibt keine Evidenz dafür, dass dort, wo mehr gearbeitet wird, auch mehr geleistet wird. Das hängt vom Engagement des Krankenhauses, des Arztes und der Hebamme ab. Entbindungen kann man nicht verlernen. In großen Kliniken hat man auch mehr Ärzte, deshalb hat jeder Einzelne am Ende auch nicht mehr Geburten.

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